MYTTELRHEINISCHER OSSIAN

PAUL ELMAR BRINGEZU (1944–2022). Seit 1975 bis zum Ruhestand Flötist am ›Städtischen Orchester Heidelberg‹
(jetzt ›Philharmonisches Orchester Heidelberg‹). Sprach- und stimmgewaltig. Prall voller Kreativität und Witz.

Der Myttelrheinische Ossian. Bringezu liest Bringezu, Balladen – Sonette – Romanzen, CD 1998/ 99. Seine schöne markante Stimme bleibt. Ab 1983 Produktion von kleinen Büchern: Erlebnisse des Herrn von Dapp (1983/ 1989); Pantheon mancherley Musicae – Beiträge zur Geschichte des Runxophons (1989); Lybeslüryck (1989); Der kleinste Brehm (1990); Triangulum haereticum (1991); …

Elmar (›PEB‹) konnte das Leben genießen. In meinem Herzen die schönen Nächte nach manchen Vorstellungen in der Theaterkantine oder im »Palmbräu«, die geistreichen Gespräche. Sein feiner Humor bereicherte stets unsere Zusammenkünfte.

Elmar ließ am 20. Oktober los. PEP hinterläßt eine gewaltige Lücke.

MODELINIE

In Kooperation mit s.Oliver (QS) und Zalando brachten die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) eine Modekollektion im Muster
der neuen Bus- und Bahnsitze heraus. Am Alexanderplatz öffnete im Zwischengeschoss des U-Bahnhofs ein Pop-up-Store (18.10.).
Unter dem Slogan »Mehr Street kann Wear nicht sein« (vielleicht besseres Denglish: »Mehr Street kann nicht Wear sein«) können BVG-Fans die limitierte Wimmelbild-Mode dort kaufen. Die Kapuzenpullover, Sweatjacken, Westen, T-Shirts und Hüte
sind erhältlich, solange der Vorrat reicht. Die Öffi-Mode ist jedoch nicht ›billig‹. Wie der ÖPNV. Denn die Sweatjacken können schon mal 130 Euro kosten. – Socken würden mich interessieren! Die gibt es aber (noch) nicht?
In zwei Monaten ist Heiligabend.

Bereits im Sommer hatte die BVG als Zeichen für Akzeptanz und Toleranz für ihre Busse und Bahnen das »Muster der Vielfalt« eingeführt: Ein Sitzmuster, das sich aus vielen bunten und diversen Menschen-Silhouetten zusammensetzt. Das neue Muster besteht aus rund 80 verschiedenen Silhouetten, die unter anderem homosexuelle Paare, Rentner mit ihrem Hund oder Rollstuhlfahrer repräsentieren. Neue Fahrzeuge dürfen sofort im neuen Fummel auf die Straße. Ab 2023 soll dann das »Muster der Vielfalt«
sukzessive die Sitze in allen BVG-Fahrzeugen schmücken. Weil das Verkehrsunternehmen Wert auf Nachhaltigkeit legt, soll
das Muster aber erst aufgezogen werden, wenn alte Bezüge ohnehin ausgetauscht werden müssen. Im Juli waren bereits die ersten beiden Doppeldeckerbusse damit neu ausgestattet worden.

Sitzbank am U-Bahn-Halt ›Machma Platz‹.
Hut in ›Sitztarn‹.
Ob Hündin Chica (10) vom neuen Polstermuster-Fummel träumt?
Ticket überflüssig? Als wandelnder Bus-/Bahn-Bezug verschmelzen die Fahrgäste, einem Chamäleon gleich, mit den Sitzen.

TOXISCHE MÄNNLICHKEIT

Seit Wochen reißen die systemkritischen Proteste im Iran nicht ab. Auslöser war der Tod der jungen Kurdin MAHSA AMINI, die von der Sittenpolizei inhaftiert wurde, weil sie ihr Kopftuch nicht vorschriftsmäßig trug, so dass noch Haare zu sehen waren. Das gilt
bei den ›frommen‹ Buchhalterseelen als sexuelle Provokation und Beleidigung Gottes des Allmächtigen. Sie leiten daraus ab,
dass sie im Auftrag Gottes foltern und töten müssen. Quasi als Gottesdienst. Sie nennen Hass und Ausgrenzung RELIGION.
– Am 16. September war Mahsa in der Haft verstorben.

Frauen reicht es jetzt nach 43 Jahren islamischer Diktatur. Mit einer Großdemo unter dem Motto »#WomenLifeFreedom« haben
am Samstag in Berlin rund 80.000 Menschen die Protestierenden im Iran unterstützt – und damit deutlich mehr als erwartet (22.10.).
Der Demonstrationszug führte von der Siegessäule über die John-Foster-Dulles-Allee und die Straße des 17. Juni zurück zum ›Großen Stern‹.

MAHSA AMINI (1999–2022). J’ ACCUSE.

WER HAT HIER SCHLECHTE LAUNE?

Dit is die ›Nörgel-Hauptstadt‹ Berlin! »Ach Du Schande, fängt ja jut an, der Tach.« So begann stets die legendäre West-Berliner Fernsehserie »DREI DAMEN VOM GRILL« (11 Staffeln, 1977/ 78–1991). Die Damen vom Grill servieren wieder kross gebratene Currywurst mit selbstgemachter Ketchupsoße. Denn die Serie wird zurzeit Samstagnachmittags im rbb-Fernsehen wiederholt. 

MAX RAABE ist ein Mann von Stil und Benimm – und sogar sein Humor ist geschmackvoll: schwarz und trocken. Der ausgebildete Opernsänger hat sich auch Schlagern und Couplets der 1920er- und 30er-Jahre verschrieben und ist damit international erfolgreich. Doch Max Raabe ist keiner, der aus der Zeit gefallen ist. Mit seinen geistreichen, verschmitzten Pop-Alben trifft er den Nerv
der Gegenwart und fragt jetzt: »Wer hat hier schlechte Laune?« Mit seiner wundervollen Baritonstimme vertreibt Max Raabe sie (Quelle: neueste CD gleichen Titels/ 14.10., Max Raabe & Palast Orchester).

WER, WER HAT HIER SCHLECHTE LAUNE?
Wer, wer hat hier keine Lust?
Wer, wer hat hier schlechte Laune?
Wer, wer hat hier gerade Frust?

Manchmal gibt es Tage,
da hängt man einfach durch,
da hat man ’ne Visage,
wie ’n schlecht gelaunter Lurch.

Die Stimmung ist im Keller,
und kommt doch nicht mehr rauf.
Die Sonne ist verschwunden,
Und geht auch nicht mehr auf.

Wer, wer hat hier schlechte Laune?
Wer, wer hat hier keine Lust?
Wer, wer hat hier schlechte Laune?
Wer, wer hat hier gerade Frust?

Brauchst du ʻne Umarmung, ein Kuss oder ʻn Keks?
oder die gezogen‘ für unterwegs?
Willst du Schokolade oder Teddybär?
Hast du ’ne Blockade?
Komm setzt dich mal her.

BTW: Mit ANNETTE HUMPE (siehe HIER im BLOG-FEED unter ›IDEAL‹ vom 1.11.2020) hat Max Raabe unter anderem »Ein Tag wie Gold« geschrieben. Der wuchtige Big-Band-Song ist das Titelstück der vierten Staffel von »BABYLON BERLIN«. Hier geht das Palast Orchester noch einmal richtig aus sich heraus. 

HÖRNCHEN

Die Universitätsbibliothek der TU und der UdK Berlin zeigt die Pilz-Skulptur MY-CO SPACE. Die Holz-Pilz-Skulptur aus Pilzmycel steht im Lichthof. Das bewohnbare Pilzhaus in Form eines Iglus kann zu den Öffnungszeiten besichtigt werden (11.10.). Interessierte sollen mit dem Baustoff und ›Alleskönner Pilz‹ bekannt gemacht werden. Hierbei werden die Möglichkeiten einer nachhaltigen Nutzung für Bau, Kleidung und viele andere Einsatzbereiche aufgezeigt. Über das Brandverhalten des Baustoffes konnte ich bislang noch nichts in Erfahrung bringen. Die Skulptur ist ein Projekt des Berliner SciArt-Kollektivs MY-CO-X. Spannend.

Das Haus lebt.

LIGHTSEEING

Während schon am Heizen gespart und darüber debattiert wird, wie dunkel die Metropole Berlin im Winter werden muss, lassen ›wir‹ es mit dem FESTIVAL OF LIGHTS noch einmal ›so richtig krachen‹. Die Veranstalter versprechen einen um 75 Prozent reduzierten Stromverbrauch im Vergleich zum Vorjahr. Bis zum kommenden Sonntag (16.10.) dauert das Lichtspektakel noch, bei dem 35 Sehens-
würdigkeiten bei Dunkelheit spektakulär inszeniert werden. Alles so schön bunt hier. Das Motto 2022: »Visions of our Future« – bevor das Licht in Deutschland ausgeht.

Vollmond. Ein Selbstoptimierer (3. von rechts) eilt zur Telebörse? So kommentiert der LETZTE ROMANTIKER.

BONKER

»Ich hock’ in meinem Bonker mitten in Berlin, […]«. 2022: Seuchen, Kriege, Dürren, Hitzetote, Noternten, Mißernten, Waldbrände, Trockenfallende Gewässer, Überschwemmungen, Schlammlawinen, Energieknappheit, Baustoffemangel, Wohnungsnot, Flüchtlingsströme, Verarmung vieler – unermesslicher Reichtum weniger, gesellschaftlicher Zerfall, …, 8 Milliarden Menschen bevölkern diesen Planeten. Die Ressourcen bleiben gleich. Sie sind endlich. »Ich hock’ in meinem Bonker mitten in Berlin, […]«

Filmtipp, ARTE-Mediathek:

»Der Ökothriller Soylent green – Alarmstufe rot aus Hollywood«

»Soylent green« (deutscher Titel: »… Jahr 2022 … die überleben wollen«) ist ein Science-Fiction-Film aus dem Jahr 1972. Es geht um eine vom Menschen selbst verantwortete Klima- und Umweltkatastrophe. Es ist das Jahr 2022. In New York City leben 40 Millionen Menschen. Es mangelt an Wasser, Nahrung und Wohnraum. Lediglich einige Politiker und reiche Bürger können sich sauberes Wasser, natürliche Lebensmittel und schöne Wohnungen leisten. Richard Fleischer traf damals (vor 50 Jahren!) in vielerlei Hinsicht den Nagel auf den Kopf. Vor allem aber verknüpfte der Regisseur die Umweltproblematik mit der Frage der sozialen Ungleichheit. Richard Fleischers Film gilt als Meilenstein des Genres. Die ARTE-Doku zeichnet die abenteuerliche Entstehung dieses Kultfilms nach.

Dauer: 56 MIN. Verfügbar: bis 27.03.2023!

GLÜH-BIRNE

Zeit der Schals und der beschlagenen Brillen. Eine ›Zeitenwende‹! Spätestens jetzt muss dringend der GLÜHWEINSPEICHER aufgefüllt werden. Noch ist er völlig leer. Füllstand 0 Prozent.
›Merlot‹ wäre schick, oder? Und nach dem Glühwein-Genuss GLÜHT in der Kälte und Dunkelheit die BIRNE.
Wenigstens die.

Cave: Keine Gewürze in Pulverform verwenden! Denn sie trüben den Wein ein. Und bloß den Zucker weglassen!

Глинтвейн, den kriegste nicht böser Путине.

Ein ›Heißer Apfelwein‹ (auf gut hessisch: en ›HAASE‹ Ebbelwoi) hilft zusätzlich gegen Erkältung! 

So wird der traditionelle Frankfurter Wintertrunk aus ›Stöffche‹ oder ›Äppler‹ selbst zubereitet:

  • 1 Liter hessischer Apfelwein,
  • 1 Zimtstange,
  • 3 Gewürznelke(n),
  • 1 unbehandelte Zitrone.

Zitrone in Scheiben schneiden, alle Zutaten in einen Topf geben, langsam auf 80 Grad erhitzen,
nicht kochen, und etwas ziehen lassen. Gude!

NACHSCHLAG

Die GLÜHWEINAGENTUR meldete (am 05.10.): »Die Lage ist angespannt und eine weitere Verschlechterung der Situation kann nicht ausgeschlossen werden. Die Glühweinversorgung in Deutschland ist im Moment aber stabil. Die Versorgungssicherheit
in Deutschland ist derzeit weiter gewährleistet. Die Glühweinagentur beobachtet die Lage genau und steht in engem Kontakt zu
den Winzergenossenschaften und Logistik-Unternehmen«.

FARBENFEUER

Der kalendarische Herbst zieht uns in den Bann. Das goldgelbe Sonnenlicht bringt die Farben noch einmal kräftig zum Erstrahlen. Einstellige Temperaturen mit fallender Tendenz zum Gefrierpunkt kühlen schon merklich die Nächte. Raureif legt sich morgens über die Landschaften. Welkende Träume. Finger weg vom Lichtschalter! Nacht kommt genug – die Dunkelheit reicht für uns alle.

Die Lore-Ley

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,
Daß ich so traurig bin;
Ein Mährchen aus alten Zeiten,
Das kommt mir nicht aus dem Sinn.

Die Luft ist kühl und es dunkelt,
Und ruhig fließt der Rhein;
Der Gipfel des Berges funkelt
Im Abendsonnenschein.

Die schönste Jungfrau sitzet
Dort oben wunderbar[;]
Ihr gold’nes Geschmeide blitzet,
Sie kämmt ihr gold’nes Haar.

Sie kämmt es mit gold’nem Kamme,
Und singt ein Lied dabei;
Das hat eine wundersame,
Gewaltige Melodei.

Den Schiffer im kleinen Schiffe
Ergreift es mit wildem Weh;
Er schaut nicht die Felsenriffe,
Er schaut nur hinauf in die Höh’.

Ich glaube, die Wellen verschlingen
Am Ende Schiffer und Kahn;
Und das hat mit ihrem Singen
Die Lore-Ley gethan.

HEINRICH HEINE (Buch der Lieder, 1827)

MONARCHIE & ALLTAG

Eine Kolumne der wunderbaren PASCALE HUGUES

»Selbst wir Franzosen, die wir unseren König enthauptet haben, lassen uns von der großen Trauer in England anstecken.

Die wunderbare PASCALE HUGUES bei einer Lesung in der Berliner Galeries Lafayette.

Vergessen der Krieg in der Ukraine, die Pandemie, die Inflation, die Klimaerwärmung … Seit einer Woche gibt es für uns nur noch Corgis, Rennpferde, rosazeatische Adelige im Kilt und alte Damen mit phosphoreszierenden Hüten.

[…]

Ein Historiker hat uns gerade den proktologischen Ursprung der britischen Nationalhymne enthüllt. Im Jahr 1686 wurde der französische König Ludwig XIV. wegen einer Analfistel operiert. ›Gott schütze den König!‹, stimmten die Demoiselles des Internats Saint Cyr unter seinem Fenster im Chor an. Melodie und Text der Hymne haben die Engländer also von uns Franzosen geklaut!

Melancholische Trance

Der Tod dieser Königin, die wir für unsterblich hielten, versetzt uns alle in melancholische Trance. Alle halbe Stunde flimmert eine neue Meldung über die Bildschirme: […]

Bizarre Verehrung

Was ist hier los? Wurden wir einer kollektiven Gehirnwäsche unterzogen? Warum brauchen wir, die wir seit Ewigkeiten in parlamentarischen Demokratien leben, plötzlich eine Königin? Warum diese Verehrung für eine Familie bizarrer Aristokraten und neue, weit weniger upper-class-mäßige Anhängsel, […]

Um wieder zur Besinnung zu kommen, empfehle ich die genialen Monty-Python-Filme: King Arthur verkündet einer zerlumpten Bäuerin, die vor ihm im Schlamm kniend arbeitet: ›Ich bin dein König!‹ – ›Ich wusste nicht, dass wir einen König haben‹, antwortet sie. ›Ich dachte, wir wären ein autonomes Kollektiv. Ich habe Euch nicht gewählt.‹«

»Was mich betrifft, so knie ich mehrmals am Tag vor dem improvisierten Altar nieder, den ich auf dem Esstisch errichtet habe: Dort winkt eine kleine Plastikkönigin meiner Sammlung an Tassen, Tabletts und Keksdosen zu, die mit ihrem Konterfei verziert sind … Ein monströs kitschiger Votiv-Schnickschnack aus den Tiefen meiner Schränke.« (aus der Kolumne).

Pascale Hugues Text im französischen Original       

(Aus dem Französischen von ODILE KENNEL)

«[…] Même nous les Français qui avons pourtant décapité notre Roi sommes contaminés par ce virus au sang bleu. Un historien vient de nous révéler la genèse proctologique de l’hymne national britannique. En 1686, le Roi Louis XIV fut opéré d’une fistule anale. Que Dieu sauve le Roi ! entonnèrent en chœur les demoiselles du pensionnat de Saint Cyr sous ses fenêtres. La mélodie et les paroles nous auraient été empruntées par les Anglais.

La mort de cette Reine que l’on avait fini par croire increvable nous a tous plongé dans une drôle de transe mélancolique. […] Sur le Word Service de la BBC, des sujets racontent d’une voix chevrotante l’événement le plus marquant de leur vie : pendant trois secondes ils ont eu l’honneur serrer la main gantée de la Reine. […]

Que se passe-t-il ? Avons-nous été soumis à un lavage de cerveau collectif ? Pourquoi nous qui vivons depuis des lustres dans des démocraties parlementaires, nous qui nous sommes débarrassés de notre Monarchie, avons-nous soudain besoin d’une Reine ? Pourquoi cette vénération pour une famille de vieux aristocrates bizarroïdes et leurs nouveaux appendices beaucoup moins upper class : […]

Rien de tel pourtant que les géniaux Monty Python pour nous aider à reprendre nos esprits.

Le Roi Arthur proclame à une paysanne en guenilles agenouillée devant lui dans la boue: I am your king ! – I didn’t know we had a King, répond la gueuse. I thought we had an autonomous collective. Oh, I didn’t vote for you.»

QUELLE: Vollzitate/ Auszüge aus der heutigen Ausgabe des Berliner TAGESSPIEGEL (17.09.). Ich liebe ADELSEXPERTISE aus Frankreich! Am kommenden Montag enden (endlich) die königlichen Trauerfeiern und Direktübertragungen “From Dusk till Dawn”. Und die Monarchie(n)?