CHRISTO-BESCHWÖRUNG

Im Juni 1995 verhüllten das Künstlerehepaar CHRISTO (1935−2020) und Jeanne-Claude (1935−2009) nach jahrelanger Vor-
bereitung das Gebäude des Berliner Reichstags. Zum 30. Jahrestag dieser Aktion kehrt nun eine ›Neuinterpretation‹ der Ver-
hüllung als Lichtinstallation jeweils von 21:30 bis 1:00 Uhr nachts zurück. From dusk till dawn − von der Abenddämmerung
bis zum Morgengrauen. Alle 20 MIN wiederholt sich das Programm (bis zum 20. Juni).

Gegen 22:00 Uhr war es noch nicht dunkel genug.

REICHSTAG-WRAP

Die Verhüllung des Reichstags gilt als eines der bedeutendsten Kunstwerke im öffentlichen Raum der Nachkriegszeit. Damals wurde das Gebäude mit silbrig glänzendem Stoff eingehüllt, ein Projekt, das mehr als zwei Jahrzehnte geplant und politisch verhandelt werden musste. Christo fertigte bereits 1971 erste Skizzen an. Erst 1994 erhielt das Projekt nach langem politischem Ringen grünes Licht vom Deutschen Bundestag. Am 24. Juni 1995 war es dann endlich so weit.

Damals wurden 100.000 Quadratmeter Polypropylen-Gewebe, 15.600 Meter blaues Polypropylen-Seil und 200 Tonnen Stahl für
die Unterkonstruktion benötigt. Christo und Jeanne-Claude verzichteten bewusst auf den Einsatz von Kränen. Stattdessen wurden
80 Kletterer für die Anbringung des Materials eingesetzt. Die Aktion sorgte für eine unglaubliche magische Stimmung und freund-
liche Atmosphäre. Die Bilder vom »Wrapped Reichstag« (so der englische Originaltitel) gingen damals um die Welt. Bis zum 7. Juli zog damals die Verhüllung Millionen von Besuchern an. 

Auch ich war damals im Juli vor Ort und durfte die Magie der Christoschen Verhüllung erleben. Damals stand der Reichstag noch als einsamer Solitär auf weitem Feld. Der Umbau durch Sir Norman (Foster) hatte noch nicht begonnen. Hinter dem Gebäude verlief ehemals die Mauer. Die Schweizer Botschaft in der Nachbarschaft befand sich noch im Dornröschenschlaf. Damals gab es auch noch den Lehrter Bahnhof. Während man mit der S-Bahn vorbeifuhr, erzielte die Verhüllung durch den Stoff ganz überraschend von einer Sekunde zur anderen einen völlig anderen Eindruck − je nach Lichteinfall. Es war aufregend zum Gebäude zu laufen und den festen Stoff anzufassen. Auf dem Gelände herrschte eine feierliche entspannte Stimmung. Trotz der vielen Menschen.


Reichstagsverhüllung 2.0 

Eine Beschwörung des Geistes von Damals. Monsterprojektion. Mithilfe von 24 Hochleistungsprojektoren und KI hüllt sich
die Westfassade des Reichstages in eine Illusion aus Stoff. Doch selbst mit ausgefuchster Digitaltechnik lässt sich das raffinierte Original − dieses sinnliche Spiel mit Faltenwürfen, Plissees und Stauungen − nicht nachformen.

Die Verhüllung durch Jeanne-Claude und Christo hatte die Architektur komplett zum Verschwinden gebracht. Ganz anders
die Lichtprojektion. Säulen, Gesimse, Fenster − das alles bleibt sichtbar. Die immer gleiche Emotionslosigkeit in der Dauerschleife.

Das Projekt kostet etwa eine halbe Million Euro. Die temporäre Licht-Verhüllung wird privat finanziert. Die Veranstalter betonen,
es handle sich nicht um eine museale Rückschau, sondern um ein öffentliches, kostenfreies ›Kunstereignis‹ mit demokratischem Anspruch.

Der Zauber des ikonischen Kunstprojekts kehrt meines Erachtens nicht zurück. Die Wochenzeitung »Die Zeit« urteilte und sprach vom »Kunstflop des Jahres«. Doch man soll die Kirche im Dorf lassen. Ganz nett. Ein Fast-Food-Event. Quasi ein Kunst-Quickie.
Was fehlte mir: der ERDBEERMOND war trotz wolkenlosem Himmel auch nach 23:15 Uhr nicht zu sehen (11.06.).

Handies klar zum Gefecht! Hintergründig; beliebt auch Selfies: ICH und der Reichstag.
Links eine Großbaustelle, rechts das Besucher-Zentrum des Bundestages, im Rücken ebenfalls eine Großbaustelle.

Christo parkt ein − er hat noch einen Käfer in Berlin

Christo in der NEUEN NATIONALGALERIE. Parallel zur Lichtinstallation zeigt die Neue Nationalgalerie jetzt ein weiteres Werk
von Christo und Jeanne-Claude: »Verpackter Volkswagen Käfer Saloon« (seit 11.06.).  

Das Künstler-Ehepaar hatte 1963 anlässlich einer Ausstellung in Düsseldorf erstmals einen VW-Käfer verpackt. Die Arbeit mit
dem Titel »Verpacktes Auto« existierte jedoch nur für kurze Zeit − die Hülle musste auf Wunsch des Besitzers wieder entfernt werden. Er wollte Autofahren.

Mehr als 50 Jahre später, im Jahr 2014, verpackte Christo erneut ein solches Modell − Baujahr 1961 in mintgrün. Seine Frau war da bereits verstorben. So entstand das Werk mit dem Namen als Hommage an die frühere Aktion.

Das Kunstwerk ist Teil der Ausstellung »Zerreißprobe. Kunst zwischen Politik und Gesellschaft«.

Dit is Christo!

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