STADTBILD

In Deutschland steigt die xenophobe Gewalt.

Bundeskanzler Friedrich Merz scheint ›fremdländisch aussehende‹ Männer als Problem ausgemacht zu haben. Sexualisierte ›Messermänner‹ betrachten wohl in seiner Vorstellung Frauen als ihr Eigentum, bedrängen und vergewaltigen ›unsere Töchter‹. Deshalb sorgt sich Merz um das deutsche STADTBILD: »[…] Aber wir haben natürlich immer im Stadtbild noch dieses Problem, und deswegen ist der Bundesinnenminister ja auch dabei, jetzt in sehr großem Umfang auch Rückführungen zu ermöglichen und durchzuführen.« (14.10.). Eine Bekräftigung des AfD-Versprechens der sogenannten REMIGRATION. Das Bild von einem gereinigten Deutschland ist der Ausdruck eines völkischen Verständnisses dieses Landes. Nach Merz‘ Ansage leben bei uns Menschen, die bleiben dürfen, während andere aus dem »Stadtbild« und überhaupt aus Deutschland entfernt gehören. 

Viel bedrückender ist meines Erachtens die wachsende Armut und die damit verbundene Obdachlosigkeit im öffentlichen Raum.
Das mag dem ehemaligen BlackRock-Mann und Millionär bislang noch nicht aufgefallen sein. Seit der »Agenda 2010« werden Kranke, Arbeitslose und Obdachlose bekämpft. Helfen hier im aktuellen politischen Klima und in einer entsolidarisierten Gesellschaft vielleicht besser auch Abschiebungen? Für ein schönes STADTBILD?

KACKWURST

Darf KACKWURST noch KACKWURST heißen? 

Fleischalternativen liegen im Trend. Doch Begriffe wie »Veggie-Schnitzel« könnten bald verschwinden. Denn das Europaparlament will Bezeichnungen wie »Veggie-Wurst« verbieten lassen. Auch Begriffe wie »Steak« oder »Burger« sollen dem Willen einer Mehrheit der Abgeordneten zufolge künftig nur noch für tierische Lebensmittel verwendet werden dürfen. Denn das Volk ist blöde. Verwechslungsgefahr! Eine Mehrheit der christlich-konservativen Mehrheits-Fraktion um die deutschen ›Verbotsparteien‹ CDU-CSU stimmte kürzlich im Europaparlament für eine entsprechende Gesetzesänderung (08.10.). Auch Bundeskanzler Friedrich Merz hatte den Antrag befürwortet. Die EU-Staaten müssen noch dem Vorhaben zustimmen, damit die Vorgaben in Kraft treten können.
Also: Kackwurst kann auch zukünftig verwendet werden, da tierisch. Hackschnitzel, Fleischtomate oder Fruchtfleisch dagegen gehen gar nicht mehr. Und wie wäre es mit »Veggie-Kitzel«? 

Eines der brennendsten Probleme Europas ist endlich gelöst. In Dankbarkeit. O heiliger Sankt Markus.

Mahlzeit! Plakatiert am Potsdamer Platz (im Frühjahr 2018).

KOSTRZYN NAD ODRĄ 

Fahrt mit der Niederbarnimer Eisenbahn − NEB, RB26 − nach KOSTRZYN NAD ODRĄ (Polen/ 03.10.). Die Kleinstadt liegt
in der Wojewodschaft Lebus. Das ehemals deutsche Küstrin, bis 1928 Cüstrin geschrieben, hieß bis Ende 2003 nur Kostrzyn.
Das Stadtgebiet erstreckte sich bis 1945 über beide Ufer der ODRA (Oder). Der nordöstlich der WARTA (Warthe) gelegene ehemalige Stadtteil Küstrin-Neustadt bildet heute das Zentrum der Stadt Kostrzyn nad Odrą. Bis 1907 war er bekannt als Kurze-Vorstadt.

Die preußische Festungsruine und ehemalige Altstadt befindet sich auf einer Halbinsel am Zusammenfluss von Odra und Warta. Bekannt wurde Küstrin durch die Hinrichtung des Leutnants Hans Hermann von KATTE (1704–1730), eines Jugendfreundes des Kronprinzen Friedrich, nach der ›Fahnenflucht‹ beider.

Im Zweiten Weltkrieg gelang der Roten Armee bei der ›Weichsel-Oder-Operation‹ Ende Januar 1945 stellenweise das Über-
schreiten der Oder. In der aussichtslosen militärischen Lage erklärte die fanatisierte deutsche Militärführung Küstrin am 29. Januar 1945 erneut zur Festung, um sie ›bis zum letzten Blutstropfen‹ (also bis zur völligen Vernichtung) verteidigen zu lassen. Die Ein-
wohner der östlichen Stadtteile wurden in der Folge am 19. Februar 1945 glücklicherweise evakuiert. Bei den schweren Kämpfen
um Küstrin von Mitte bis Ende März 1945 wurde die Altstadt beinahe gänzlich zerstört. Küstrin war neben dem niederschlesischen Glogau die am schwersten zerstörte Stadt im Osten Deutschlands. Tausende deutsche Soldaten starben bei den Gefechten um Küstrin (Schätzungen gehen von bis zu 10.000 Toten aus). Der bei Küstrin geschaffene Brückenkopf wurde am 16. April 1945 zum wichtigsten Ausgangspunkt der sowjetischen Offensive auf die »Hauptstadt der Bestie«, auf Berlin.

In allen Publikationen wird die zerstörte Altstadt Küstrins als das »Pompei des Nordens« bezeichnet. Das ist falsch. Denn Küstrin war nicht durch eine Naturkatastrophe zerstört worden. Der Titel ›Karthago des Nordens‹ wäre richtig. Das wurde im dritten und letzten Punischen Krieg dem Erdboden gleich gemacht: »Ceterum censeo Carthaginem delendam esse/ Übrigens bin ich der Meinung, dass Karthago zerstört werden muss (Marcus Porcius Cato, der Ältere, 150 v. Chr.)«.

Der Küstriner Bahnhof ist ein Kreuzungsbahnhof mit Gleisen auf zwei Ebenen sowie mit interessanter Architektur und technischen Besonderheiten.

KARTHAGO

Die innerhalb der »Festung Brandenburg« gelegene Küstriner Altstadt ist seit dem Zweiten Weltkrieg ein einziges Trümmerfeld. Nach dem Krieg wuchs buchstäblich Gras über den wenigen Resten. Die Altstadt galt als Kriegsgräberstätte. In den Nullerjahren begannen die Polen die Ruinenreste zu sichern. Die ehemalige Stadt wurde zugänglich gemacht: Straßenschilder mit den historischen Namen wurden aufgestellt; das Berliner und das Kietzer Tor sowie Teile der historischen Festungsanlage wurden wieder aufgebaut. Die bei archäologischen Grabungen gefundenen Artefakte sind in den Kasematten der »Bastion Philipp« ausgestellt. Der Eintritt in die attraktiv gestaltete Ausstellung zur Geschichte Küstrins kostet 25 Złoty. Keine Ermäßigung. Die hier abgebildeten Artefakte stammen aus der Ausstellung.

Das BERLINER TOR im Norden.
Denkmalsockel von JOHANN VON BRANDENBURG, auch Hans von Küstrin genannt.
Blick in die MARIENKIRCHE.
Blick auf das Küstriner SCHLOSS. Am Platz der Schautafel stand das Schafott für die Hinrichtung Kattes.
Die Hinrichtungsstätte und das Fenster, aus dem der Kronprinz die Hinrichtung seines Freundes mitansehen musste.
Markttreiben am Küstriner MARKTPLATZ.
Blick auf die »Bastion Philipp«.

BUCHSTÄBLICH

Das Berliner BUCHSTABENMUSEUM muss nach 20 Jahren am 5. Oktober 2025 für immer seine Türen schließen. Aufgrund fehlender finanzieller Mittel und ausbleibender Förderungen sieht BARBARA DECHANT, die Gründerin und Leiterin des Museums,
keine Zukunftsperspektiven mehr. Während DER SEUCHE waren die Besucherzahlen eingebrochen und die Kosten gestiegen.
Was den Fortbestand unmöglich macht. Auch war das Museum zu groß geworden, um den laufenden Betrieb allein mit der Hilfe
von Ehrenamtlichen sicherzustellen. Es drohte die Insolvenz.


Das Buchstabenmuseum im Hansaviertel sammelt(e) berührbare 3-D-gebaute Buchstaben aus Kunststoff, Glas, Metall oder Alublech. Dabei betrachtete man die Neon-Buchstaben nie als bloße Designobjekte, sondern dokumentierte die Geschichte der Lichtreklame als Wegweiser einer vielfältigen Konsumwelt.

Die Sammlung von 3.500 Buchstaben soll zusammengehalten werden. Deshalb sucht der gemeinnützige Verein nun nach einer geeigneten langfristigen Einlagerungsmöglichkeit. 

Tara, die Post aus Flensburg ist da!

Sehr sehenswert die Ausstellung »FINAL SALE – Vom Kaufhaus ins Museum.« Eine Ausstellung mit Leuchtschriften ehemaliger Kaufhäuser von 1980 bis heute. Neckermann, Horten, Hertie, Centrum, Quelle, Kaufhof und Karstadt – Warenhausikonen, die aus den deutschen Innenstädten verschwanden. Galeria (Karstadt & Kaufhof) ringt aktuell mit der Schließung auf Raten. Mit dem Verlust
der Konzerne, gehen auch die markanten Schriftzüge der Waren- und Kaufhausketten verloren.

Quelle, ein Opfer gieriger Bankster.

Das Buchstabenmuseum im Stadtbahnbogen 424 (am S-Bahnhof ›Bellevue‹) ist nur noch bis einschließlich 5. Oktober 2025 geöffnet Donnerstag bis Sonntag 13:00 bis 17:00 Uhr, Eintritt 12,00/ ermäßigt 6,50 Euro. 

RIEN NE VA PLUS


Deutsche Bahn: Berlin ist zurzeit vom Regionalzugverkehr abgehängt: Vollsperrung der Nordverbindungen nach Hamburg (bis April 2026); inzwischen Umleitung der Umleitung. Vollsperrung der Südverbindungen bis Bitterfeld (bis Fahrplanwechsel 13.12.2025). Und: ebenfalls Schienenersatzverkehre auf der Linie RE1 zwischen Magdeburg und Frankfurt/ Oder. 

BAHNFAHRT INS GLÜCK
Am Mittag kommt der Morgenzug:
Kein Klo, auch keine Bar nicht.
Der zweite Zug, aus Schaden klug.
Kommt vorsichtshalber gar nicht. 

Der dritte dreht und fährt zurück
Und kreuz und quer − Baustellen!
Am Abend fehlt ein Schienenstück.
Ein Kind beginnt zu bellen.

Fahl steht der Montagsmond und klagt.
Dann wird die Stimmung heiter:
Der Strom fällt aus. Ein Schaffner sagt:
»Am Freitag geht es weiter.«

THOMAS GSELLA 
(zitiert nach Stern #39, 18.09.2025, Seite 202).

Deutsche Bahn: Neue Chefin übernimmt. Sie besitzt den Triebfahrzeugführerschein. EVELYN PALLA arbeitete für die erfolgreiche Österreichische Bundesbahn (ÖBB). Die Südtirolerin engagiert sich seit 2019 bei der Deutschen Bahn (DB). Zunächst war sie Finanzvorständin bei DB-Fernverkehr; seit 2022 zeichnet sie für den Regionalverkehr – inklusive aller S-Bahnen – verantwortlich. Unter Palla schrieb das Tochterunternehmen DB-Regio wieder schwarze Zahlen. Palla steuert selbst Züge und hat Erfolge vorzuweisen. Die neue Bahnchefin versteht also ihr Geschäft. Aber Bundesverkehrsminister Patrick Schniedel (CDU) fesselt sie mit politischen Vorgaben. Will er mit Hemmschuhen dafür sorgen, dass die Verkehrswende weiter ausgebremst wird? NICHTS GEHT MEHR.

CHRISTIAN-IDYLL

Am Sonntag lautete die Parole »STAATSOPER ENTDECKEN« (Tag der offenen Tür, 14.09.). Christian Thielemann (*1959) ist ein Berliner Dirigent. Seit September 2024 leitet er als Generalmusikdirektor die ›Staatsoper Unter den Linden‹ in Berlin. Von 2012 bis 2024 war er Chefdirigent der ›Sächsischen Staatskapelle Dresden‹. Er ist Wagner-Spezialist. 

Interessierte konnten die Staatsoper mit ihren vielfältigen Facetten erkunden und einen Blick hinter die Kulissen werfen: Opernhaus (Großer Saal und Apollosaal) sowie Probenzentrum. Das Ensemble der Staatsoper sowie der Staatsopernchor, die Staatskapelle und das Staatsballett gestalteten das Programm des Tages. Im Großen Saal gab es musikalische Beiträge von Ensemble-Sänger:innen oder eine öffentliche Probe der Staatskapelle. Die ›Appetithäppchen‹ machten Lust auf die neue Spielzeit. Aber auch die Werkstätten erlaubten im Probenzentrum Einblicke in ihre Kunstfertigkeit und Handwerkskunst. 

Belcanto. Sänger:innen des Ensembles lebten leidenschaftlich Stücke von den folgenden Komponisten: Jacques Offenbach, Richard Strauß, Kurt Weill und Richard Wagner.

Les contes d’Hoffmann: Olympia kann KI! Ihr Lied »Les oiseaux dans la charmille« (»Die Vögel im Laubengang«) wird zweimal unterbrochen, weil die Puppe neu aufgezogen werden muss.
Richard-Strauß-Lieder ergänzen das Repertoire.
Fricka lebt Wagner.
Sänger:innen des Ensembles. Am Klavier begleiteten Albert Mena und Yury Ilinov. 

AUS DER TRAUM 

Er war der »König von Deutschland«: RIO REISER, Frontmann von »Ton Steine Scherben«. Das Leben von RALPH MÖBIUS (1950−1996), alias Rio de Galaxis, alias Rio Reiser, erzählt auch ein Stück Geschichte der Bundesrepublik Deutschland und West-Berlins. Rio Reiser starb am 20. August 1996 im Alter von 46 Jahren auf seinem Künstlerhof in Fresenhagen. 2011 wurde Rio auf
den »Alten St.-Mätthäus-Kirchhof« in Berlin-Schöneberg umgebettet.


GERT MÖBIUS (*1943) war sehr eng mit seinem ›kleinen‹ Bruder Ralph. Gert Möbius ist Maler und Drehbuchautor. 1966 ging Gert Möbius nach Berlin. Dort inszenierten die drei Möbius-Brüder − dabei war noch Peter (1941−2020) − 1967 am altehrwürdigen »Theater des Westens« die »erste Beat-Oper der Welt«. Schon damals schrieb der 17-jährige Rio die Musik dafür. Ein Erfolg wurde »Robinson 2000« nicht. Gert und Rio wohnten in Kreuzberg, erlebten als Hausbesetzer die ›wilden‹ Zeiten West-Berlins. Es war die Zeit der Außerparlamentarischen Opposition (kurz APO). Die Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 heizte das politische Klima in Westdeutschland und West-Berlin auf. Die Rote-Armee-Fraktion (RAF) entstand.

Seit Ende der 1960er-Jahre war der »Zentralrat der umherschweifenden Haschrebellen«, auch kurz HASCHREBELLEN, eine linke, teilweise militante Organisation in West-Berlin. Diese Gruppierung, die aus der Haschischszene der Halb-Stadt hervorgegangen war. war eher anarchistisch orientiert. Ihre Proteste richteten sich ursprünglich hauptsächlich gegen die damalige restriktive Drogen-
politiik des Berliner Senats, insbesondere die zahlreichen Rauschgiftrazzien in Szenekneipen. Durch den Vietnam-Krieg waren Rauschgifte leichter verfügbar. ›Harte‹ Drogen wie Heroin wurden zunehmend konsumiert. Nicht nur bei den stationierten US-Soldaten fanden sie Abnehmer.

Anlässlich seines 75. Geburtstages eröffnete am Freitag die sehenswerte Ausstellung »75 Jahre Rio Reiser. Ausstellung Ecce Homo – Mein Name ist Mensch« (13.09.). Zur Vernissage gaben »Ton Steine Scherben (TSS)« ein kleines Konzert.

Soundcheck.
Gert Möbius. Winkend Kurator John Colton.

Aus dem Ausstellungsflyer: 1923 wählte der Berliner Künstler George Grosz »Ecce Homo« (lateinisch)/ »Seht, der Mensch« als Titel für eine Mappe mit 100 Karikaturen, die den sozialen und moralischen Bankrott der herrschenden Weimarer Gesellschaft entblößen sollten: Der kapitalistische Kriegsgewinnler, der lüsterne Spießbürger, die ausgemergelte Hure, der korrupte Beamte … George Grosz brach radikal mit der christlichen Tradition und nutzte den Titel ironisch für seine sarkastische Anklage: Seht, was aus den Menschen geworden ist!

Der Titel spielt auf den aus der Bibel stammenden Ausspruch »ECCE HOMO« an, mit dem der römische Statthalter Pontius Pilatus den gegeißelten Jesus vor der Kreuzigung dem Volk präsentierte. Über Jahrhunderte hinweg wurde »Ecce Homo« in der Kunst zu einer Ikone christlicher Passions- und Heilsgeschichte. Hieronymus Bosch, Albrecht Dürer, Caravaggio und zahllose andere Künstler setzten das Motiv stets im Kontext von Leid, Schuld und göttlicher Offenbarung in Bilder um. 1971 veröffentlichte die junge deutsche Rockband »Ton Steine Scherben« auf ihrer ersten LP den Song »Mein Name ist Mensch«, geschrieben von Rio Reiser. Das Werk kann als humanistische »One World Erlösungshymne« auch als subversive Variation des »Ecce Homo«-Motivs gelesen werden. Mit Grosz teilt Reiser den sozial kritischen Blick und eine politische Haltung als Künstler. Die kulturgeschichtliche und philosophische Auseinandersetzung mit der Bibel durchzieht das gesamte Werk von Rio Reiser. Allerdings geht es ihm mit »Mein Name ist Mensch« und anderen Liedern nicht um religiöse Legitimation. Seine Message lautet: Seht, was Menschen Menschen antun, aber Erlösung gibts nur durch Kampf und den Menschen selbst, durch den Sieg der Liebe. Rios Paradies liegt nicht im Jenseits sondern hier bei uns, auf dem Planeten Erde. Er »wird uns allen gehören, und jeder wird haben, was er braucht.«

Die Ausstellung lässt uns einen Blick in diese »Black Box« von Rios Schöpfungskraft, erhaschen. ECCE HOMO zeigt Rio Reisers Originalwerke und O-Töne, Fragmente seines kreativen poetischen Kosmos, bereitgestellt durch das von Gert Möbius verwaltete Rio-Reiser-Archiv: Zeichnungen, Fotos, Notizen, Tagebuchaufzeichnungen und Ausschnitte aus Interviews.

Wir sehen die Welt mit Rios Augen. Er sieht sozialen Realitäten ins Auge und darüber hinaus, nicht kritisch distanziert, sondern mitfühlend solidarisch, u. a. mit den besonders Verletzbaren − sicher auch aus der eigenen zerrissenen Identität, dem persönlichen Erleben von Verzweiflung, Ungerechtigkeit. Eine eindrucksvolle Zeitreise.

Wir sehen Bilder, die er selbst geschaffen hat, kontrastiert und kontextualisiert mit Fotografien des urbanen Lebens in Berlin Anfang der 1970er-Jahre und mit Aufnahmen der Gegenwart. Zum 75. Geburtstag suchen wir die Begegnung mit dem wohl einflussreichsten Poeten deutschsprachiger Rockmusikgeschichte. Wir sehen alles im Heute mit seinen Augen und hören seine Stimme: Was machen wir daraus?

Ausstellungsort (temporär): Browse Gallery, Bergmannstraße 5, 10961 Berlin.
Ausstellungszeiten: 14.09.−12.10.2025 – DI−SO 14:00 bis 19:00 Uhr.
Eintritt: 4 €, ermäßigt 2 €.

Macht kaputt was euch kaputt macht

Radios laufen, Platten laufen,
Filme laufen, TV’s laufen,
Reisen kaufen, Autos kaufen,
Häuser kaufen, Möbel kaufen.
Wofür?

Refrain:
Macht kaputt, was euch kaputt macht!
Macht kaputt, was euch kaputt macht!

Züge rollen, Dollars rollen,
Maschinen laufen, Menschen schuften,  
Fabriken bauen, Maschinen bauen,
Motoren bauen, Kanonen bauen.
Für wen?

Refrain:

Bomber fliegen, Panzer rollen,
Polizisten schlagen, Soldaten fallen,
Die Chefs schützen, Die Aktien schützen,
Das Recht schützen, Den Staat schützen.
Vor uns!  

Ton Steine Scherben, 1970.
Text: Norbert Krause, Musik: Rio Reiser. 

Veteran:innen-Treff. Beim Konzert und bei diesem Lied wurde eine einzige geballte Faust in den Kreuzberger Himmel gereckt, während sich die andere Hand auf einen Rollator stützte.

AUS DER TRAUM
Der Traum ist aus! Der Traum ist aus!
Aber ich werde alles geben, daß er Wirklichkeit wird.
Rio 1971.

FLIEGENDES BÜRGERAMT 

Das »Amt für Bürgerdienste Friedrichshain-Kreuzberg« bietet mit dem mobilen ›Kiezbürgeramt‹ zeitweise Bürgeramts-
dienstleistungen außerhalb der Dienststellen und -zeiten ohne Termin und wohnortnah an. Behördenmitarbeitende gehen in
die Ortsteile − niedrigschwellig, barrierefrei, unkompliziert und in vertraute Umgebung. Sogar am Wochenende.

Als neuen Service können Bürger:innen bei Veranstaltungen beispielsweise biometrische Passfotos für die Beantragung von Ausweisdokumenten digital vor Ort erstellen lassen und müssen diese nicht mehr mitbringen. Alles Notwendige hierfür enthält
ein Koffer.

Biometrische Passfotos im Rahmen der Antragstellung direkt vor Ort aufnehmen zu können, spart Zeit und Nerven. So geht Bürgernähe. Gesehen beim bunten Mitmachfest zum Berliner Demokratietag am Platz vor der Amerika-Gedenkbibliothek
in Kreuzberg (14.09.).

Alles rund um den Führerschein, na klar.

Die Politik hat sich den Bürokratieabbau auf ihre Fahnen geschrieben. Sie übersieht dabei jedoch gerne, dass die Gesetzgebung der Legislative in Verwaltungsvorschriften umgesetzt werden muss. Das ›Kiezbürgeramt‹ wird in einer 30-minütigen sehenswerten Fernsehdokumentation vorgestellt: »Bürokratie vs. Demokratie«, PHOENIX, ARD-Mediathek, Bürgeramt im Koffer ab MIN 24:40 (bis 11.09. 2030).

OMAR & MEGATATZE

Unübersehbar! Ecce Homo. Seit Donnerstag ziert das riesige Wandbild eines bärtigen Mannes die Brandmauer der »Zentralen Beratungsstelle für Menschen in Wohnungsnot« an der Levetzowstraße 12 in Moabit. Gut zehn auf sechs Meter groß ist das Porträt von OMAR GRAZIANO (†43) und seines Hundes MEGATATZE. Der Streetart-Künstler Akut (alias Falk Lehmann) setzt damit dem Mann, der mehr als 30 Jahre auf den Berliner Straßen lebte und vor sechs Jahren in Prenzlauer Berg erfror, ein Denkmal.
Als Vorlage diente ein Foto der Fotografin Debora Ruppert. Für die Fertigstellung benötigte Akut eine Woche. Pünktlich zum »Tag
der wohnungslosen Menschen« wurde das Mural feierlich der Öffentlichkeit vorgestellt (11.09.). Das Bild steht stellvertretend für
die vielen Menschen ohne Obdach, die meist einsam und namenlos in Berlin sterben und anonym bestattet werden.


Das Mural entstand durch Spenden, unter anderem durch die Frank-Zander-Stiftung, die an Weihnachten regelmäßig ein karitatives Gansessen für Obdachlose veranstaltet. Träger der Beratungsstelle sind die Berliner Stadtmission und der Caritasverband für das Erzbistum Berlin.

Obdachlosigkeit prägt das Berliner Stadtbild. Berliner Wohlfahrtsverbände sehen schon seit einiger Zeit eine wachsende Not,
die schrumpfenden Hilfen gegenübersteht. In den vergangenen vier Jahren hat sich laut Straßen- und Grünflächenamt (SGA) in Mitte
die Zahl der obdachlosen Personen im Bezirk erheblich verstärkt. Insgesamt verzeichneten die Teams von Kälte- und Wärmebus 3.374 Kontakte zu Menschen, die auf der Straße leben − ein Anstieg von rund 25 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Wohnungslosigkeit und Wohnarmut sind zentrale Probleme unserer Zeit und stellen eine existenzielle Bedrohung und tiefe Notlage dar. 17,5 Millionen Menschen sind in Deutschland nach Paritätischer Expertise bereits von Wohnarmut betroffen (Quelle: Der Paritätische). In einem reichen Land. Für eine der größten gesellschaftlichen Herausforderungen braucht es endlich sozialpolitische Antworten für heute und morgen. Um Wohnungslosigkeit präventiv zu verhindern und gleichzeitig dauerhaft zu beenden.
Ecce Homo.