MEILENSTEIN

In Berlin gibt es inzwischen Gedenkstätten für die Opfer des Holocaust, für Sinti und Roma, für LGBTQ+-Menschen und für Menschen mit Behinderungen. Nun ist endlich die Zeit auch für die Opfer von Krieg und Besatzung in Polen gekommen. 

Polen war das Land, das 1939 von Hitler-Deutschland als erstes überfallen wurde und für immer von der Weltkarte verschwinden sollte. Es hatte bis 1945 rund sechs Millionen Opfer zu beklagen. Das waren etwa 17 Prozent der damaligen Bevölkerung. Das Ausmaß der deutschen Zerstörungswut war nicht nur in direkten Kampfhandlungen zu sehen, sondern in der brutalen Besatzungs-
herrschaft und planmäßigen Massenmorden an Zivilisten. Heute, 80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, gibt es in Polen kaum eine Familie, die dieses Trauma nicht kennt. Im Nachkriegs-Deutschland (in der Bundesrepublik) blieben die Täter und Kriegs-
verbrecher in der Regel unbehelligt. Sie konnten sogar lukrative Karrieren begründen. 

Im Jahr 2012 fragte deshalb Władysław Bartoszewski, zweimaliger polnischer Außenminister (1995 und 2000−2001), Auschwitz-Überlebender und langjähriger deutsch-polnischer Brückenbauer, warum es in Berlin eigentlich kein Denkmal für die polnischen Opfer der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg gibt. 


Am Montag wurde mit einem knapp 30 Tonnen schweren Findling der Gedenkort des Überfalls von Nazi-Deutschland auf seinen Nachbarn Polen eingeweiht (16.06.). Mitten in Berlin zwischen Reichstagsgebäude und Bundeskanzleramt. Hier stand einst die KROLL-OPER. In der Kroll-Oper tagte seit dem Brand des gegenüberliegenden Reichstagsgebäudes das Scheinparlament der Nationalsozialisten. Hier verkündete Adolf Hitler am 1. September 1939 den deutschen Überfall auf Polen, mit dem der Zweite Weltkrieg begann. Die Inschrift auf der Bodenplatte lautet:

»Polskim ofiarom nazizmu i ofiarom niemieckiej okupacji i terroru w Polsce 1939−1945«
»Den polnischen Opfern des Nationalsozialismus und den Opfern der deutschen Gewaltherrschaft in Polen 1939−1945«.


Der Gedenkstein sei auch Symbol für das Gewicht der Geschichte. Seine Inschrift auf Deutsch und Polnisch sei »gewissermaßen
ein Schwur«, stellte Wolfram Weimer, Staatsminister für Kultur und Medien, fest. »Nie soll Leid der Polinnen und Polen, das von deutschem Boden ausging, in Vergessenheit geraten.« Es solle kein Schlussstein sein, sondern ein Zeichen für den Weg der Auf-
arbeitung. Ein MEILENSTEIN im deutsch-polnischen Verhältnis! »Gedenken funktioniert nicht ohne Wissen«, so Heiko Maas,
Ex-Bundesminister (2013−2021) und Präsident des Deutschen Polen-Instituts (seit dem 1. Januar 2024). »Vielen Deutschen ist
das Ausmaß der deutschen Verbrechen in Polen nicht bekannt«, so Maas. 


In den ›Sozialen Medien‹ in Polen laufen Rechtskonservative seit Tagen Sturm gegen den Gedenkstein. In einem regelrechten Shitstorm ist die Rede von einem »Stein der Schande«, gar von »deutscher Frechheit«. Der PiS-Politiker und Ex-Regierungschef Mateusz Morawiecki schreibt auf ›X‹: »Statt echter Wiedergutmachung − Blumen unter einem Felsen«. Der 57-jährige Ex-Banker Morawiecki leitete als Ministerpräsident die PiS-Regierung (2017−2023). Polens neuer Präsident Karol Nawrocki, der am 6. August 2025 sein Amt antreten wird, hatte bereits vor seiner Wahl angekündigt, dass er die Bemühungen um Kriegsreparationen fortsetzen wolle. 

Nach polnischen Schätzungen schuldet Deutschland Polen Reparationen in Höhe von 1,3 Billionen Euro. Das sollen die deutschen Urenkel bezahlen. Im Windschatten der deutschen Verbrechen, geschahen weitere Gewaltakte. Das hatte Deutschland erst ermöglicht. Die sowjetische Okkupation nach dem »Hitler-Stalin-Pakt«/ auch »Molotow-von-Ribbentrop-Pakt« (1939−1941) und endgültige Annexion von Ost-Polen (1944−1948). Die Sowjetunion gewann damals ungefähr 52 Prozent des gesamten polnischen Staatsgebiets.

Der Stein ist ein Provisorium. An dieser Stelle ist der Bau eines deutsch-polnischen Hauses geplant. Ein endgültiger Beschluss
des Bundestags über ein Mahnmal steht bislang noch aus. Provisorien bestehen oft lange. Sehr lange. Zu lange.

Liebe Landsleute, beschäftigt euch endlich mit unserem Nachbarn im Osten. Interessiert Euch für die polnische Geschichte und Kultur. In Polen heißen die Deutschen NIEMCY, das bedeutet »STUMM« (niemy). Interessiert euch für die polnische Sprache. Wir brauchen »Brückenbauer«.

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