Schöne Scheinwelt

Sei du selbst. Alle anderen sind bereits vergeben.

— Oscar Wilde

Dies ist der erste Beitrag in meinem neuen Blog. Ich beginne gerade erst mit dem Bloggen; bleibt also dran, es folgen bald weitere Beiträge. Melde dich unten an, um eine Benachrichtigung zu erhalten, wenn ich etwas Neues poste

»VÖLKI«

Fahrt mit dem Intercity-Express nach LEIPZIG und zum VÖLKERSCHLACHT-DENKMAL (19.05.). Zuletzt besuchte ich im September 2025 diese faszinierende Stadt (siehe meine Posts GROSSER BAHNHOF, 2 MEPHISTOS WAY, 3 NOTENSPUR und 4 KLEINER BRAUNER vom 05.09.2025 hier im BLOG-FEED).

Zunächst durchstreifte ich die Innenstadt. Markttag. Zwei Elefantenköpfe weisen auf das Kaffehaus RIQUET. Sehr zu empfehlen ist die anderthalbstündige Rundfahrt »Leipzig HOP ON HOP OFF, Stadtentdeckung per Bus« mit elf Haltepunkten (im Uhrzeigersinn): Start am Ausgang der Goethestraße gegenüber des Ostportals des Hauptbahnhofs. Auf Ermäßigungen achten! Die angefahrenen Ziele:  Thomaskirche mit Bach-Denkmal; Zoo (Gondwanaland); Gohliser Schlösschen und Schillerhaus; Waldstraßenviertel mit Stadthafen; Karl-Heine-Kanal und Clara-Zetkin-Park; Szenemeile »Karli«; Mediengelände (MDR) und Panometer; Völkerschlacht-
denkmal; Deutsche Nationalbibliothek und Russische Gedächtniskirche; Bayerischer Bahnhof und Alte Messe; Gewandhaus und Oper.  

Vom 16. bis 19. Oktober 1813 war Leipzig Schauplatz der VÖLKERSCHLACHT. Die verbündeten Heere Russlands, Preußens, Österreichs und Schwedens errangen dabei den entscheidenden Sieg über Napoleon und dessen Alliierte auf deutschem Boden. Dieser Sieg über Napoleons Streitmacht leitete zugleich das Ende der napoleonischen Ära ein. Die Bilanz: 600.000 Soldaten aus über zwanzig Ländern waren beteiligt, 100.000 Tote oder Verwundete waren zu beklagen. In Leipzig brach eine Typhus-Epidemie aus, die zehn Prozent der Bewohner das Leben kostete. 

Zum einhundertsten Jahrestag der Völkerschlacht wurde das gewaltige 91 Meter hohe Monument als größtes Denkmalsbauwerk Europas im Südosten von Leipzig im Stadtteil Probstheida eingeweiht. Um die Mittagszeit herrschte Gegenlicht. Deshalb sind die folgenden Beschreibungen nur teilweise bebildert. Vor dem VÖLKERSCHLACHT-DENKMAL befindet sich ein 162× 79 Meter großes Wasserbecken, welches 1938 durch die Nationalsozialisten in »See der Tränen um die gefallenen Soldaten« umbenannt wurde. Das Völkerschlachtdenkmal weist einen quadratischen Grundriss auf. Dem Baukörper ist auf der Vorderseite eine breite Freitreppe vorgelagert. Mehrere Aussichtspunkte auf unterschiedlichen Ebenen bieten einen grandiosen Panoramablick über Leipzig und seine Umgebung.

Erbaut nach Entwürfen von Bruno Schmitz, schüchtert das Denkmal durch seine rittergeschmückte Krypta, die fast zehn Meter hohen Kolossalfiguren in der Ruhmeshalle und die 68 Meter hohe Reiterkuppel ein. Personenaufzüge führen bis zum oberen äußeren Rundgang in 58 Metern Höhe. 

Sowohl außerhalb als auch innerhalb besitzt das Denkmal einen reichen Skulpturenschmuck. An der Außenwand des Kuppelbaus befinden sich zwölf kolossale ›Freiheitswächter‹. Sie stellen Ritter dar, die ihre Köpfe gesenkt haben und sich auf ihre Schwerter stützen. Am oberen Rand des Turmbaus steht die Inschrift »18. OKTOBER 1813«, welche sich auf den entscheidenden Tag der Völkerschlacht bezieht. Am oberen Rand der Freitreppe steht die Inschrift »GOTT MIT UNS«. So lautete der Schlachtruf der Preußen in den ›Befreiungskriegen‹. Über dem Haupteingang befindet sich eine monumentale Figur von »SANCT MICHAEL«. Der Erzengel Michael gilt seit der siegreichen ›Schlacht auf dem Lechfeld‹ am 10. August 955 als Schutzpatron der Deutschen. 

Die acht Pfeiler der Krypta sind als riesige Totenmasken ausgebildet, vor denen jeweils zwei monumentale Totenwächter stehen. Sie stellen Ritter dar, die ihre Köpfe gesenkt halten und sich auf ihre Schilde stützen. Darüber öffnet sich als zentraler Gedenkraum die Ruhmeshalle mit vier kolossalen ›Tugenden der Deutschen‹ nach der wilhelminischen Staatsräson: VOLKSKRAFT auf der Nordseite, OPFERBEREITSCHAFT auf der Ostseite, TAPFERKEIT auf der Südseite, und GLAUBENSSTÄRKE auf der Westseite. Weiteres VÖLKERSCHLACHTEN und weitere ›Opfergänge‹ folgten: Verdun, Stalingrad, … Heutige Kriege werden gegen die Zivilbevölkerung geführt: DOMIZIDE in der Ukraine, in Gaza/ im Südlibanon, …

Immer dienstags zu den regulären Markttagen erproben sich am »Kids-Marktstand« auf dem Leipziger Wochenmarkt Vorschulkinder als kleine Händlerinnen und Händler.
Bei der Amokfahrt von Leipzig am 4. Mai 2026 fuhr ein Autofahrer vom Augustusplatz mit einem SUV etwa 450 Meter quer durch eine Fußgängerzone in der Innenstadt (durch die Grimmaische Straße, am Markt entlang) und erfasste dabei mehrere Fußgänger:-
innen. Dabei wurden zwei Menschen getötet und sechs weitere verletzt, zwei davon schwer. Der Fahrer wurde noch am Tatort festgenommen. Bei dem Festgenommenen handelte es sich laut Polizei um einen 33-jährigen Deutschen aus Sachsen.

WAL-ABGESANG

Sprengt den Wal!
Macht ihn zu Mett!
Das Recht zu böllern, nimmt uns keiner weg!
Den ganzen Tag faulenzt nur, wo ist bitte die Zündschnur?
Das gehört zu unsrer deutschen Leitkultur!

(Mit einem satirischen Lied über den Buckelwal in der Ostsee sorgte die Berliner Rockband TULPE für Aufsehen in den sozialen Medien).


Der deutsche Buckelwal-Wahn hat ein Ende gefunden. Vor knapp zwei Monaten tauchten die ersten Medienberichte von einem an der deutschen Ostseeküste entlang irrenden Großwal auf. Am 23. März strandete er erstmals auf einer Sandbank vor dem Ort Timmendorfer Strand. Fachleute waren sich einig: Es ist ein junger Buckelwal-Bulle. Das Tier wurde vermenschlicht und erhielt den Namen »TIMMY«, benannt nach dem Ort, an dem er gestrandet war. Seit diesem Tag konnte man täglich − ja stündlich − das Schicksal des vermutlich durch Fischernetze verletzten Wals nachrichtlich verfolgen. Gefühlt ganz Deutschland beschäftigte sich fortan mit der Odyssee von Timmy (auch »Hope«). Im Ausland wunderte man sich über die seltsamen Deutschen. Nach mehrfachen Strandungen und mitunter absurden Rettungsversuchen startete schließlich eine aufwändige finale Rettungsaktion des kranken und geschwächten Wals. Mithilfe eines Lastkahns wurde der von der Ostsee bis in die Nordsee transportierte Wal schließlich am 2. Mai vor der dänischen Nordspitze bei Skagen freigelassen. Dann war Timmy erstmal abgetaucht. Am 14. Mai entdeckte man schließlich vor der dänischen Insel Anholt einen Wal-Kadaver. Nun ist die quälende »Gretchenfrage« beantwortet: »Gericht Gottes! Dir hab’ ich mich übergeben! (Margarete) […] Sie ist gerichtet! (Mephistopheles) […] Ist gerettet! (Engelschor)«. Timmy ist also »gerettet«, Klappe. 

Und die Moral von der Geschicht‘? Der Bestand der größten Meeressäuger ist stark gefährdet: Unterwasserlärm, Stell- und ›Geisternetze‹ und die Veränderungen des Lebensraumes Meer durch den Klimawandel setzen den Meeressäugern zu.

Diese Wal Geschichte ist ein Lehrbeispiel dafür, was passiert, wenn wir evidenzbasierte, wissenschaftliche Gefilde verlassen und Menschen folgen, die weitgehend nur noch gefühlsgesteuert handeln.

In Deutschland werden in einem Zeitraum von 8 Wochen etwa 115 bis 120 Millionen Tiere geschlachtet.


Timmy ist unser bester Freund, 
lustig wird’s immer, wenn er erscheint.
Spaß will er machen, tolle Tricks,
er bringt uns Stunden des Glücks.

Man ruft nur Timmy, Timmy,
gleich wird er kommen,
jeder kennt ihn − den klugen Timmy-n.
Wir riefen Timmy, Timmy,
den Freund aller Kinder,
Große nicht minder,
lieben auch ihn.   

(Abwandlung der deutschen Titelmelodie der Serie FLIPPER. Nach dem Erfolg der beiden amerikanischen Kinofilme um Flipper entstand zwischen 1964 und 1967 die gleichnamige Fernsehserie. In Deutschland war die Serie ab 1966 im Nachmittagsprogramm des ZDF zu sehen. Fünf weibliche Tümmler spielten abwechselnd die Rolle von Flipper. Als die letzten Dreharbeiten beendet waren, blieb die Flipper-Darstellerin Cathy übrig. Der letzte Flipper-Delfin Cathy beendete laut Angaben des Tiertrainers O‘ Barry daraufhin sein Leben selbst). 

»POOP MODE« 


Anlässlich des »Gallery Weekend Berlin« präsentierte die ›Neue Nationalgalerie‹ die interaktive Installation »REGULAR ANIMALS« des Künstlers BEEPLE (Mike Winkelmann, *1981). Die Installation war erstmals in Deutschland zu sehen und konnte bis zum 10. Mai besichtigt werden. 

»Regular Animals« besteht aus autonomen Roboter-Hunden, die sich frei innerhalb eines definierten Bereichs bewegen. Jeder Robotik-Hund ist mit einem realistischen Silikonkopf ausgestattet, der nach weltweit bekannten Persönlichkeiten modelliert ist, darunter die Tech-Milliardäre in der Midlife-Crises Elon Musk, Mark Zuckerberg, Jeff Bezos; der »Oberste Führer« Kim Jong-un; oder die Kunstikonen Pablo Picasso, Andy Warhol und Beeple selbst. Es fehlt aber der faschistoide ›Puppenspieler‹ Peter Thiel.

Ein leises Piepsen, ruckartige Bewegungen. Die sieben gar nicht niedlichen »Regular Animals« tapsen ungelenk durch ihren ›kleinen Laufstall‹. Während die Roboter das Foyer durchstreifen, erfassen sie über ›in ihrer Brust‹ eingebaute Kameras Bilder ihrer Umgebung. Diese Bilder werden von KI-Systemen verarbeitet, die die Daten gemäß dem festgelegten ›Stil‹ jeder der Maschinen neu interpretieren. Dann gehen die Maschinen in den »Poop Mode« über. Statt Hundehaufen werden die ›Fotos‹ als Ausdrucke aus
den Roboter-Hinterteilen ausgestoßen. Diese sehen aus wie kubistische Figuren, wenn der Picasso-Hund seine Weltsicht ausdruckt,
wie Siebdrucke, wenn es der Warhol-Hund ist. Die Zuschauer:innen werden selbst Teil der Inszenierung.

Beeple verdeutlicht mit seinen Roboterhunden Machtstrukturen. Früher seien es Künstler wie Pablo Picasso, und Andy Warhol gewesen, die unseren Blick auf die Welt geprägt hätten (Andy Warhol im analogen 1972: »In Zukunft wird jeder 15 Minuten weltberühmt sein.«). Heute seien es Plattformen wie Facebook, Instagram, TikTok oder X und ihre Betreiber. Davon ist Beeple überzeugt: »Unser Weltbild wird von Tech-Milliardären beeinflusst, die mächtige Algorithmen kontrollieren. Sie entscheiden, was wir wie sehen − und was nicht.«

Mr. Charles Montgomery Burns zur Installation: »Lass‘ die Hunde los!«

»Zwei Himmelhunde auf dem Weg zur Hölle« (Originaltitel: Più forte, ragazzi!).

SPIRIT OF ECSTASY

Während der »Classic Days Berlin« sind an diesem Wochenende rund 2.000 historische Fahrzeuge ausgestellt. Am Kudamm bietet sich vom Olivaer Platz bis zur Joachimstaler Straße die Gelegenheit, einige Klassiker der Automobilgeschichte zu sehen (09./ 10.05.)

Bei Oldtimer-Shows faszinieren stets die Kühlerfiguren. Die automobilen Statussymbole waren bis in die 1950er-Jahre Zierde und Erkennungsmerkmal vieler Autohersteller. Die kleinen Figuren von Personen (zum Beispiel »Emily« von Rolls-Royce), Tieren (zum Beispiel LEAPER, die Figur von Jaguar) oder Markenzeichen (zum Beispiel Mercedes Benz) sind sehr kunstvoll und aufwändig gestaltet. Mit Beginn der Massenproduktion verschwanden sie. Gründe hierfür waren – außer den Produktionskosten – der Sicherheitsaspekt: Denn bei Unfällen mit Fußgängern verursachten die Kühlerfiguren oft schwere Verletzungen. Im April 1959 wurden starre Kühlerfiguren in Deutschland verboten. In der heutigen automobilen Welt sind die Fahrzeug-Karosserien im Windkanal glattgeschliffen. Aalglatt.

Die »SPIRIT OF ECSTASY« (Geist der Verzückung) – auch »Flying Lady« − fehlt in der untenstehenden Bilderstrecke. Die wohl berühmteste Kühlerfigur der Autogeschichte ziert seit 1911 jedes Rolls-Royce-Modell. Dafür konnte ich die fliegende Wachtel eines Ford-A-Zweisitzers von 1930 fotografieren. Oder den im Sprung befindlichen Windhund eines Lincoln Modells.


NOTABENE: Die große Verkehrsrevolution in Berlin ist abgesagt: Das im Januar gestartete Volksbegehren »Berlin autofrei« für ein weitgehendes Autoverbot innerhalb des S-Bahn-Rings ist krachend gescheitert. Nur etwa 140.000 Wahlberechtigte unterstützten das Anliegen. Um einen Volksentscheid anzustoßen, braucht es die Unterschriften von mindestens sieben Prozent der Berliner Wahlberechtigten, also rund 175.000. Im Pariser Klimaabkommen hatte sich Deutschland 2016 noch verpflichtet, den Temperatur-
anstieg bis 2035 deutlich unter zwei Grad zu begrenzen. Dieses Ziel ist inzwischen von der Bundesregierung gestrichen.
Aber weiteres Ungemach ploppt auf: das Menetekel der Sperrung der Straße von Hormus. Heute begehen wir den ERDÜBER-
LASTUNGSTAG (Earth Overshoot Day), an dem wir alle natürlichen Ressourcen verbraucht haben, die die Erde innerhalb eines ganzen Jahres regenerieren kann.

MAINOPOLY

Der 1. Mai ist in Berlin ein anregender Tag. Stadtweit wird dieser Tag mit Veranstaltungen begangen. Das Zentrum der Feierlichkeiten rund um den »Tag der Arbeit« bildet traditionell Friedrichshain-Kreuzberg. Jedes Jahr ziehen an dem Feiertag ab mittags Zehn-
tausende in den Bezirk. Viele kommen mit den S-Bahnen und Regionalzügen aus dem Speckgürtel und aus Brandenburg, aber auch aus dem Bundesgebiet.

An der traditionellen Demonstration und Kundgebung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) beteiligten sich in der Hauptstadt nach Gewerkschaftsangaben rund 12.000 Menschen. Sie gingen unter dem Motto »Erst unsere Jobs, dann eure Profite« auf die Straße. Während etwa 10.000 ›radikale und anarchistische‹ Linke mit dem Demonstrationszug »Revolutionärer 1. Mai – Freiheit, Frieden, Solidarität.« gegen Krise, Krieg und Kapital am Abend durch Kreuzberg und Neukölln zogen, setzte der Berliner Landes-
verband der Partei ›Die LINKE‹ bei einem Fest am Mariannenplatz einen anderen Ton. Zeitgleich zur ›Weltrevolution‹ trat Rapperin Ikkimel auf – und zog damit ähnlich viele Leute wie der Unmutsprotest an. Zur »Feministischen-1. Mai-Demonstration« am Henriettenplatz (Halensee) rückten zwei Hundertschaften Bereitschaftspolizei an. Wohl, um die wachsende Frauengewalt in der Gesellschaft im Keim zu ersticken? An dieser Kundgebung nahmen bald genauso viele Frauen wie Polizisten teil.

Noch deutlich mehr Menschen gingen am Tag der Arbeit zum Feiern und Chillen raus. Mehr als 60.000 Menschen hätten sich in Grünanlagen und Parks aufgehalten. Besonders voll war es im Görlitzer Park. Wegen Überfüllung wurde der Görlitzer Park am frühen Abend geschlossen, später jedoch wieder geöffnet. Zuvor protestierten Tausende Menschen bei der Techno-Demo »Free Görli − Rave against the Zaun« gegen die nächtliche Schließung der Parkanlage.


Heraus zum 1. Mai! Ich war draußen. Love Rave im Grunewald. Satirische Angebote rund um den Johannaplatz. Mit viel Bumm Bumm und guter Laune. Das ›Quartiersmanagement Grunewald‹ hatte wieder zu »MyGRUNI«, dem »Tag der sozialen Arbeit − den Problem-
kiez abholen« eingeladen. Die inzwischen etablierten ›Sozialarbeiter‹ engagieren sich seit 2018 im ›Problemkiez‹. Die Demons-
trationen waren in den vergangenen Jahren von satirisch-künstlerischen Aktionen, Figuren und Plakaten gekennzeichnet und liefen stets friedlich ab. In den ersten Aktions-Jahren wurden jedoch Konfetti-Würfe in Vorgärten als Landfriedensbruch geahndet. Trotz jahrelanger ›aufsuchender Sozialarbeit‹ gilt das Villenviertel immer noch als wohlstandsverwahrlost sowie als Brennpunkt von Finanzkriminalität und Kapitalextremismus. 

Die Veranstalter kritisieren eine explosive Mischung aus Verachtung von Geringverdienern, konservativem Fanatismus, Law-and-Order-Fantasien, Militarismus, Kürzungen, Sozialchauvinismus und Korruption. »In Berlin wird gezündelt: Kai kürzt und sorgt
für sozialen Sprengstoff!«, so die Analyse. Und die »MyGruni«-Organisator:innen versprachen, den sozialen Sprengstoff
zurück zu seinem Ursprung ins Villenviertel zu bringen: »wir. entschärfen. berlin.« Mit Altlasten wie großkalibrigen Kürzungsbazookas, Austeritätsblastern und Repressionsgranaten kennen sich die ›Sprengmeister‹ der ›Autonomen Kampfmittelbeseitigung‹ bestens aus, wie sie betonten. »Der Wille zur Yacht und die Villen der Macht sind verantwortlich
für die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen. Hier müssen wir ansetzen.«  

Mehr als 4.200 Teilnehmer:innen des »My GRUNI-Fahrradkorso« zog es unter dem Motto »Autoverbote verbieten verboten.« an den Johannaplatz. Zu Gesellschaftsspielen wie MAInopoly (»Wir entschärfen die Spielregeln des Kapitalismus auf Berliner Straßen«); »Mensch ärgere dich doch! Spiel, Spaß & Störaktion«; zu Wettkämpfen der intergalaktischen Sportbrigade (»Kai(n) Sport für Eliten«), ›Hobby Horsing‹ nennt sich das Reiten auf einem Steckenpferd; zu Techno-Musik vom »Adenauer SRP+«. Den »Adenauer SRP+« entwickelte das »Zentrum für politische Schönheit (ZPS)« zur Bundestagswahl 2025 als Einsatzfahrzeug der wehrhaften Demokratie. Der Name spielt auf das Parteiverbot der »Sozialistischen Reichspartei (SRP)«, einer direkten Nachfolgepartei der NSDAP, 1952 durch Kanzler Konrad Adenauer an. 

BILANZ
Die U-Bahnhöfe ›Kottbusser Tor‹, ›Hallesches Tor‹ und ›Görlitzer Bahnhof‹ wurden geschlossen, die Züge hielten dort nicht mehr;
21 Bus- und acht Metrolinien fuhren veränderte Routen sowie andere Haltestellen und Ziele an. Wegen der Menschenmassen in Kreuzberg waren auch zahlreiche Straßen für Autos gesperrt. Der 1. Mai war in diesem Jahr auch der Tag des Tankrabatts. Jede Menge junge Leute drängte es zur ›Tanke‹. Die dicht belagerten Tankstellen dienten jedoch als Nachschublager für trinkbaren Sprit. Nach der Party übersäten Scherben und Glassplitter Kreuzbergs Straßen, Müllberge türmten sich in Parks. Die Berliner Stadt-
reinigung (BSR) beseitigte mit Sonderschichten die Abfälle. Insgesamt kamen bereits am Samstag rund 350 Kubikmeter Müll zusammen – doppelt so viel wie im Vorjahr. 5.300 Polizisten waren im Einsatz, darunter mehr als 2.000 aus anderen Bundesländern und von der Bundespolizei. Der 1. Mai blieb friedlich. Das gefiel nicht allen Medien.

Ziemlich beste Freunde. Sie lieben sich und fossile Energieträger. Kann denn Liebe Sünde sein?

GOITSCHIT

Fahrt mit dem Deutschlandticket von Berlin aus via Dessau ins Chemiedreieck Bitterfeld, Halle-Neustadt, Leuna nach BITTERFELD-WOLFEN (22.04.). Seit 2007 bilden Bitterfeld und Wolfen eine Doppelstadt. Walther RATHENAU (1867−1922) brachte durch die Ansiedlung der Elektrochemischen Werke im Auftrag der Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft (AEG) 1893 die chemische Industrie in die Region. Der Reichsaußenminister Rathenau wurde im Juni 1922 von Rechtsradikalen ermordet. Die Städte Bitterfeld und Wolfen waren im 20. Jahrhundert wichtige Chemiestandorte. Das Bitterfelder Braunkohlerevier bot die Voraussetzung für die Ansiedlung von Branchen mit höchstem Energiebedarf. Zu den herausragenden Unternehmen jener Ära zählten das VEB Chemiekombinat Bitterfeld (hervorgegangen aus IG Farben) und die Filmfabrik Wolfen, die allerdings auch die Ursache für
eine existenzbedrohende Umweltzerstörung der Region waren. Auf dem Gelände dieser beiden Unternehmen fand nach
der Wiedervereinigung eine umfangreiche Sanierung statt. 

Ausstieg am Bahnhof in WOLFEN. Berühmt wurde Wolfen durch die chemische Fotoindustrie. Mit AGFA ließ sich Anfang
des 20. Jahrhunderts die größte europäische und weltweit zweitgrößte Filmfabrik dort nieder. Nach 1964 ging der Betrieb in Wolfen
auf den Namen ORWO für ORiginal WOlfen über. Ich stieg in den wartenden Bus 405 und ließ damit die Sehenswürdigkeiten Rathaus, Städtisches Kulturhaus und Industrie- und Filmmuseum rechts liegen − für den nächsten Besuch.

Der Stadtteil BITTERFELD liegt am »Großen Goitzsche-See (sprich: Gottsche)«. Der Tagebaurestsee gehörte zum Bitterfelder Bergbaurevier. Das Gewässer ist seit der kompletten Flutung im Jahr 2011 der zweitgrößte See im Mitteldeutschen Seenland. Bitterfeld ist heute Hafenstadt. Manche sprechen inzwischen mit einem Augenzwinkern von »Bad Bitterfeld«. Durch den Abbau
der Braunkohle wurde in den 1970er-Jahren der Bitterfelder BERNSTEIN entdeckt. 

Seit 2015 wird aus dem vollständig renaturierten Goitzschesee wieder Bernstein gefördert. Es ist die weltweit zweitgrößte Bernstein-Lagerstätte und das weltweit größte Abbaugebiet unter Wasser. Es wurden neun verschiedene Bernsteinarten gefunden, darunter der GOITSCHIT, welcher nach dem See benannt wurde. Die Geschichte der synthetischen DIAMANTEN und der Bernsteine ist ansprechend im Kreismuseum Bitterfeld dokumentiert. Dort widmet man sich auch der Geschichte der BALLONFAHRT.

Sehenswürdigkeiten: das historische Rathaus; die neogotische Stadtkirche St. Antonius; der neoklassizistische Kulturpalast; die FÜRSTENHERBERGE − das älteste Haus von 1579. Der BITTERFELDER BOGEN ist das neue Wahrzeichen der Stadt. Im August 2006 wurde das 28 Meter hohe, 14 Meter breite und 81 Meter lange Bauwerk auf dem Bitterfelder Berg eröffnet. Höhe des Fußpunktes: 127 Meter über n.N.; auf einer 540 Meter langen Rampe erreicht man die oberste Aussichtsplattform. Und wird mit einer wunderbaren Fernsicht bis nach Leipzig belohnt. Rückfahrt ab dem Bahnhof Bitterfeld mit dem RE13 und RE7. Fahr‘ mal hin!



Notabene: Bei der Nachbereitung zu diesem Post musste ich feststellen, dass mir in Bitterfeld Sehenswürdigkeiten entgangen sind: der 26 Meter hohe PEGELTURM und der historische, ehemals niederländische FRACHTENSEGLER »MS Reudnitz« (Baujahr 1890) an der nördlichen Bernsteinpromenade; die Halbinsel Pouch mit der Produktionsfirma der zu ›Täterä-Zeiten‹ begehrten POUCHER FALTBOOTE (PFB). Fahr‘ mal hin − jetzt erst recht:

BLÜTENBUSEN

Satte Farben, intensive Düfte. Die fliegenden Rüsseltiere lechzen nach Nektar. Die Bestäuber suchen jedoch ›im Hangar‹ Schutz. Nicht aus Kerosinmangel. Denn zurzeit fällt der dringend benötigte Regen. Die ersten Monate des Jahres waren zu trocken.
Im Sommer droht in Berlin und Brandenburg wieder Dürre. Klimaerwärmung. Aber die Blütenpracht lässt die Herzen aufgehen. Und Bienen und Schmetterlinge fliegen alle auf den Blütennektar. Dann heißt es schlecken, schlürfen oder saugen.

Kaiserkrone.


BAUTZ´NER SENFSUPPE

Für 4 Personen

ZUTATEN
1 EL mittelscharfer (Bautz´ner) Senf,
1 EL körniger (süßer Bautz´ner) Kremsersenf,
1 Prise Schrot vom schwarzen/ braunen Senf,
2 EL Senföl,
1 Liter Gemüsebrühe,
200 ml Saure Sahne/ oder Crème fraîche,
1 Zwiebel (oder 3 Schalotten),
2–3 mittlere Kartoffeln,
2 Nelken, Salbeiblätter, Salz, Pfeffer, Muskat.


ZUBEREITUNG
Die Zwiebel und Kartoffeln schälen und würfeln.

Die gewürfelte Zwiebel in Senföl glasig dünsten. Die Kartoffeln zugeben und 2 MIN mitdünsten. Die Gemüsebrühe zugießen, aufkochen lassen und die Kartoffeln bei mittlerer Hitze 15–20 MIN garen. Die Saure Sahne (oder Crème fraîche), die Salbeibeiblätter und Nelken langsam zugeben, alles aufkochen lassen, den Senf unterrühren. Ggf. zuvor in kaltem Wasser aufgelöstes Mehl zurühren, nochmals aufkochen lassen.

Die Suppe vom Herd ziehen und mit einem Mixstab pürieren. Diese dann mit Salz, Pfeffer, Senfschrot, Muskat, Zitronensaft und Senf würzen. Die Suppe nicht mehr kochen lassen. Saisonal mit jungen roten oder grünen Blättern von Senfsprossen oder der Senfpflanze servieren (Quelle: Bautzener Senfkochbuch »Ich gebe meinen Senf dazu!«).


OSTERREITER

Fahrt mit dem Reisebus in die sächsische Oberlausitz nach Burkau-JIEDLITZ (Mittagessen), nach PANSCHWITZ-KUCKAU (Pančicy-Kukow) zum Start des »Hinritts (Wotjěchanje)« der Oster-Prozession. Weiterfahrt nach BAUTZEN (Budyšin). Budźće witani! Rückfahrt nach Berlin um 17:00 Uhr (05.04.).


Am höchsten Festtag der Christenheit tragen die OSTERREITER in der katholisch geprägten Oberlausitz traditionell die Botschaft der Auferstehung Jesu Christi in ihre Nachbarorte. Die Osterreiter verkünden auf festlich geschmückten Pferden die Osterbotschaft mit Gesängen und Gebeten in sorbischer Sprache: »Alleluja! Chrystusa do susodneje wosady!« Die Oster-Prozessionen erstrecken sich im Dreieck zwischen Kamenz, Bautzen und Hoyerswerda und sind fester Bestandteil der katholischen sorbischen Tradition. Heute leben in Sachsen und Brandenburg schätzungsweise 60.000 Sorben.

Die Prozessionen gibt es etwa seit Ende des 15. Jahrhunderts. Den Brauch des Osterreitens (›Feldumritte‹) pflegen in der heutigen Zeit alle sorbisch-katholischen Pfarrgemeinden: Bautzen, Ralbitz, Wittichenau, Crostwitz, Panschwitz-Kuckau, Radibor, Storcha, Nebelschütz und Ostro. Insgesamt sind in der sorbischen Oberlausitz neun Prozessionen aus acht katholischen Pfarrgemeinden und dem Kloster St. Marienstern unterwegs. Rund 1.500 Reiter bewegen sich dabei in der Region.

Die Zisterzienserinnen-Abtei »Kloster SANKT MARIENSTERN (Klóšter Marijina Hwězda)« liegt im sächsischen Panschwitz-Kuckau (Pančicy-Kukow). Für die Katholiken der Gegend bildet St. Marienstern ein wichtiges kulturell-religiöses Zentrum. Dort treffen sich am Ostersonntag etwa hundert Reiter zum »HINRITT«.

In Vorbereitung dieses Feiertages werden die Pferde geputzt, Haare geflochten und das Geschirr auf Hochglanz poliert. Einige Reiter schmücken die Pferde mit Blumen, andere haben ein Pferdegeschirr mit Muscheln. Eine mit Blumenornamenten verzierte Schleife schmückt den Schweif des Pferdes. Wenn diese Schleife in Schwarz-Weiß gehalten ist, bedeutet es, dass in der Familie ein Trauerfall eingetreten ist. Die Reiter selbst sind auch festlich angezogen: Mit schwarzem Gehrock und Zylinder, weißem Hemd, schwarzer Krawatte oder Fliege, Reitstiefeln, manchmal auch mit weißen Handschuhen, begehen sie würdig diesen Feiertag. Sobald ein Reiter aufgesessen ist, um vom heimischen Hof zu reiten, segnet ihn seine Ehefrau mit Weihwasser und mit den Worten: »Bože žohnowanje a dobry nawrót« – »Gottes Segen und eine gute Heimkehr«.

Nimmt ein Jugendlicher ab 14 Jahre das erste Mal am Osterreiten teil, trägt er einen kleinen grünen Kranz an der Brust.
Bei der 25. Teilnahme ist dies dann ein Silberkranz, bei der 50. ein goldener.

Vor der Abteikirche sammeln sich die Osterreiter paarweise. Der Priester übergibt ihnen die Kirchenfahnen, die Statue des Auferstandenen und das Kruzifix. Mit den Worten: »Njesće poselstwo zrowastanjeneho Chrystusa do susodneje wosady!« – »Reitet in die Nachbarpfarrgemeinde und verkündet: Christus ist auferstanden!« schickt er sie auf den Weg. Nach mehrmaligem Ritt um den Kirchplatz begeben sie sich betend und singend in die Nachbargemeinden. Nach alter Sitte dürfen sich die einzelnen Prozessionen nicht begegnen.

Eine Regel gilt dabei unverändert bis heute: Nur Männer und Jungen ab 14 Jahren dürfen ›nach alter Sitte‹ im Sattel sitzen. Vereinzelt regt sich Widerstand. Die Forderung »Frauen auf Pferde« wird laut. Aber: »Aus unserer Sicht sind Traditionen da, um fortgeführt zu werden, nicht um sie zu ändern«, teilt der Prozessionsleiter aus Wittichenau, Steffen Kobalz, mit. »Es gibt für uns keinen Anlass, mit unserer Jahrhunderte währenden Tradition zu brechen.« (Quelle: MDR).

Rolling Home.

ALLELUJA

Ein Berliner verziert seine Wohnstraße mit Osterschmuck. Rund 47.000 bunte Plastik-Ostereier (Bällebad) und viele Tier- oder Märchenfiguren schmücken zum achten Mal die Vorgärten an der Reußallee in Berlin-Westend. Außer Osterhasen und Osterlämmern sind sogar eine Giraffe, Pinguine und Affen als Dekorationen zu sehen. Der Anwohner Dariush Dinarvandi ließ sich den Osterschmuck viele tausend Euro kosten. Einige Nachbarn helfen bei der Dekorierung.