20. JULI

Heute wäre MAX LIEBERMANN (1847–1935) 175 Jahre alt geworden. Als am Tage der nationalsozialistischen Machtübernahme ein Fackelzug der SA vor seinem Haus am Pariser Platz vorbeimarschierte, rief Liebermann den berühmten Satz: »Ick kann jar nich soville fressen, wie ick kotzen möchte.«

Max Liebermann gehört zu den Schlüsselfiguren des Impressionismus. Er war der Kopf der Berliner Secession und, bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten, Präsident der Akademie der Künste. In seiner nach seinen Plänen gebauten und 1910 bezogenen VILLA (Bild) am Wannsee schuf der Maler sein bedeutendes Alterswerk. Zum 80. Geburtstag wurde Max Liebermann Ehrenbürger der Stadt Berlin. Doch wenige Jahre später nahmen die Nazis dem berühmten deutschen Maler seinen geliebten Sommersitz weg und machten es zum »Lager für weibliche Gefolgschaft der Deutschen Reichspost«. Im ›arisierten‹ Villenviertel
(der einstigen »Colonie Alsen«) nistete sich die SS ein. Ganz in der Nähe zu Liebermanns Landhaus (›Am Großen Wannsee 56–58‹) beschlossen am 20. Januar 1942 deutsche Spitzenbeamte beim Frühstück die vollständige ›Ausrottung‹ der europäischen Juden.

Unmittelbar vor ihrer Deportation nach Theresienstadt nahm sich Martha Liebermann am 10. März 1943 das Leben. Das Palais Liebermann am Pariser Platz versank bald darauf in Trümmern.

Heute jährt sich wieder der bedeutendste Umsturzversuch des militärischen Widerstandes in der Zeit des Nationalsozialismus (1944). Gedenkstätten DEUTSCHER WIDERSTAND: der ›Bendlerblock‹ und (im Bild) die Hinrichtungsstätte in Berlin-PLÖTZENSEE.

Heute ist der bislang HEISSESTE TAG dieses Jahres. Janz Europa ächzt unter der Wärme, Berlin ooch!
Im 4. Dürrejahr seit dem 18.06.2022 in der Metropole:

11 Hitzetage (31°–38°);

7 Tropische Nächte (20,5°–22°). Ein Schelm …

Und was war noch? DREIERGIPFEL der ›Bösen alten Männer‹: Der russische Präsident Wladimir Putin (Russisches Großreich) hat sich in Teheran mit seinem iranischen Amtskollegen Ebrahim Raisi (Persisches Reich) und dem türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan (Osmanisches Reich) getroffen. Die Kriegsherren klopfen ihre Expansionsmöglichkeiten ab. Leichen pflastern ihren Weg.
Die anderen ›Bösen alten Männer‹ fühlen sich ermuntert, warten aber noch ab, bis sie im ›Windschatten‹ dieser Kriege losschlagen können.

Das Sterben, Verstümmeln & Zerstören im UKRAINE-KRIEG geht routiniert weiter; schon fast fünf Monate.

»MAKIN’ WICKY-WACKY DOWN IN WAIKIKI«

Als fulminanten Abschluss seiner zehnjährigen Intendanz an der Komischen Oper präsentierte Barrie Kosky seine rauschende Revue »All-Singing, All-Dancing Yiddish Revue«. Ein Party-Abend. ›Nur‹ 12 – aber stets ausverkaufte – Vorstellungen gab es! Trotz des Riesenerfolgs.

Ein Rausch in 1950er- und 1960er-Jahre-Kostümen von knallig bis Plüsch, ein Rausch des Tanzes, des Humors, der Mixtur aus Jazz und Volksliedern, aus Rumba und Samba und eine leichte Melancholie überwältigten das Publikum. Sinatras »My way« auf Jiddisch (Mayn weg), »Bei mir biste schön« (Bay mir bistu sheyn), »Raindrops keep fallin‘ on my head« (Tropns fun regn oyf mayn kop), alles jiddisch, alles authentisch. Dargeboten u. a. von ›The Barrie Kosky Sisters‹, ›The Freylakh Tripletts‹, ›Claire and Merna Epelbaum‹,
›The Bagelman Sisters‹.

Die funkelnde jüdische Revue geht zurück auf Kreativität und Lebenslust im »BORSCHT BELT«, jüdischen Feriensiedlungen nördlich von New York. In den 1950er- und 1960er-Jahren galt die Region als »Las Vegas der Ostküste«. Die Show dieser üppigen, witzigen, tiefsinnigen, melancholischen und internationalen jüdischen Kultur ist weitergegangen – nur woanders: in den CATSKILLS Mountains im Staat New York. In jenen Hotels, in denen Woody Allen und Bette Midler, Sammy Davis Jr. und Barbara Streisand ihre Karrieren starteten. Und wo Jiddisch nicht nur Alltagssprache, sondern auch das Idiom der Songs und Chansons, der Couplets und der Schlager gewesen war.

JIDDISCH, die alte Sprache mittel- und osteuropäischer Juden, spielt auch als Folge des Holocaust heute im Alltag Europas kaum noch eine Rolle. Kosky gab ihr mit seiner Revue eine Bühne. Wer sich nicht rasch einhörte, blickte schon mal auf die Untertitelung.

Barrie Kosky: »Diese Revue ist ein Versuch zu sagen: Die Nazis haben nicht gewonnen, Hitler hat nicht gewonnen«. ›Hitler‹ hat nicht gesiegt! Die kulturellen Verwüstungen, die der Nationalsozialismus in Deutschland anrichtete (KEIN LAND DES LÄCHELNS), konnten keine vollendeten Tatsachen schaffen. Barrie Kosky ist es zu verdanken, dass die Operette wieder vom ›braunen Schleier‹ befreit wurde. Was damit gemeint ist? Die Nazis machten diese Kunstform zur unverbindlichen und gänzlich schmerzlosen, zur seichten Unterhaltung. Dabei war die Operette in der Weimarer Zeit frech, satirisch, hoch aktuell, und zwar in allererster Linie wegen der jüdischen Textdichter:innen und Komponist:innen. 

BIGWIGS
›Auftrieb‹ der BIGWIGS: der Regierende Bürgermeister a. D., Klaus Wowereit, würdigte vor Aufführungsbeginn Barrie Kosky (unten, Mitte).
Das Staatsoberhaupt, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, spielte an diesem Abend nur eine ›marginale Rolle‹ (unten,
2. von rechts).
Kultursenator Klaus Lederer (2. von rechts) würdigte Barrie Kosky und schenkte ihm u. a. ein T-Shirt mit dem Aufdruck »Kammerindendant«.
A bisl zin, a bisl reygn,
a ruyik ort, dem kop tsin leygn, 
abi gezint, ken men gliklekh zayn. 

A shikh, a zok, a kleyd (on lates),
in keshene a dray, fir zlotes, 
abi gezint, ken men gliklekh zayn. 

Techno, Bässe, Ekstase

»Rave the Planet«; heraus aus der MOTTE(n)-KISTE (09.07.): mehr als 200.000 Raver:innen feierten über Stunden und tanzten an der Seite von 18 Musikwagen. Der Zug, bestehend aus den FLOATS und den Raver:innen, bewegte sich nur langsam voran. Wummernde Boxen, elektronische Sounds – es war laut und voll. Nach dem Rave sammelte die Berliner Stadtreinigung (BSR) 135 Kubikmeter Abfälle ein. »Rave the Planet« statt »Save the Planet«?

Loveparade-Gründer Dr. Motte (62), mit bürgerlichem Namen Matthias Roeingh, war erstmals 1989 mit einigen Mitstreiter:innen und einem Musiklaster unter dem Motto »Friede, Freude, Eierkuchen« über den Kudamm gezogen. In den 1990er-Jahren entwickelte sich die Loveparade zum Magneten für Hunderttausende. Dann gab der Gründer die Marke ab. 2010 endete die völlig überfüllte Loveparade anderer Organisatoren in Duisburg in einer Katastrophe: 21 Menschen starben, mehr als 500 wurden verletzt. Die Neugründung habe mit der Ursprungsveranstaltung nichts zu tun, betonten die Veranstalter. Doch der ›Geist der Loveparade‹ schwebte mit, zumal Dr. Motte das Motto »Together again« ausgab. Wie früher war die neue Parade als politische Demonstration angemeldet – jedoch nur für 25.000 Teilnehmende.

LAUB PARADE der Berliner Stadtreinigung (BSR), gesehen vor »Rave the Planet«.
Über Stunden feierten und tanzten mehr als 200.000 Raver:innen auf einer Strecke von der westlichen Innenstadt (U-Bahnhof Uhlandstraße), an Potsdamer Platz und Brandenburger Tor vorbei, bis zur Siegessäule.
Auf den ersten Floats zahlreiche Veteran:innen (45+) der Love Parade.
Es war laut und voll am Kudamm an diesem Samstagmittag. Die Bässe hämmerten unerbittlich, die ›Meute‹ tanzte ausgelassen.
»Rave the Planet 2022« war kurzzeitig eine ›Umbrella-Parade‹ & in Gänze eine ›Endlich-wieder-feiern-Parade‹.

VIVA LA VIDA

Qual der Wahl. An diesem Wochenende hat Berlin an jeder Ecke was zu bieten: kostenlos und draußen.

Am Freitag startete das 41. Internationale Drehorgelfest. Zur Parade über den Kurfürstendamm trafen sich die Drehorgel-
spieler:innen an der Bleibtreustraße (02.07.). ORGANILLERO aus México, ORGANILLEROS y CHINCHINEROS: Familie Saavedra
aus Santiago de Chile. Lebensfreude pur. VIVA LA VIDA.

KLANGWOLKEN

Janz Berlin is eene Wolke! – Janz Berlin is voll Musike! Endlich wieder!

Zwei Jahre fielen wegen DER SEUCHE beliebte Konzerte und Musikveranstaltungen aus. Jetzt legen die Kulturveranstalter:innen wieder los. Endlich.

Trotz der Temperaturen in Höhe von mehr als 35 Grad Celsius strömten an zwei Tagen die Massen zur »STAATSOPER FÜR ALLE«
am Bebelplatz in Mitte (18./ 19.06.).

Der Publikumsmagnet »Fête de la Musique« wurde 40 und der ›Singalong‹ der FÊTE fand zum fünften Mal in Berlin
am Brandenburger Tor statt. Am Charlottograder Karl-August-Platz fetzte zuvor »Berlin Brass Caravan« mit BALKAN-BRASS (21.06.).

CHORO vom Feinsten präsentierte die »Grupo Chorinhoso« in der Besetzung Flauta, Cavaquinho, Pandeiro & Violão 7 Cordas
(von links/ 23.06.).

Am heutigen Samstag übertragen das ›rbb-Fernsehen‹ und ›3Sat‹ ab 20:15 Uhr das traditionelle »Saisonabschlusskonzert
der BERLINER PHILHARMONIKER« live aus der Waldbühne (25.06.). Es dirigiert Kirill Petrenko. Beschwingt. Janz Berlin is eene Wolke! –  Janz Berlin is voll Musike!

»La Paloma«

Da mach’ ich doch glatt den HANS ALBERS. Belcanto vom Feinsten!

[…] wenn der Sturmwind sein Lied singt, dann winkt mir der großen Freiheit Glück.
Wie blau ist das Meer, wie groß kann der Himmel sein,
[…] Seemann, gib acht, denn strahlt auch als Gruß des Friedens,
hell durch die Nacht das leuchtende Kreuz des Südens.
[…] wenn der Sturmwind sein Lied singt, dann winkt mir der großen Freiheit Glück.

»La Paloma« Ohe.

›eBUSSERL‹

Die BVG (Berliner Verkehrsgesellschaft) lud zur E-BUS-SCHAU auf den Hof des Omnibushofs in Spandau (17.06.). Dort gab es Informationen zur neuen Busflotte, die bis 2030 komplett auf Elektroantrieb umgestellt sein soll. Wie sehen die aktuellen Modelle aus? Und welche Unterschiede gibt es eigentlich? Ein besonderes Highlight war die Probefahrt mit dem elektrischen Doppel-Gelenkbus aus Österreich über den Hof. Der Bushof in Berlin-Spandau ist die Heimat von 400 BVG-Beschäftigten und der größte
der Stadt. Erbaut wurde er im Januar 1967. Bei den Berliner Verkehrsbetrieben denkt man auch über die Einführung von Ober-
leitungsbussen (O-BUSSEN) nach. Im brandenburgischen EBERSWALDE kann man diese seit Jahren im Einsatz bewundern.

Projekt »Hybrides Elektrolöschfahrzeug« Mit dem eLHF erprobt die Berliner Feuerwehr seit März ein elektrisch betriebenes Lösch- und Hilfeleistungsfahrzeug. Bereits im Jahr 1908 hatte die Berliner Feuerwehr (nicht zu verwechseln mit Groß-Berlin) den ersten ELEKTROMOBILEN LÖSCHZUG in Dienst gestellt, vier weitere folgten in den kommenden Jahren noch. Nach dem Ersten Weltkrieg war erstmal für lange Zeit Schluss damit.

NEUE HORIZONTE

Kürzlich erschien im Görlitzer Senfkornverlag RAFAŁ DUTKIEWICZS Buch »Der Zauberer von Breslau«.
Anlass für einen schönen kurzweiligen Abend an der Landesvertretung Niedersachsen (17.06.).
Im fesselnden Gespräch mit Verleger ALFRED THEISSEN gab Dutkiewicz humorvoll Auskunft über seinen Werde-
gang und natürlich über seine Breslauer Jahre, hin zu bewegenden Begegnungen, aber auch schwierigen Herausforderungen.

RAFAŁ DUTKIEWICZ (re) und ALFRED THEISSEN bei der Buchvorstellung.

Rafał Franciszek Dutkiewicz (*1959) ist Politiker, Unternehmer, Universitätsdozent und Aktivist. Von 2002 bis 2018 war Dr. Dutkiewicz Stadtpräsident (entspricht einem deutschen Oberbürgermeister) der Stadt Wrocław (Breslau). In diesen Jahren seiner Amtszeit erlebte die niederschlesische Hauptstadt einen atemberaubenden wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung zu einer der blühendsten und bewunderten Metropolen nicht nur Polens, sondern ganz Europas. Seine historischen Verdienste um Breslau, aber auch um europäische Integration und die deutsch-polnische Verständigung wurden in Deutschland unter anderem mit dem Erich-Kästner-Preis und dem Deutschen Nationalpreis gewürdigt, mit dem zuvor zum Beispiel Tadeusz Mazowiecki, Václav Havel, Fritz Richard Stern, oder Anita Lasker-Wallfisch ausgezeichnet wurden.

Bei den Kommunalwahlen 2006 bekam Dutkiewicz als unabhängiger Kandidat 84,53 % der Stimmen im ersten Wahlgang: »Belarussische Ergebnisse, gefährlich«, bemerkte er hierzu trocken. Im gleichen Jahr erschien sein Buch »Neue Horizonte« (Nowe horyzonty), in denen er über die Ausübung seines Amtes reflektiert. Während der Zeit des Kriegsrechts war Dutkiewicz führend in der Untergrundbewegung »Solidarność« in Breslau aktiv. Neben Danzig war Breslau damals das Zentrum der polnischen Gewerk-
schaftsbewegung. Er berichtete über seinen abenteuerlichen Einsatz für Solidarność bis zu seiner Flucht. Auch die Erfahrungen
in Deutschland – in Freiburg – und das Kennenlernen der Schweiz und Frankreichs kamen zur Sprache. Dutkiewicz besitzt
einen Master-Abschluss in ›angewandter Mathematik‹ und einen Doktortitel in ›Formaler Logik‹. Ein erfrischender Zeitzeuge!