»MUSICA DI STRADA«

Das Museum Pankow zeigt die kleine, bezaubernde Sonderausstellung »Musica di strada: Italiener*innen in Prenzlauer Berg – Handel, Handwerk und Musik« (22.02.).

Die Ausstellung verbindet Siedlungs- und Migrationsgeschichte mit der Geschichte des Stadtteils Prenzlauer Berg. Ihr Highlight sind die zahlreichen mechanischen Instrumente, die zumeist zur Sammlung des Stadtmuseums gehören. Die sehenswerte Ausstellung bietet Einblick in die Orgelwerkstätten und zeigt auf, wie komplex der Bau eines mechanischen Instrumentes ist. 


Zwischen 1861 und dem Ersten Weltkrieg verließen rund 14 Millionen Menschen das Königreich Italien − viele zu Fuß, auf einem beschwerlichen Weg über die Alpen. Auch Berlin wurde zu einem Ziel dieser Migrationsbewegung. Besonders rund um die Schönhauser Allee ließen sich viele Neuankömmlinge nieder. Kaufleute, Kunsthandwerker & Gastwirte: Die Italiener verdienten ihren Lebensunterhalt als Schausteller, verlegten angesagte Terrazzoböden in den Gründerzeitbauten und eröffneten die ersten italienischen Gaststuben und Eisdielen.

Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts brachte für Italien und Deutschland große Umwälzungen, wobei beide Länder ähnliche Entwicklungen nahmen: Giuseppe Garibaldi (1807−1882) und Friedrich Hecker (1811−1881) kämpften in der Revolution.
In der Folge entstand im Jahr 1861 mit dem Königreich Italien (Il Risorgimento, »Die Wiederauferstehung«) der erste italienische Nationalstaat; das Deutsche Reich wurde 1871 gegründet und vereinte die vielen Kleinstaaten. Der Gotthardtunnel (italienisch: Galleria del San Gottardo) nahm am 1. Juni 1882 den Verkehr durch die Alpen auf. Der Tunnelbau und die Industrialisierung benötigten Arbeitskräfte.

Mit ihren besonderen Handwerkskünsten und Berufen prägten Italiener den Ortsteil über Jahrzehnte. Weltbekannt wurden die Firmen Cocchi, Bacigalupo und Graffigna. Zu den bekannten Orgelbauern gehörte Giovanni Battista Bacigalupo. Er kam 1873 nach Berlin und gründete dort eine Fabrik für mechanische Musikinstrumente. Bacigalupos Musikwerke wurden weltberühmt und verkauften sich bis nach Amerika und Russland. Es entstanden Drehorgeln und Orchestrien. Schmuckstück der Ausstellung ist das
um 1900 in Berlin gebaute Orchestrion »Fratihymnia«, ein Orchester im Schrankformat.

Belegschaft der Firmen Cocchi, Bacigalupo & Graffigna (1891−1903), Schönhauser Allee 78, zirka 1900.
»Schreihahn«, Blechspielzeugklassiker. Der laute ›Schrei des Hahns‹ entsteht durch eine Schwingungsanregung der Luft in der Tröte. Fischietto giocattolo, un cosiddetto Gallo urlante, latta, intorno al 1920.
Originale Gebührenmarken dokumentieren den Verleih.

Drehorgeln boten den Kriegsversehrten eine Möglichkeit im Alltag zu überleben. Die Drehorgeln gehörten selten den Drehorgelspielern − es waren meistens Männer. Vielmehr liehen sie sich die Instrumente gegen eine Gebühr bei den italienischen Drehorgelbauern aus, die sich hier niedergelassen hatten. Drehorgelspieler zogen durch Straßen und Hinterhöfe, spielten Gassenhauer und bekamen als Dank, einige Pfennige zu geworfen. In einer Zeit, bevor Grammophon und Radio Musik für alle zugänglich machten, boten sie eine gern gehörte Abwechselung im Alltag. Es mussten bekannte Lieder sein. Als 3.500 Drehorgelspieler in Großberlin unterwegs waren, zog die Berliner Stadtregierung 1920 die Notbremse und beschloss eine Begrenzung.


Der Vorspann des Spielfilms »Berlin Alexanderplatz« von 1931 zeigt in einer Szene Mieze (Margarete Levy-Schlegel), die mit einem Blinden auf Berliner Hinterhöfen singt.

MUSEUM PANKOW, Tram M2 ›Knaakstraße‹: (Eintritt frei. Eingang Anbau, bis 21.06.). Alt, schön, laut: Jeden Sonntag um 11:00 Uhr findet eine anderthalbstündige Ein- und Vorführung statt. Unbedingt hingehen. Ein dickes Lob an die Kuratoren.

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