AUS DER TRAUM 

Er war der »König von Deutschland«: RIO REISER, Frontmann von »Ton Steine Scherben«. Das Leben von RALPH MÖBIUS (1950−1996), alias Rio de Galaxis, alias Rio Reiser, erzählt auch ein Stück Geschichte der Bundesrepublik Deutschland und West-Berlins. Rio Reiser starb am 20. August 1996 im Alter von 46 Jahren auf seinem Künstlerhof in Fresenhagen. 2011 wurde Rio auf
den »Alten St.-Mätthäus-Kirchhof« in Berlin-Schöneberg umgebettet.


GERT MÖBIUS (*1943) war sehr eng mit seinem ›kleinen‹ Bruder Ralph. Gert Möbius ist Maler und Drehbuchautor. 1966 ging Gert Möbius nach Berlin. Dort inszenierten die drei Möbius-Brüder − dabei war noch Peter (1941−2020) − 1967 am altehrwürdigen »Theater des Westens« die »erste Beat-Oper der Welt«. Schon damals schrieb der 17-jährige Rio die Musik dafür. Ein Erfolg wurde »Robinson 2000« nicht. Gert und Rio wohnten in Kreuzberg, erlebten als Hausbesetzer die ›wilden‹ Zeiten West-Berlins. Es war die Zeit der Außerparlamentarischen Opposition (kurz APO). Die Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 heizte das politische Klima in Westdeutschland und West-Berlin auf. Die Rote-Armee-Fraktion (RAF) entstand.

Seit Ende der 1960er-Jahre war der »Zentralrat der umherschweifenden Haschrebellen«, auch kurz HASCHREBELLEN, eine linke, teilweise militante Organisation in West-Berlin. Diese Gruppierung, die aus der Haschischszene der Halb-Stadt hervorgegangen war. war eher anarchistisch orientiert. Ihre Proteste richteten sich ursprünglich hauptsächlich gegen die damalige restriktive Drogen-
politiik des Berliner Senats, insbesondere die zahlreichen Rauschgiftrazzien in Szenekneipen. Durch den Vietnam-Krieg waren Rauschgifte leichter verfügbar. ›Harte‹ Drogen wie Heroin wurden zunehmend konsumiert. Nicht nur bei den stationierten US-Soldaten fanden sie Abnehmer.

Anlässlich seines 75. Geburtstages eröffnete am Freitag die sehenswerte Ausstellung »75 Jahre Rio Reiser. Ausstellung Ecce Homo – Mein Name ist Mensch« (13.09.). Zur Vernissage gaben »Ton Steine Scherben (TSS)« ein kleines Konzert.

Soundcheck.
Gert Möbius. Winkend Kurator John Colton.

Aus dem Ausstellungsflyer: 1923 wählte der Berliner Künstler George Grosz »Ecce Homo« (lateinisch)/ »Seht, der Mensch« als Titel für eine Mappe mit 100 Karikaturen, die den sozialen und moralischen Bankrott der herrschenden Weimarer Gesellschaft entblößen sollten: Der kapitalistische Kriegsgewinnler, der lüsterne Spießbürger, die ausgemergelte Hure, der korrupte Beamte … George Grosz brach radikal mit der christlichen Tradition und nutzte den Titel ironisch für seine sarkastische Anklage: Seht, was aus den Menschen geworden ist!

Der Titel spielt auf den aus der Bibel stammenden Ausspruch »ECCE HOMO« an, mit dem der römische Statthalter Pontius Pilatus den gegeißelten Jesus vor der Kreuzigung dem Volk präsentierte. Über Jahrhunderte hinweg wurde »Ecce Homo« in der Kunst zu einer Ikone christlicher Passions- und Heilsgeschichte. Hieronymus Bosch, Albrecht Dürer, Caravaggio und zahllose andere Künstler setzten das Motiv stets im Kontext von Leid, Schuld und göttlicher Offenbarung in Bilder um. 1971 veröffentlichte die junge deutsche Rockband »Ton Steine Scherben« auf ihrer ersten LP den Song »Mein Name ist Mensch«, geschrieben von Rio Reiser. Das Werk kann als humanistische »One World Erlösungshymne« auch als subversive Variation des »Ecce Homo«-Motivs gelesen werden. Mit Grosz teilt Reiser den sozial kritischen Blick und eine politische Haltung als Künstler. Die kulturgeschichtliche und philosophische Auseinandersetzung mit der Bibel durchzieht das gesamte Werk von Rio Reiser. Allerdings geht es ihm mit »Mein Name ist Mensch« und anderen Liedern nicht um religiöse Legitimation. Seine Message lautet: Seht, was Menschen Menschen antun, aber Erlösung gibts nur durch Kampf und den Menschen selbst, durch den Sieg der Liebe. Rios Paradies liegt nicht im Jenseits sondern hier bei uns, auf dem Planeten Erde. Er »wird uns allen gehören, und jeder wird haben, was er braucht.«

Die Ausstellung lässt uns einen Blick in diese »Black Box« von Rios Schöpfungskraft, erhaschen. ECCE HOMO zeigt Rio Reisers Originalwerke und O-Töne, Fragmente seines kreativen poetischen Kosmos, bereitgestellt durch das von Gert Möbius verwaltete Rio-Reiser-Archiv: Zeichnungen, Fotos, Notizen, Tagebuchaufzeichnungen und Ausschnitte aus Interviews.

Wir sehen die Welt mit Rios Augen. Er sieht sozialen Realitäten ins Auge und darüber hinaus, nicht kritisch distanziert, sondern mitfühlend solidarisch, u. a. mit den besonders Verletzbaren − sicher auch aus der eigenen zerrissenen Identität, dem persönlichen Erleben von Verzweiflung, Ungerechtigkeit. Eine eindrucksvolle Zeitreise.

Wir sehen Bilder, die er selbst geschaffen hat, kontrastiert und kontextualisiert mit Fotografien des urbanen Lebens in Berlin Anfang der 1970er-Jahre und mit Aufnahmen der Gegenwart. Zum 75. Geburtstag suchen wir die Begegnung mit dem wohl einflussreichsten Poeten deutschsprachiger Rockmusikgeschichte. Wir sehen alles im Heute mit seinen Augen und hören seine Stimme: Was machen wir daraus?

Ausstellungsort (temporär): Browse Gallery, Bergmannstraße 5, 10961 Berlin.
Ausstellungszeiten: 14.09.−12.10.2025 – DI−SO 14:00 bis 19:00 Uhr.
Eintritt: 4 €, ermäßigt 2 €.

Macht kaputt was euch kaputt macht

Radios laufen, Platten laufen,
Filme laufen, TV’s laufen,
Reisen kaufen, Autos kaufen,
Häuser kaufen, Möbel kaufen.
Wofür?

Refrain:
Macht kaputt, was euch kaputt macht!
Macht kaputt, was euch kaputt macht!

Züge rollen, Dollars rollen,
Maschinen laufen, Menschen schuften,  
Fabriken bauen, Maschinen bauen,
Motoren bauen, Kanonen bauen.
Für wen?

Refrain:

Bomber fliegen, Panzer rollen,
Polizisten schlagen, Soldaten fallen,
Die Chefs schützen, Die Aktien schützen,
Das Recht schützen, Den Staat schützen.
Vor uns!  

Ton Steine Scherben, 1970.
Text: Norbert Krause, Musik: Rio Reiser. 

Veteran:innen-Treff. Beim Konzert und bei diesem Lied wurde eine einzige geballte Faust in den Kreuzberger Himmel gereckt, während sich die andere Hand auf einen Rollator stützte.

AUS DER TRAUM
Der Traum ist aus! Der Traum ist aus!
Aber ich werde alles geben, daß er Wirklichkeit wird.
Rio 1971.

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