LORE 2  

Auf dem Gelände der ehemaligen Bockbierbrauerei befand sich bis 2016 in den erhaltenen Gebäuden und den neu erstellten Flachbauten eine bunte Gewerbe- und Kulturszene mit Kleinhandwerk, Weinhandel und Kultureinrichtungen. Dann wurde das Gelände an den Investor Bauwert AG verkauft. Der Gewerbehof wurde entmietet und zerstört. Nun sind hochpreisige Luxus-
wohnungen und Bürogebäude siebengeschossig in die Höhe gewachsen. In den historischen Kellern hatte der Käufer den Bau
von Tiefgaragen geplant.

Luxuswohnen über Nazi-Waffenfabrik. Das überzeugt. Beworben werden die dringend benötigten 130 Luxuswohnungen in Anzeigen auf Immobilienscout24: »Neue Bockbrauerei – Urban leben mit Flair – Kaufpreis 398.000–5.988.000 Euro.« Schnapper! Die Bauwert AG sorgt zusammen mit der Politik dafür, dass die Reichen und Schönen von der Straße kommen. Von der alten Brauerei ist nur das Schwankhaus geblieben. Dort wurden einmal die Bierfässer gereinigt (»geschwenkt«). Die vorderen zur Schwiebusser Straße gelegenen Keller durften abgerissen werden. Sie waren baulich von den anderen Kellern getrennt.


Zweiter Weltkrieg. Im Berliner Stadtgebiet baute TELEFUNKEN vier Kelleranlagen unter den Tarnnamen »Lore 1« bis »Lore 4«.
Von Lore 1, 3 und 4 ist heute kaum noch etwas erhalten. Die Keller wurden umgebaut oder abgerissen. Anders verhält sich dies bei »LORE 2« in der ehemaligen Kreuzberger Bockbierbrauerei: Sämtliche Keller sind im Originalzustand vollständig erhalten. Ab 1943 richteten sich die Luftangriffe der Alliierten in Berlin gezielt gegen kriegswichtige Großbetriebe. Die Rüstungsindustrie versuchte
als Reaktion darauf, ihre kriegswichtige Produktion unter die Erde zu verlagern. Die Telefunken-Röhren waren in Funkgeräten, Radareinrichtungen und in der Raketennavigation verbaut. Im heutigen Chamisso-Kiez nutzte Telefunken in den Jahren 1944/ 45
die Kellergewölbe der Bockbierbrauerei, wo sie unter dem Tarnnamen »Lore 2« eine unterirdische Rüstungsfabrik einrichtete. Bei Bau und Inbetriebnahme waren KZ-Häftlinge sowie Zwangsarbeiter:innen eingesetzt worden. Rund 300 Menschen arbeiteten hier
in Zwölf-Stunden-Schichten − ohne Tageslicht. »Lore 2« war nur wenige Monate in Betrieb.

Das Berliner Landesdenkmalamt stellte 2017 Teile der Brauereikeller auf Grundlage des »Irmer-Gutachtens« unter Denkmalschutz. Hierfür hatte sich »Kiez aktiv: Bockbrauerei« jahrelang eingesetzt. Das Denkmalamt hebt die große Bedeutung des Ortes hervor und nennt sie die »am besten erhaltene unterirdische Verlagerung in Berlin«. Das historische Schwankhaus samt Keller wurden 2025 an die (»eigentumsorientierte Genossenschaft«) »Ostseeplatzgenossenschaft eG« verkauft. Dank der neuen Eigentümerin durfte die Initiative »Kiez aktiv: Bockbrauerei« nun erstmalig eine öffentliche Führung durch die unterirdischen Gewölbe anbieten. Die Be-
gehung leiteten der Historiker THOMAS IRMER und der ehemalige Denkmalschützer Dr. BERNHARD KOHLENBACH (14.06.). 

Zwei Betonbunker führen in die unterirdischen Rüstungskeller. Einer steht an der Fidicinstraße 3, der andere an der Schwiebusser Straße.
Dr. BERNHARD KOHLENBACH.
In Berlin gab es rund 500.000 Zwangarbeiter:innen. Im gesamten Deutschen Reich 20.000.000.
THOMAS IRMER.
Im alten Gärkeller.

Dass die Keller auch künftig öffentlich zugänglich sein sollen, hat die Genossenschaft Ostseeplatz eG zugesagt. Vielleicht die nächste Begehung zum Denkmaltag im September (am Wochenende 13./ 14.09.)? Die Diskussion über die künftige Gestaltung dieses »authentischen Ortes« beginnt jedoch erst. Die Konzeptentwicklung soll gemeinsam von Denkmalschützern, Historikern und der Zivilgesellschaft getragen werden. So der Wunsch. Jetzt wird noch um die Finanzierung gerungen.

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