Fahrt mit dem Deutschlandticket nach POTSDAM. In die Hauptstadt des Sandmännchens. Mein ›Tag von Potsdam‹ (15.10.). Auf der Hin- und Rückfahrt waren die Regionalexpresszüge pünktlich. Die Fahrten verliefen störungsfrei. Eine Ausnahme. Das erwähne ich deshalb ausdrücklich. Denn schon am darauffolgenden Tag war der Bahnverkehr wegen eines Stellwerk-Ausfalls in Rummelsburg mal wieder zusammengebrochen.



Erster Anlaufpunkt war der wieder aufgebaute Turm der GARNISONKIRCHE. Erbaut von 1731 bis 1735 im Auftrag des preußischen Königs Friedrich Wilhelm I., dem »Soldatenkönig«, galt die Hof- und Garnisonkirche in der historischen Mitte von Potsdam als ein Hauptwerk des norddeutschen Barocks. Mit einer Turmhöhe von fast 90 Metern war sie das höchste Bauwerk der Residenzstadt.
Ab 1797 bis 1945 spielte das Glockenspiel den Stundenchoral »Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren«. Im Wechsel dazu ertönte das Halbstunden-Lied »ÜB‘ IMMER TREU UND REDLICHKEIT«. Die Eröffnung des Reichstags, der aus der Reichstagswahl vom 5. März 1933 hervorgegangen war, wurde als Staatsakt in der Garnisonkirche begangen. Spätestens mit dem »Tag von Potsdam« (21.03.1933) wurde das Gotteshaus von den Nationalsozialisten für die faschistische Propaganda vereinnahmt. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Garnisonkirche 1945 durch einen britischen Luftangriff in der so genannten Nacht von Potsdam (Operation »Crayfish« am 14.04.) schwer beschädigt und brannte aus. Die Regierung der DDR ließ die gesicherte Ruine 1968 sprengen, um auf einem Teil des Grundstücks das Rechenzentrum Potsdam zu errichten.
Der markante Garnisonkirchturm wurde als erster Bauabschnitt von 2017 bis 2024 wiedererrichtet und rückte damit zurück ins Potsdamer Stadtbild. Die etwa 30 Meter hohe Turmhaube soll 2027 aufgesetzt werden.
Am Ostermontag 2024 (01.04.) wurde im wiedererrichteten Kirchturm die neue NAGELKREUZKAPELLE eröffnet; im August 2024 (23.08.) schließlich mit der Ausstellung »Glaube, Macht und Militär« zur Geschichte des Ortes der Garnisonkirchturm eingeweiht.
Die Aussichtsplattform in 57 Meter Höhe war ab diesem Tag ebenfalls zugänglich. Neu am Turm ist der am Sandsteinsockel des Turms eingemeißelte Bibelvers »Richte unsere Füße auf den Weg des Friedens« (Lukas 1,79: »Dieses Licht wird allen Menschen leuchten, die in Finsternis und Todesfurcht leben; es wird uns auf den Weg des Friedens führen.«). Der Satz ist dort in fünf Sprachen zu lesen: auf Deutsch, Englisch, Französisch, Polnisch und Russisch.
Die Baukosten beliefen sich auf fast 45 Millionen Euro. Die wurden überwiegend vom Bund finanziert; 30 Prozent der Summe waren bislang durch Spenden zusammen gekommen.
Von Beginn an regte sich Widerstand gegen das Vorhaben, die Garnisonkirche wieder vollständig zu errichten. Denn die Kirche ist von Beginn an Ausdruck des militaristischen Preußentums gewesen. Sie steht wie kein zweites Gebäude für den Untertanengeist.
Die Wiedererrichtung eines solchen Symbols ist einer Demokratie schlicht unwürdig. Ein weiterer Kritikpunkt ist die geplante Rekonstruktion eines fast vollständig zerstörten Gebäudes. So monierte Detlef Karg, der Direktor des Brandenburgischen Landesamtes für Denkmalpflege im Jahr 2012, dass sich die evangelische Landeskirche am Wiederaufbau der Garnisonkirche beteiligen wolle, während zugleich aber die 1.164 Dorfkirchen und 700 Stadtpfarrkirchen im Land ernsthaft gefährdet seien. Es sei »nicht Aufgabe der Denkmalpflege, einen verlorenen Bau wieder aufzurichten«, so Karg (zitiert nach Wiki).
Zumindest das »Termsche« bietet als Aussichtspunkt einen schönen Nutzen. Von der Garnisonkirche hat man den besten Blick auf die UNESCO-Welterbestadt Potsdam mit ihren prachtvollen Schlössern und Gärten und auf die historische Mitte. Das gesamte Gebäude ist barrierefrei zugänglich: Ein Aufzug oder 365 Treppenstufen bringen Interessierte auf 57 Meter Höhe.
In der Garnisonkirche erwartet man eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte des Ortes im Kontext deutscher und europäischer Geschichte. Die Ausstellung soll für Gefährdungen von Demokratien sensibilisieren, menschliches Handeln reflektieren und zur Gestaltung einer pluralistischen Gesellschaft anregen. »GOTT MIT UNS«? Die Gesellschaft ist gespalten, der Weltfrieden massiv bedroht. Die mediale Militarisierung der Gesellschaft hat Fahrt aufgenommen. Die Politik wünscht sich schnellstmöglich eine »kriegstüchtige« Gesellschaft. Schlägt nach der »Zeitenwende« wieder die Stunde der Militärgeistlichen und Waffensegnungen? Muss also auch das Kirchenschiff der Garnisonkirche wirklich wieder ›auferstehen‹?
Lesetipps, ehemals verbrannte Bücher: Heinrich Mann, Der Untertan (1914), Erich Maria Remarque, Im Westen nichts Neues (1928) & Carl Zuckmayer, Der Hauptmann von Köpenick (1931).
















