Unsere Situation ist ›VIROLESK‹

Geistesblitze und Bonmots des Philosophen Prof. MARKUS GABRIEL (Bonn/ Paris):

»Denn Sars-CoV-2 ist ja ein psychologisch aufgeladenes Virus. Wir wissen nach wie vor kaum etwas über das kleine Biest. Aber wir alle machen den Fehler, uns im digitalen Universum nach Informationen umzuschauen, und insofern gehören wir alle zur Gattung der eingebildeten Kranken – mit einer Ausnahme: Boris Johnson. Der britische Premierminister war, wenigstens eine Zeitlang, ein eingebildeter Gesunder«.

»Es wird früher als in einem Jahr keinen wirksamen und sicheren Impfstoff geben, der für die breite Bevölkerung einsetzbar ist, möglicherweise wird die Impfstoff-Entwicklung aber sehr viel mehr Zeit beanspruchen. Insofern ist unsere Situation meines Erachtens kafkaesk, ja gleichsam VIROLESK zu nennen«.

»Falsch! Ich verharmlose gar nichts. Ich erstelle eine mittlere Diagnose. Tatsache eins ist: Es verbreitet sich ein gefährliches und neuartiges Virus. […], ich bin ja kein Virologe oder Epidemiologe, sondern Philosoph. […] Mein Punkt ist ein anderer. Faktisch sterben jedes Jahr auf der ganzen Welt Millionen von Menschen an unserer Konsumwirtschaft, an den Folgen des Klimawandels, im motorisierten Verkehr und in gewaltsamen Konflikten. Wenn wir nun also wegen der Corona-Pandemie in Krisenzeiten angeblich alles Mögliche unternehmen müssen oder wollen, um die Zahl der Menschenopfer zu minimieren, und zwar unter Inkaufnahme unvorstellbarer wirtschaftlicher Kosten, die auch wiederum menschliches Leid verursachen, nun ja, dann müssten wir auch in Normalzeiten alles unternehmen, um Menschenopfer zu minimieren«.

»Bald laufen alle Menschen mit Masken herum, aber in Wahrheit erleben wir die grosse Demaskierung: Alle Behauptungen, Berechnungen, Manöver, Dynamiken, Abläufe sind in der Krise sichtbar geworden. Dafür brauchte es den sozusagen unsichtbaren Hauch eines Virus, das wie ein Gespenst herumspukt und uns im Wahn technokratischer Unverwundbarkeit unerwartet getroffen hat« (QUELLE: 4 Zitate aus Neue Züricher Zeitung/ 28.04.2020).

»Denn die Normalität, die jetzt endgültig zerstört ist, war in einem bestimmten Sinne nicht normal, sondern letal. Wir haben ja systematisch an der Selbstausrottung der Menschheit gearbeitet. Die Ordnung vor Corona war eben überhaupt nichts, nach dem wir uns zurücksehnen sollten, sondern wir müssen nach vorne denken. […] Ja, wir haben uns sozusagen umprogrammiert und glauben jetzt seit circa 30 Jahren, dass ein in Wirklichkeit schlechtes Leben ein gelungenes Leben ist. Wir haben uns in einem schlechten Leben eingerichtet, und Gewohnheiten legt man nicht so schnell ab, auch wenn sie schlechte waren« (QUELLE: ndr-Kultur, After-Corona-Club/ 20.05.2020).

»Das ist also auch ein Aufklärungsdefizit unserer Gesellschaft, dass die Philosophen in Krisenzeiten nicht angemessen gehört werden, sondern die ganz Falschen, zum Beispiel die neoliberalen Ökonomen, die man auf gar keinen Fall fragen sollte, wie wir unsere Gesellschaft gestalten sollten, denn die haben sie ruiniert. […] Es gibt diese Allmachtsphantasie der Ökonomen, man könne die Zukunft durch Prognosen vorhersagen und kontrollieren. Das alles ist eigentlich mit der Finanzkrise bereits widerlegt worden. Nichts kann man vorhersagen! Die Zukunft ist etwas, das wir gestalten, durch absichtlich moralisch angeleitetes Handeln und Nachdenken beeinflussen können. Doch sie lässt sich nicht durch wirtschaftswissenschaftliche Modelle kontrollieren. Das meiste davon ist Humbug«.

»Neben den schwierigen gesundheitspolitischen Aspekten der ›neuen Normalität‹ müssen wir uns klar machen, dass die Sprache, in der wir die Lage wochenlang beschrieben haben, ein vulgäres Englisch ist: Shutdown, Lockdown, Social Distancing. Und warum wohl? Weil die Spielregeln unseres Handelns im Homeoffice (noch so ein Wort) wochenlang von amerikanischen Tech-Monopolisten strukturiert wurden: Zoom, Skype, Facebook, Twitter. Wir haben als Reaktion auf die virale Pandemie unsere Gesellschaft US-amerikanischen Unternehmen ausgeliefert, die wir vorher zu Recht dauernd kritisiert haben. Das ist eine Art der Kolonisierung, ich nenne das mit einem etwas verfremdeten Habermas-Wort die ›CORONIALISIERUNG der Lebenswelt‹: Softwaresysteme, deren Algorithmen außerhalb unseres Zugriffs sind, durchdringen unsere vormalige Privatsphäre und bestimmen mit, wie wir uns verhalten. Das sind tiefe Eingriffe in unsere Gesellschaft und sie sind durchaus fragwürdig, wenn man etwa bedenkt, welche Rolle die sozialen Medien bei der Trump-Wahl gespielt haben, die uns allen zu schaffen macht« (QUELLE: 2 Zitate aus Frankfurter Rundschau/ 23.07.2020).

Das wird den FUESTen der Dunkelheit aber gar nicht gefallen.

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