DRAHTSEILAKT

In 40 Meter Höhe und bei spürbarem Wind kein leichtes Unterfangen.

Am vergangenen Sonntag feierte die Berliner Hafen- und Lagergesellschaft (Behala) auf den Tag genau den 100. Geburtstag
des größten Berliner Hafens (03.09.). Die Fotos entstanden am Vortag.

Der Bau hatte 1914 begonnen. Wenig später stoppte der Erste Weltkrieg das Projekt. Erst 1923 waren die ersten beiden Becken fertig, die Gleise gelegt. Zunächst wurde hauptsächlich Kohle umgeschlagen. Doch die Lagerhäuser wollten sich in der Zwischenkriegszeit nicht füllen. Denn die Not in Deutschland war damals groß. Es gab lange nichts zu lagern. Deshalb bauten Arbeiter dort das Standardmodell Ford T – die »Tin Lizzy« – zusammen, bis die Auto-Produktion 1931 nach Köln verlagert wurde. 37.000 Fahrzeuge waren bis dato im Westhafen zusammenmontiert worden.

Mit Ende des Zweiten Weltkriegs waren 60 Prozent der Anlagen unbrauchbar. Keiner der 35 Kräne drehte sich mehr. Es folgten wieder Hungerjahre. Wieder wurde hauptsächlich Kohle umgeschlagen. Der Getreidespeicher wurde nach der Berlin-Blockade von der »Senats-Reserve« genutzt. West-Berlin wappnete sich so mit einer kompletten Vorratshaltung vor einer neuen Abriegelung der Stadt. Bis Anfang der 1990er-Jahre lagerten im Westhafen Kohle, Konserven und Klopapier.

1995 wurden die historischen Gebäude unter Denkmalschutz gestellt. In ihnen lagern heute unter anderem Akten und Zeitungen. Seit 1997 nutzt die Stiftung Preußischer Kulturbesitz den größten Teil des zum Magazin umgebauten Getreidespeichers. Auch das Geheime Staatsarchiv sowie die Zeitungs- und die Kinder- und Jugendbuchabteilung der Berliner Staatsbibliothek haben ihre Bestände im Westhafen untergebracht. Ebenso lagert dort die Justizverwaltung ihre Akten und Grundbücher. Trotzdem werden
im Behala-Westhafen immer noch große Gütermengen umgeschlagen.

Im Mai 2022 nahm das mit Wasserstoff betriebene Schubboot »ELEKTRA« die Langzeiterprobung auf. Das von Batterien und Brennstoffzellen angetriebene Boot gilt als das erste emissionsfrei fahrende Schubschiff der Welt. Die Besatzung des Bootes lebt und wohnt an Bord. Sobald die ersten Landstationen für die Wasserstofftanks und den Ladestrom im Berliner Westhafen sowie im Hafen Lüneburg in Betrieb genommen sind, soll die »ELEKTRA« zunehmend Güter zwischen Hamburg und Berlin transportieren.

Im Oktober 2022 startete die DHL im Westhafen mit einem elektrisch angetriebenen Solarschiff den Pakettransport auf dem Wasser. Bei dem deutschlandweit ersten Pilotprojekt dieser Art transportiert das Solarschiff auf der Spree täglich hunderte Sendungen vom Südhafen Spandau zum Westhafen – ohne Emissionen zu verursachen. Es fährt mir hoffentlich bald vor die Linse.

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