4    ŚWINOUİŚCIE

Swinemünde war bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs das drittgrößte deutsche Ostseebad.

Vom beliebten Seebad zum Trümmerhaufen

Die Stadt war vor dem Zweiten Weltkrieg mit ihren prächtigen Hotels im Stil der Bäderarchitektur und der breiten Promenade der beliebteste Urlaubsort der Insel Usedom. Den Kurpark mit Roteichen, Platanen und Magnolien hat der berühmte preußische Landschaftskünstler Peter Joseph Lenné entworfen, und in der Adler-Apotheke am Kirchenplatz verbrachte THEODOR FONTANE seine Kinderjahre. Später machte er die Stadt zum Schauplatz seines bekanntesten Romans um die unglückliche Effi Briest. 

Im Frühjahr 1945 war die Stadt überfüllt mit zehntausenden Flüchtlingen aus Ostpreußen, Danzig und Pommern. Sie zahlten den Preis für Rassenwahn, Völkermord und für den Vernichtungskrieg im Osten. Nur noch über Usedom führte der Weg in den Westen. Vor der Brücke über die Swine stauten sich die Trecks. Im Hafen und auf Reede lagen Dutzende von Transportschiffen. Auf dem Kai drängelten sich Menschen.

Die Rote Armee war zwar nur noch 30 Kilometer entfernt. Aber ihr Vormarsch war ins Stocken geraten. Da baten die Sowjets
die Amerikaner um Unterstützung. 

661 Bomber und 412 Mustang-Begleitjäger der US. Air Force starteten am Morgen des 12. März 1945 in England Richtung Deutsches Reich. Das Ziel dieser gigantischen Luftflotte war das kleine Ostseebad Swinemünde.  

Als am Vormittag des 12. März in Swinemünde die Sirenen heulten, rechnete kaum jemand mit einem Angriff, das Wetter war zu schlecht, die Stadt zu unbedeutend, zu oft schon waren die Bomberverbände über die Oder nach Stettin oder Berlin eingeflogen. Doch gegen 12:00 Uhr fielen Bomben aus 6.000 Metern Höhe. Besonders viele Menschen starben auf den brennenden und kenternden Flüchtlingsschiffen und im Kurpark, wo sie Schutz gesucht hatten. Ganze Familien wurden bei diesem Inferno ausgelöscht. Nach etwa einer Stunde war der Angriff der 661 Bomber vorbei. 

Wie viele Menschen in dieser knappen Stunde ums Leben gekommen sind, ist bis heute ungeklärt − und wird es wohl auch bleiben.
Es lässt sich nicht mehr rekonstruieren, wie viele Flüchtlinge sich im Frühjahr 1945 in Swinemünde aufhielten, sie wurden damals nicht registriert. 

Neuere Forschungen schätzen die Opferzahlen auf bis zu 6.000 Tote (2020). Die meisten Opfer wurden auf dem Golm, der höchsten Erhebung der Insel Usedom westlich der Stadt, in Massengräbern bestattet. Die Opfer der Flüchtlingstrecks wurden an Ort und Stelle verscharrt. Ihre Gräber existieren nicht mehr.