CIAO COLADOSE

Am Sonntag war es so weit: Die S-Bahn-Züge der Baureihe BR 485 aus DDR-Zeiten werden ausgemustert (12.11.).

Ein besonderes Merkmal, das diese Züge bis 2002 auszeichnete, war ihre rote Lackierung. Diese brachte ihnen den Spitznamen »COLADOSE« ein. Mit der letzten Fahrt der BR 485, verschwindet nicht nur die älteste Baureihe der Berliner S-Bahn-Flotte, sondern auch ein Stück Bahngeschichte. Deshalb ging die »Coladose« nicht still und leise. Tausende verabschiedeten vier der zuletzt 20 DDR-Garnituren an ihrem planmäßig letzten Einsatztag auf ihren langjährigen Stammlinien S8 und S47. Sternfahrten, Ringfahrten und Rendezvous. Ab 9:00 Uhr wurde es am S-Bahnhof Schöneweide eng und hektisch. Der erste Höhepunkt des Tages nahte. Es kam an den nebeneinanderliegenden Gleisen 3 und 4 zu einem zweiminütigen Treffen zweier 485er-Veteranen. Die Fotografen rangelten um die besten Plätze. Um 9:57 Uhr ›explodierte‹ dann der Pixel-Verbrauch.

Die markanten roten Züge aus dem Volkseigenen Betrieb (VEB) »Lokomotivbau elektrotechnische Werke Hans Beimler« in Hennigsdorf waren damals noch als BR 270 unterwegs. Sie ersetzten seit 1988 sukzessive die ersten elektrischen S-Bahnen der Baujahre ab 1927. Jetzt geht es auf den Schrottplatz. Ob jetzt aus dem legendären »Kind des Ostens« wirklich Coladosen werden? So hieß es nach gut 35 Jahren: »Sag beim Abschied leise Servus/ Nicht Lebwohl und nicht Adieu/ Diese Worte tun nur weh/ …«. Machet jut Coladose; willkommen BR 484.

TODESMELODIE

Der Mensch ist vermutlich das einzige Wesen, das weiß, dass es sterben wird. Das Wissen um unsere Vergänglichkeit ist ein Antrieb für Kunst, Kultur und Wissenschaft und konfrontiert uns mit existenziellen, individuellen und globalen Fragen. Der Tod ist eine universelle menschliche Erfahrung. Das Wissen um die eigene Sterblichkeit verbindet uns Menschen – über alle Grenzen von Raum, Zeit und gesellschaftlichen Konventionen hinaus. Dieses große Unbekannte hält bereits zu Lebzeiten eine Vielzahl an Fragen für uns bereit, die uns auf unterschiedlichste Weise beschäftigen: Gibt es ein Leben nach dem Tod? Was ist ein guter Tod? Wie finden wir Trost? Was bleibt von mir? Mit diesen Fragen und einem filmischen Prolog über die Rolle des Homo Sapiens im Universum begibt man sich auf einen Rundgang durch die Ausstellung »un_endlich. Leben mit dem Tod«.

»Fiesta de Día de Muertos« (02.–05.11.).


»un_endlich. Leben mit dem Tod«.
Das Berliner Humboldt Forum widmet dem Thema ›Leben mit dem Tod‹ ein vielstimmiges Programm ergänzt mit der szenisch gestalteten Sonderausstellung »Fiesta de Día de Muertos« (02.–05.11.) und einem Begleitbuch.

Reingehen! Noch bis 26. November 2023.

BREATHE

HIPGNOSIS Celebrating 50 Years of The Dark Side of the Moon.

(Quelle: Ausstellung »un_endlich. Leben mit dem Tod«, Humboldt Forum, Berlin 2023).

1973 veröffentlichte die Band PINK FLOYD ihr Album »The Dark Side of the Moon«. Das Cover dieses Albums gestaltete das britische Art House HIPGNOSIS (1967–82). HIPGNOSIS war von den Pink Floyd-Freunden und Grafik-Designern Storm Thorgerson und Aubrey Powell (*1946) gegründet worden. Dieses Album geriet zu einer Ikone der Rockmusikgeschichte. Sowohl die Musik als auch das Cover des Albums wurden Kult, ebenso Pink Floyd und HIPGNOSIS.

Die BROWSE GALLERY präsentiert anlässlich des 50. Geburtstags von »The Dark Side of the Moon« die weltweit einzige Ausstellung in zwei Teilen.

HIPGNOSIS: The Dark Side of the Moon und andere Album Cover Art
Im INNENBEREICH sind künstlerische Werke zur wegweisenden Album Cover Art von HIPGNOSIS zu sehen. Die Ausstellung beleuchtet die Geschichte und das Design von »The Dark Side of the Moon«. Zudem werden Kunstdrucke anderer Plattencover-Motive von Pink Floyd und Fotodesigns für andere Musikgrößen der 1970er-Jahre, wie Led Zeppelin, Peter Gabriel, Paul McCartney und 10cc, präsentiert.  

Eine Besonderheit der Ausstellung sind Schwarzweißfotos der Band – sowohl auf als auch hinter der Bühne – die während der »The Dark Side of The Moon«-Tour von 1973 aufgenommen wurden. Pink Floyd gewährte damals vier Fotografen im Auftrag von HIPGNOSIS einen intimen Einblick hinter die Kulissen. Dabei entstand ein einzigartiges Porträt der Band während einer Zeit intensiver kreativer Zusammenarbeit und enger Freundschaft, das seinesgleichen sucht. 

Foto-Installation: Themen von »The Dark Side of the Moon«
Im AUSSENBEREICH wird eine Foto-Installation präsentiert, die sich mit den Themen von »The Dark Side of the Moon« auseinandersetzt. Das Konzeptalbum behandelt verschiedene Phasen der menschlichen Existenz und des Erwachsenwerdens, darunter die Suche nach Identität und Verbindung, das unaufhaltsame Vergehen der Zeit, die omnipräsente Präsenz des Todes;
Themen wie Geld und Gier, Krieg und Konflikt, Isolation und Wahnsinn. Diese universellen Themen sprechen auch heute noch weltweit generationenübergreifend Millionen von Menschen an.

Anlässlich des Album-Jubiläums von »The Dark Side of the Moon« haben die Kuratoren der Ausstellung Berliner und international renommierte Fotografinnen um Fotos gebeten, die sich mit den Themen des Albums auseinandersetzen, und die zu einer zeit-
genössischen Reflexion des Albums anregen.

Vernissage: (03.11./ 19 :00 Uhr). Mit dem HIPGNOSIS-Gründer Aubrey Powell und
Klaus Lederer (Kultursenator a.D., 2016–23).
Bis 17.12.2023; unbedingt hingehen!

Bergmannstraße 5 (Ärztehaus), D-10961 Berlin, Außenbereich jederzeit,
Innenbereich Di–SO 13:00–19:00 Uhr.

UNBERECHTIGTE PLAKATIERUNG?

Weltweit werden die Porträts der HAMAS-Geiseln an Wände geklebt.

In Berlin haben Polizisten Porträts der von der Hamas entführten Geiseln heruntergerissen.

Aufgrund des »Verdachts unberechtigter Plakatierung« hätten die Einsatzkräfte die Plakate entfernt, hieß es am Dienstag zunächst (Quelle: Der TAGESSPIEGEL, 31.10.). Später erklärte die Polizei dann, die Zettel hätten »kein Impressum im Sinne des Pressegesetzes« gehabt. Es seien Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts des Verstoßes gegen das Pressegesetz sowie des Verdachts der Sachbeschädigung eingeleitet worden. Doch hat es keine Anzeige und keinen Strafantrag des Eigentümers der Litfaßsäulen gegeben. Sachbeschädigung ist allerdings ein sogenanntes Antragsdelikt. Auch klebten die Zettel auf weißen und damit ungenutzten Flächen, verdeckten also keine gebuchten Plakate. Seitdem ›eiern‹ die offiziellen Stellen herum. Wer Berlin kennt, und täglich die tausenden illegal geklebten Plakate und Handzettel sieht, weiß, wie lächerlich die polizeilichen Vorwürfe sind.

Eine Erklärung, dass eine Fehleinschätzung vorlag, wäre ausreichend. In der aufgeheizten Stimmung zum Nahostkonflikt mag jemand befürchtet haben, dass sich jemand von den Plakaten provoziert fühlt. Das macht die Maßnahme jedoch nicht rechtmäßig.

Keine politische, eine menschliche Tragödie. Die unzähligen sadistischen Gewaltvideos der HAMAS in den »Sozialen Medien« (warum heißen die eigentlich immer noch so?) sind teilweise unerträglich.

Die zweite deutsche Geisel ist tot (30.10.). SHANI LOUK hat das Massaker der HAMAS nicht überlebt. Sie wurde anhand der DNA auf einem Schädelfragment identifiziert. Sie war enthauptet worden. Die Leiche von Shani Louk ist vermutlich noch in Gaza, ihr Freund wird noch vermisst. Ihr geschändeter Leichnam wurde bislang in Gaza nicht gefunden. Shani wurde 22 Jahre alt.

Damit ist Shani Louk einer von fast 1.400 Menschen in Israel, die die islamistische Terrororganisation am 7. Oktober abgeschlachtet hat. Shani Louk besuchte mit ihrem mexikanischen Freund das Musikfestival »Supernova«. Ein Video zeigt Shani beim Tanzen und Mitsingen. Später war sie halbnackt auf einem Pick-up-Truck als Trophäe durch Gaza vorgeführt worden. Auch diese Bilder gingen um die Welt. Um sie herum schreien Männer »Allahu akbar«, ein Mann zerrt an ihren Haaren, ein Junge spuckt auf ihren bewegungslosen Körper. Grausame Szenen der UNMENSCHLICHKEIT.

Shanis Großeltern wohnen im baden-württembergischen Ravensburg.

Das neun Monate alte Baby KFIR BIBAS wurde in Nir Oz, einem Kibbuz im Süden Israels, entführt. Seit dem 7. Oktober 2023 befindet sich der Säugling in der Gewalt der HAMAS.

BERECHTIGTE PLAKATIERUNG?

Hier scheint ja alles korrekt zu sein.

Gesehen in Nord-Neukölln. Offensichtlich kein Handlungsbedarf für die Polizei.

Und gesehen an der arabisch geprägten SONNENALLEE, dem Epizentrum des Hasses. Mit unserem Grundgesetz haben wohl Zuviele an der ›Hassallee‹ nichts am Hut. Medien werden dort inzwischen regelmäßig bedroht.

Seit dem 7. Oktober wird von der Judenheit der Sabbat nicht mehr gefeiert sondern ›begangen‹. Gedeckte Tafel für 220 entführte Geiseln (27.10.). #BRINGTHEMBACK!

םשַׁבָּת שָׁלוֹם~ SHABBAT SHALOM? In einer so abgrundtief bösen und feindlichen Welt? Wir Deutsche haben schon einmal unsere jüdischen Mitbürger:innen im Stich gelassen. Solidarität bedeutet nicht, das Brandenburger Tor für wenige Minuten in den Nationalfarben Israels anzustrahlen (07.10.).

Sogar an die 30 Kinder wurde gedacht. Kinderstühle und Plastikgeschirr für die kleinen Hände.

DAUER-BRANDHERD
Der Nahe Osten ist ein Dauer-Brandherd der Welt. Für Nahost werden häufig die Begriffe ›Pulverfass‹ und ›Flächenbrand‹ gebraucht. Gelegt wurde das Feuer bereits während des ersten Weltkrieges, als England und Frankreich die Landkarten zwischen Damaskus und Bagdad im Handstreich neu zeichneten. Noch während der Erste Weltkrieg 1916 mit voller Härte tobte, zogen der Engländer Sir Mark SYKES und der Franzose Francois Georges PICOT neue Grenzlinien in den arabischen Sand. Den beiden Großmächten ging es vor allem darum, sich längerfristig Einfluss im Nahen Osten zu sichern. Die von Sykes und Picot gezogenen Grenzen wurden letztlich zu den Wurzeln der späteren Katastrophe im Nahen Osten. Armenier, Kurden, Palästinenser und Juden dienen bis heute als Spielbälle im zunächst noch kolonialen Mächtepoker. Der moderne DJIHAD wurde während des Ersten Weltkriegs als deutsche Kriegsstrategie im Orient in Deutschland erfunden.

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges stand neben dem Vertrag von Versailles auch ein anderer Ort für die Neuordnung der Welt: SÈVRES, ein Pariser Vorort. Dort besiegelten die Siegermächte Frankreich, Großbritannien und die USA das Schicksal eines großen Imperiums: Das Osmanische Reich sollte für immer zerschlagen werden. Die Folgen sind auch hundert Jahre später bis heute unübersehbar: Der Nahe Osten brennt, wird von Krieg und Terror überzogen. Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges versuch(t)en weitere Mächte, Vorteile aus der Lage zu ziehen: Sowjetunion/ Rußland, Ägypten, Jordanien, Syrien, Libanon, Irak, Iran, Katar, Türkei.

HAMAS
Formal ist der Gazastreifen Teil der Palästinensischen Autonomiegebiete und steht unter Verwaltung der Palästinensischen Autonomiebehörde. Wirtschaftlich ist Palästina von Israel abhängig. 2007 hat sich der Gazastreifen von der gemäßigteren Fatah-Führung im Westjordanland abgespalten und wird seither durch die islamistische HAMAS autoritär beherrscht. Es gab seit ihrer Herrschaftsübernahme 2007 keine Wahlen mehr, und die Meinungsfreiheit ist stark eingeschränkt. Frauen werden in Gaza unterdrückt. Die internationalen Hilfsgelder hat die HAMAS nicht der Bevölkerung zugute kommen lassen, sondern hat sie in den Tunnelbau und Waffenarsenale gesteckt. Die HAMAS strebt das Kalifat und die Scharia an. RECEP ERDOGAN bezeichnete die Terroristen der HAMAS als »Freiheitskämpfer« (29.10.). Israel führt jetzt Krieg gegen die HAMAS, die auch Hundertausende Palästinenser:innen schutzlos der Gewalt ausliefert.

Zorn und HASS? »Wer mit dem Zeigefinger allgemeiner Vorwürfe auf den oder die vermeintlichen Anstifter oder Drahtzieher zeigt, sollte daran denken, daß in der Hand mit dem ausgestreckten Zeigefinger zugleich drei andere Finger auf ihn selbst zurückweisen.« 
(GUSTAV HEINEMANN, 3. deutscher Bundespräsident, Fernsehansprache am 14. April 1968 nach den gewalttätigen Ausschreitungen gegen den Springer-Verlag, die dem Attentat auf Rudi Dutschke folgten.). 

LUXUS

Es ist teuer, arm zu sein. Armut kostet Lebenszeit. Politik und Medien verteidigen verbissen die Privilegien der Reichen und Schönen. Und wir reden hier von ›richtig‹ Reichen, also ›STINKREICHEN‹. Nein, keine Neiddebatte. Zum Nachdenken! Und zum Mitschunkeln. Fakten, Fakten, Fakten.

ERDERWÄRMUNG BEGÜNSTIGT ARMUT

Der Mensch trägt durch den Ausstoß von Treibhausgasen zur globalen Erwärmung bei. Dabei steht Deutschland als eine der größten Volkswirtschaften weltweit an siebter Stelle. Unser Land hat nach Angaben des Bundesumweltministeriums seit Beginn der Industrialisierung fast fünf Prozent der Erderwärmung verursacht – und Das, obwohl der deutsche Anteil an der Weltbevölkerung heute nur etwa ein Prozent ausmacht. Vor allem bei den Pro-Kopf-CO₂-Emissionen schneidet Deutschland schlecht ab: Sie sind pro Jahr etwa doppelt so hoch wie der internationale Durchschnitt. 

Der Sektor Verkehr ist der drittgrößte Verursacher von Treibhausgasemissionen in Deutschland – und ein Bereich mit hohem Einsparpotenzial. Im Jahr 2016 überstiegen die Gesamtemissionen des Verkehrssektors die Werte von 1990. Rund 96 Prozent der Emissionen werden im Straßenverkehr verursacht. So stößt ein Auto mit einem durchschnittlichen Benzinverbrauch von fünf Litern auf 100 Kilometern rund 13 Kilogramm CO₂ aus (Quelle: NDR, 2019).

Klimaschutz und Armutsbekämpfung sind kein Widerspruch. Eben weil der derzeitige CO₂-Verbrauch so ungleich verteilt ist. Eine kleine Gruppe gönnt sich einen Freifahrtschein für die Zerstörung unseres Klimas. Das zeigt die Oxfam-Studie anlässlich der Weltklimakonferenz COP26 2021. Diese Studie belegt, dass es vor allem Reiche sind, die weltweit die Klimakrise vorantreiben – durch ihren exzessiven Konsum und Lebensstil. Die Leidtragenden sind die Armen. Für den ›Konsumrausch‹ einer reichen Minderheit zahlen die Ärmsten den Preis. Die reichsten zehn Prozent sind für mehr als die Hälfte (52 Prozent) des CO₂-Ausstoßes weltweit verantwortlich. Das reichste Prozent für 15 Prozent – Tendenz steigend. Die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung ist dagegen nur für sieben Prozent des CO₂-Ausstoßes verantwortlich. So emittiert nach neuesten Statistiken (2023) zufolge ein Durchschnittsbürger in Deutschland rund 11 Tonnen CO₂ pro Jahr. Ein Millionär kommt schon auf 100 Tonnen und sogenannte Superreiche stoßen 2.000 Tonnen und mehr CO₂ aus. Klimapolitik muss Reiche in die Verantwortung nehmen und arme Menschen bei der Bewältigung der Krise unterstützen. »Wenn wir so weitermachen wie bisher, werden die krassen Ungleichheiten bei Einkommen und Emissionen innerhalb der Weltbevölkerung bestehen bleiben.«, so Emily Ghosh vom Stockholmer Umweltinstitut. Staaten müssen Luxus-Konsum wie Mega-Yachten, Privatflugzeuge und Investitionen in Öl- oder Gasgeschäfte stärker besteuern, rät Oxfam. Denn die Superreichen machen mit fossiler Energie nach wie vor sehr viel Geld.

GELD

Zaster, Moneten, Knete: Wer Geld hat, redet nicht darüber; wer es nicht hat, jagt einem meist unerreichbaren Heilsversprechen hinterher: »Geld kommt nur zu Geld, und wer keins hat, Der muss Lotto spielen«« (Floh de Cologne, 1970). Immer jedoch geht Geld mit Macht Hand in Hand und ist oft ein Mittel, um Beziehungen zu führen, ohne sich auf Augenhöhe auf diese einlassen zu müssen. Nicht umsonst heißt es oft: Wer das Gold hat, bestimmt die Regeln.

MARLENE ENGELHORN tut etwas, was so einigen Schweiß auf die Stirn treibt: Als Erbin eines beträchtlichen Vermögens redet sie über GELD – und besteht darauf, dass wir alle es tun. Die Boehringer-Erbin seziert mit spitzer Feder unser Verhältnis zu Geld – und entwirft eine Vision, die zeigt, dass gerechte Umverteilung nur demokratisch wirken kann (Kremayr & Scheriau, 176 Seiten, 20,00 €, ISBN: 978-3-218-01327-7).

PLANVERSPÄTUNG

Das trübe Herbstwetter lockt nicht zu Ausflügen. Zeit für eine Bilanz beim DEUTSCHLANDTICKET. Seit Mai kann es eingesetzt werden. Bis Oktober besuchte ich mit dem Ticket 25 Orte (alle Berichte sind hier chronologisch eingestellt). Baden-Württemberg: Bruchsal, HEIDELBERG (2x/ ÜN), Karlsruhe, Stuttgart; Brandenburg: Erkner (ÜN), Frankfurt/ Oder mit Słubice, Kremmen, Ziesar; Hessen: DARMSTADT (2x/ ÜN), Frankfurt/ Main (2x), Hessische Bergstraße (2x); Niedersachsen: Bodenwerder, Clausthal-Zellerfeld, Einbeck, GOSLAR (ÜN), Hahnenklee, Hameln, Wolfenbüttel; Sachsen-Anhalt: Halle/ Saale, Gardelegen, Lutherstadt Wittenberg, Merseburg, Salzwedel, Stendal, Tangermünde. War also bundesweit in verschiedenen Verkehrsverbünden unterwegs.

Das Ziel steht im Weg.

Resumee

›Schienenersatzverkehre‹; kurzfristige Zugausfälle wg. Personalmangels oder Technikversagens; ›Planverspätungen‹: längere Fahrtzeiten wg. Baustellen-Umfahrungen oder zusätzlichen Baustellen-Planhalten; verpasste Übergänge/ Anschlüsse; schlechte Informationen. Kein schöner Zug der Bahn. Im Schadenfall darf man nicht einen höherwertigen Zug nutzen. Das haben Diejenigen ausgeschlossen, die kostenlos die BahnCard 100 ›First‹ geschenkt bekommen; Diejenigen, die Dienstwagen mit Schofför nutzen; Diejenigen, die die Fahrbereitschaften der Parlamente nutzen. Soll denn ›der Pöbel‹ leiden? Bis 2070 sollen die Mängel im deutschen Bahnverkehr behoben sein. Aber seit mehr als 50 Jahren erzählt uns die Politik, sie wolle mehr Verkehr auf die Schiene bringen. Um dann das Gegenteil umzusetzen. »Ja, wenn der Senator erzählt«. Der neoliberale Wahn geht weiter.

Trotzdem: nach den Jahren DER SEUCHE eine willkommene und günstige Möglichkeit, Land und Leute kennenzulernen. So viele Ziele stehen noch auf meiner Wunschliste. Das DEUTSCHLANDTICKET ist jedoch zeitlich begrenzt. Da heißt es, sich zu sputen. Packen wir es an, Herr Wissing.

»MÄCHTIG GEWALTIG«

It’s a Man’s Man’s Man’s World
This is a man’s world, this is a man’s world
But it wouldn’t be nothing, nothing without a woman or a girl
 
You see, man made the cars to take us over the road
Man made the train to carry the heavy load
Man made electric light to take us out of the dark
Man made the boat for the water, like Noah made the ark

This is a man’s, man’s, man’s world
But it wouldn’t be nothing, nothing without a woman or a girl

Man thinks about our little bitty baby girls and our baby boys
Man made them happy, ‚cause man made them toy
And after man make everything, everything he can
You know that man makes money, to buy from other man

This is a man’s world
But it wouldn’t be nothing, nothing, not one little thing, without a woman or a girl

He’s lost in the wilderness
He’s lost in bitterness, he’s lost lost

Diese Welt gehört den Männern
Diese Welt gehört den Männern,
Aber sie wäre ein Nichts,
Ein Nichts ohne Frauen und Mädchen.

Wisst ihr, die Männer haben das Auto gemacht,
Das uns über die Straßen trägt.
Die Männer haben den [Eisenbahn-] Zug gemacht,
Damit schwere Güter transportiert werden können.
Männer haben das elektrische Licht erfunden,
Damit wir nicht im Finsteren sitzen müssen.
Männer haben die Schiffe gebaut,
Wie einst Noah seine Arche.
 
Dies ist eine Welt der Männer, der Männer, der Männer,
Aber sie wäre ein Nichts,  
Ein Nichts ohne Frauen und Mädchen.
 
Männer, denkt an eure Töchter, an eure Söhne
Mann, mach‘ Sie glücklich
‚denn der Mann macht das Spielzeug
denn ein Mann macht alles, alles was er kann
Du weißt, dass der Mann das Geld macht
Um von anderen Männern zu kaufen

Dies ist die Welt eines Mannes
Doch es wäre Nichts, Nichts
Nicht eine kleine Sache,
Ohne eine Frau oder ein Mädchen

Er ist verloren in der Wildnis
Er ist verloren in der Bitterkeit
Er ist verloren, verloren und …
(JAMES BROWN, 1966)
 

Männer berufen sich bei ihren Verbrechen auf GOTT. Mit Marx und Engelszungen: »Der Mensch macht die Religion, die Religion macht nicht den Menschen. […] Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volks. Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks des Volkes ist die Forderung seines wirklichen Glücks: Die Forderung, die Illusionen über seinen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf. Die Kritik der Religion ist also im Keim die Kritik des Jammertales, dessen Heiligenschein die Religion ist.« (KARL MARX, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, 1844)
 

NOTABENE: »Mächtig gewaltig« (EGON, Olsenbande, 1970). Das in der DDR erfundene »Mächtig gewaltig « wurde im Osten zum geflügelten Wort – und Kult. In der dänischen Originalversion der Filmreihe (14 Folgen) lautete der Ausruf ,Skide-godt’ – ,Scheiß-gut’. In der Bundesrepublik liefen die stark geschnittenen und schlecht übersetzten Filme der Reihe unter dem Titel
»Die Panzerknackerbande«. Ohne Witz. Und natürlich erfolglos.

MÄCHTIG GEWALTTÄTIG! Immer gewalttätiger. Immer brutaler. Männergewalt. Weltweit.

100 JAHRE – 100 STUNDEN

Unter dem Motto «Eine Legende wird 100» feierte der FLUGHAFEN TEMPELHOF (THF) sein bedeutendes Jubiläum. Am 08.10.1923 eröffnete der »Flughafen Tempelhofer Feld«. 1936–39 erhielt der Flughafen sein heutiges Aussehen. In der Zeit von 1945–93 wurde Tempelhof von der US Air Force genutzt. Der Flughafen wurde am 30.10.2008 als Flughafen geschlossen und entwidmet; bereits 1995 war er unter Denkmalschutz gestellt worden.

Am vergangenen Wochenende wurde erstmal ordentlich gefeiert: Happy Birthday, Tempelhof! Zum 100-jährigen Bestehen öffnete der ehemalige ZENTRALFLUGHAFEN seine Türen und bot 100 Stunden nonstop Jubiläumsprogramm (06.–10.10.). »Ready for Take-Off«: Start für das Ganze war Freitag um 18:00 Uhr. »Check-in«: Die ABFERTIGUNGSHALLE des unter Denkmalschutz stehenden Flughafengebäude-Komplexes war durchgehend geöffnet. In der Halle und auf dem gesamten Gelände gab es ein vielfältiges Programm mit Führungen, Ausstellungen, Konzerten, Poetry Slam, Kinovorführungen, Fitnessangeboten, Tanzveranstaltungen und Party. Ein Großteil der Angebote war dabei für die Besucher:innen kostenfrei. Auch sonst unzugängliche Bereiche des Flughafens waren zugänglich. Highlight war – bei schönstem Sonntagswetter – der begehbare ehemalige THF-TOWER (Eingang über den U-Bahnhof »Paradestraße«). »Follow me«.

SPUTNIK, RAUMPATROUILLIE, MONDLANDUNG

Kaum eine Epoche hat die Zukunft so gefeiert, wie die 1960er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Raumfahrt und Atomkraft lösten eine regelrechte Euphorie aus. Mit der Eroberung des Weltalls durch »Sputnik« und dem Wettlauf zum Mond schienen die Fesseln der Menschheit gesprengt. Durch die neue Technik der Atomkraft stand vermeintlich unbegrenzte und saubere, dazu billige, Energie für den Aufbruch in ein neues Zeitalter zur Verfügung. Der Aufbruchsgeist durchströmte zu jener Zeit nahezu alle Bereiche der Gesellschaft und drang bis tief in den Alltag vor.

Diesem Phänomen widmet sich die Design-Ausstellung »Into the Space Age!« im Hessischen Landesmuseum Darmstadt. Wie sah die Zukunft früher aus? Zu sehen sind in der Ausstellung unverwechselbare Ikonen des Atom- und Weltraumzeitalters aus den Bereichen des Mode-, Möbel- und Produktdesigns sowie der Architektur. Wer durch die Ausstellung »Into the Space Age!« läuft, spürt die Aufbruchstimmung immer noch. Sie zeigt sich in den quietschbunten Plastiksitzmöbeln ohne Beine und Lavalampen, den TV-Geräten in runder Optik und Tischen mit ihren organischen Formen. Wie stark der Zukunftsoptimismus jener Zeit sich niederschlug, führt die Ausstellung mit 120 Exponaten und einem Gang durch die Geschichte jener Jahre unterhaltsam vor Augen. Manche »Babyboomer« erkennen sicher noch das eine oder andere Exponat ihrer Kindheit wieder. »Die Jetsons« mit der Vorwegnahme des heutigen Smart-Home und »Raumpatrouille Orion« flimmerten über die heimischen Fernsehgeräte. Und im Kino wurden die Science-Fiction-Filme »2001: Odyssee im Weltraum« und »Barbarella« zu Blockbustern. Einige der ausgestellten Sitzmöbel erlangten sogar weltweite Berühmtheit durch Film und Fernsehen. Etwa der »Tulip-Chair« des Finnen Saarinen aus dem Jahr 1956, mit dem das legendäre Starlight Casino aus der Serie »Raumpatrouille Orion« ausgestattet wurde. Der Sessel »Djinn« des französischen Designers Olivier Mourgue von 1965 schaffte es in den Stanley-Kubrick-Klassiker »2001: Odyssee im Weltraum«.

Anhand von Möbeln wie dem Sitzsack »Sacco« zeigen die Kuratoren, wie der neu aufkommende Geist der Achtundsechziger erneut das Design beeinflusste. Die Matratzenlager der »Kommune 1« stehen für den Aufbruch einer Generation: Man wollte auf »gleicher Ebene« sitzen. Und zwar in bequemer Haltung – also »lümmeln«. In den frühen Siebzigern fand die Epoche ihr Ende mit der Ölkrise, der Antiatomkraftbewegung und Alternativkulturen. Vor der Verschwendung von Ressourcen warnte bereits damals der Bericht des »Club of Rome«. Der Zweifel an der Welt des Fortschritts verstärkte sich. Aber auch die Ignoranz. Und inzwischen hat uns die Klimakrise erreicht.

Sehr empfehlenswert, bis zum 7. Januar 2024.

Karussell-Rakete aus den 1960er-Jahren. Die Autoscooter-Fahrgeschäfte waren bald wieder attraktiver.
Elegantes TV-Möbel vom deutschen Designer Gerhard Kubetschek aus dem Jahr 1959/ 60.