OMAR & MEGATATZE

Unübersehbar! Ecce Homo. Seit Donnerstag ziert das riesige Wandbild eines bärtigen Mannes die Brandmauer der »Zentralen Beratungsstelle für Menschen in Wohnungsnot« an der Levetzowstraße 12 in Moabit. Gut zehn auf sechs Meter groß ist das Porträt von OMAR GRAZIANO (†43) und seines Hundes MEGATATZE. Der Streetart-Künstler Akut (alias Falk Lehmann) setzt damit dem Mann, der mehr als 30 Jahre auf den Berliner Straßen lebte und vor sechs Jahren in Prenzlauer Berg erfror, ein Denkmal.
Als Vorlage diente ein Foto der Fotografin Debora Ruppert. Für die Fertigstellung benötigte Akut eine Woche. Pünktlich zum »Tag
der wohnungslosen Menschen« wurde das Mural feierlich der Öffentlichkeit vorgestellt (11.09.). Das Bild steht stellvertretend für
die vielen Menschen ohne Obdach, die meist einsam und namenlos in Berlin sterben und anonym bestattet werden.


Das Mural entstand durch Spenden, unter anderem durch die Frank-Zander-Stiftung, die an Weihnachten regelmäßig ein karitatives Gansessen für Obdachlose veranstaltet. Träger der Beratungsstelle sind die Berliner Stadtmission und der Caritasverband für das Erzbistum Berlin.

Obdachlosigkeit prägt das Berliner Stadtbild. Berliner Wohlfahrtsverbände sehen schon seit einiger Zeit eine wachsende Not,
die schrumpfenden Hilfen gegenübersteht. In den vergangenen vier Jahren hat sich laut Straßen- und Grünflächenamt (SGA) in Mitte
die Zahl der obdachlosen Personen im Bezirk erheblich verstärkt. Insgesamt verzeichneten die Teams von Kälte- und Wärmebus 3.374 Kontakte zu Menschen, die auf der Straße leben − ein Anstieg von rund 25 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Wohnungslosigkeit und Wohnarmut sind zentrale Probleme unserer Zeit und stellen eine existenzielle Bedrohung und tiefe Notlage dar. 17,5 Millionen Menschen sind in Deutschland nach Paritätischer Expertise bereits von Wohnarmut betroffen (Quelle: Der Paritätische). In einem reichen Land. Für eine der größten gesellschaftlichen Herausforderungen braucht es endlich sozialpolitische Antworten für heute und morgen. Um Wohnungslosigkeit präventiv zu verhindern und gleichzeitig dauerhaft zu beenden.
Ecce Homo.

GROSSER BAHNHOF

Fahrt mit dem Deutschlandticket nach LEIPZIG (Sachsen) via Bitterfeld/ Dessau (03.09.).

Der Kopfbahnhof mit 23 Bahnsteiggleisen, von denen 22 im Reiseverkehr genutzt werden, gehört zu den flächenmäßig größten Bahnhöfen Europas. Die Fassade des Empfangsgebäudes zur Innenstadt ist 300 Meter breit.

Als optische Trennung zwischen den Bahnanlagen und den Pkw-Stellplätzen werden auf dem Gleis 24 historische Schienenfahrzeuge ausgestellt. Zu sehen sind dort eine Dampflokomotive der Baureihe 52 sowie drei historische elektrische Lokomotiven. Ebenso ausgestellt ist ein Fernschnelltriebwagen (FDt) der »Bauart Hamburg« (»Fliegender Hamburger«). Ab 1936 waren diese Züge vom Berliner Anhalter Bahnhof über Leipzig und Nürnberg nach München und Stuttgart eingesetzt. Die FDt-Züge galten damals als die schnellsten Züge der Welt.

Es folgen die drei Posts 2 MEPHISTO’S WAY, 3 NOTENSPUR und 4 KLEINER BRAUNER.


Auf der Rückfahrt musste ich in Dessau erstmals umsteigen.


Wie gelangt man von Berlin aus am günstigsten nach Leipzig, wenn man kein Deutschlandticket besitzt? − Diese Frage erreichte mich nach Erscheinen dieser Posts. 

Die Deutsche Bahn (DB) benötigt für die einfache direkte ICE-Verbindung von Berlin-Südkreuz etwa eine Stunde und 10 MIN (zzgl. der obligatorischen Verspätung). Der nichtermäßigte Flexrpreis beträgt durchschnittlich 40,00 bis 60,00 Euro (je nach Wochentag und Uhrzeit). 

Eine Alternative stellen die Flix-Train-Züge dar. Hier kostet der einfache Fahrpreis 4,50 bis 9,00 Euro. Die Fahrtzeit beträgt bis zu einer Stunde und 20 MIN. Die Züge verkehren jedoch erst ab dem späten Vormittag und fahren seltener am Tag, so dass sie bezüglich der Fahrtdauer keinen Zeitgewinn zum Deutschlandticket darstellen. Der Flix-Bus benötigt für die Strecke etwa genauso lange wie die DB-Regionalbahnen mit zwei Umstiegen (durchschnittlich zwei Stunden und 30 MIN).

Fazit: Wer in Leipzig ›mehr vom Tag‹ nutzen möchte, investiert für die Hinfahrt in ein ICE-Ticket ab Berlin-Südkreuz. Und erreicht Leipzig nach einer Stunde plus. Ggf. auf Sparpreise achten! Für die Rückfahrt kann die Fahrt von Leipzig nach Berlin mit Flix-Train eine Alternative darstellen.

2 MEPHISTO’S WAY

Pflicht. Ein Stadtrundgang zu Fuß.

Auch die Stadt Leipzig erlebte im Zweiten Weltkrieg mehrere schwere Luftangriffe. Als die US-Armee im April 1945 in die Stadt einzog, fanden die GIs ein bis zu 60 Prozent zerstörtes Leipzig vor. In der Innenstadt gibt es aber durchaus alte Bausubstanz.

Gegenüber vom Hauptbahnhof an der Goethestraße starten die blau-gelben Doppeldeckerbusse der »Hop-on-hopp-off«-Tour.
Zwölf Stationen werden angefahren (beispielsweise das Panometer, das Völkerschlachtdenkmal, die Deutsche Nationalbibliothek).
Eine Runde ohne Aussteigen dauert anderthalb Stunden. Die Busse fahren alle 15 bis 30 MIN.

Mephistopheles:
Ich muß dich nun vor allen Dingen
In lustige Gesellschaft bringen,
Damit du siehst, wie leicht sich’s leben läßt.
Dem Volke hier wird jeder Tag ein Fest.  
Mit wenig Witz und viel Behagen
Dreht jeder sich im engen Zirkeltanz,
Wie junge Katzen mit dem Schwanz.
Wenn sie nicht über Kopfweh klagen,
So lang der Wirt nur weiter borgt,
Sind sie vergnügt und unbesorgt. 

[…]

Den Teufel spürt das Völkchen nie,
Und wenn er sie beim Kragen hätte.
(Faust I, Kapitel 8).

3 NOTENSPUR


Kür. Klangkörper von Weltrang wie das Gewandhausorchester oder der Thomanerchor bieten höchsten Kunstgenuss. Das weltweit Einmalige an Leipzig ist die Dichte der Wohn- und Schaffensstätten berühmter Komponisten.

Auf der NOTENSPUR können bei einem Spaziergang 800 Jahre Musikgeschichte auf kurzem Weg erkundet werden. Georg Philipp Telemann, Johann Sebastian Bach, Felix Mendelssohn Bartholdy, Clara und Robert Schumann, Richard Wagner, Edvard Grieg und Gustav Mahler bis zu Max Reger – viele bedeutende Musiker und Komponisten hinterließen in ihrer Zeit Spuren in Leipzig. Elemente eines geschwungenen Edelstahlbandes – ›Intarsien‹ – ziehen sich ebenerdig als Spur durch die Leipziger Innenstadt und verbinden die 23 Stationen miteinander. Informationstafeln und Stelen erklären die Bedeutung des jeweiligen Standortes. Das Audio-Leitsystem macht die Musikgeschichte Leipzigs auch hörbar. Die Leipziger Notenspur ist 5,3 Kilometer lang und kann zu Fuß erkundet werden. Der durchschnittliche Stationsabstand beträgt 225 Meter. Für die komplette Strecke benötigt man drei bis vier Stunden.

Einen kleinen kostenlosen Führer mit der Route und den Kurzerläuterungen zu den Stationen gibt es in der gut versteckten Tourist-Information.

4 KLEINER BRAUNER

Ein Eingeborener gab mir den Tipp (»Besseres Wiener Schnitzel als in Wien!«): Mittagessen im CAFE GRUNDMANN
im Musikerviertel. In diesem Wiener Kaffeehaus stimmt alles. Ambiente, Service und Qualität der Speisen. Der Hammer war
der Espresso KLEINER BRAUNER (1,90 Euro).

Der Bus 89 fährt vom Hauptbahnhof über den Markt zur Haltestelle ›Schenkendorfstraße‹, direkt am Café Grundmann.

UNTERGRUND 

Am Kurfürstendamm 227, Ecke Joachimsthaler Straße lockt die temporäre Kunstausstellung »Artverse. Underground«. Trotz idealer Lage ist das ehemalige Kaufhaus und spätere Swissôtel am früheren Kudamm-Eck seit 2018 verwaist. Zurzeit haben Künstler:innen in einer Zwischennutzung die Parkdecks der Tiefgarage in eine weitläufige Ausstellung verwandelt: Kunst auf 2.400 Quadratmetern, von Skulpturen bis Videos und Lichtershows. Über das oberste Parkdeck und das Thema »Dschungel« (Level 0) geht es vier Geschosse hinab in den Untergrund: Gemälde (Level 1), Metallarbeiten (Level 2), Videos (Level 3) und Lichtinstallationen (Level 4). 


Die Ausstellung gewährt einen Einblick, nicht nur in das Gebäude selbst, sondern auch in dessen Vergangenheit. Der Kaufhauspionier FALK VALENTIN GRÜNFELD gründete 1926 an diesem Ort das in ganz Europa berühmte Wäschehaus F. V. Grünfeld. Der jüdische Unternehmer war Mitbegründer des Handelsverbandes, erfand und prägte den Begriff »Einzelhandel«.

Die Nationalsozialisten nahmen die Familie Grünfeld ab 1933 ins Visier, 1938 wurde das Unternehmen von Max Kühl »arisiert«.
Die ausgeraubte und entrechtete Familie konnte 1939 noch vor der Ermordung nach Palästina fliehen. Das Gebäude war nach einem Bombenteppich zerstört. Am 8. November 2023 kehrte zumindest die Bezeichnung »Grünfeld-Eck« wieder an den Kudamm zurück, indem der Platz zwischen Kurfürstendamm und Joachimthaler Straße umbenannt wurde. Die neue Adresse in der City-West erinnert an alten Glanz. Für die Ausstellung hat Kiki Karnstein sich mit der komplexen Geschichte des Hauses befasst. Aus archiviertem Fotomaterial animierte sie ein Video − dieses ist auf Parkdeck-3 zu sehen (verlängert bis zum 21.09./ U-Bahnhof ›Kurfürstendamm‹).

Lesetipp: Sonja Miltenberger: »Jüdisches Leben am Kurfürstendamm«, Hrsg.: Museum Charlottenburg-Wilmersdorf von Berlin. 

ROLLATOR-BRIGADEN

Liebe Rentner! Aufgemerkt, Hörrohr klar zum Gefecht. Neuer ZWANGSDIENST. ›Oberst der Reserve‹ MARCEL FRATZSCHER berät die Bundesregierung. Er schlägt jetzt vor, Rentner-Divisionen aufzustellen. Beispielsweise mobile ROLLATOR-BRIGADEN. Vielleicht fürs Minenräumen? Oder die Krücken-Brigaden als gefürchtete Nahkampfeinheiten. Dienstgrad nach der Grundausbildung ›Sargmöhre‹. Vorteil für die Rentner: die Unterkunft wird gestellt, während der einjährigen Dienstzeit entfällt die Praxisgebühr, ebenso die höheren Zuzahlungen für Medikamente. Stabsarztbehandlung. Und als Zugabe, Klosterfrau-Melissengeist, dreimal täglich oral. Für ›Warmduscher‹: Alternativ können Rentner ein soziales Jahr ableisten, quasi als Methusalem-Zivi (»Das bißchen Pflege«). Eine klassische Win-win-Situation.

Ein Schlachtruf existiert auch schon: »Alles für die Superreichen, alles für den Dax!« Auch ein neuer Armee-Marsch wird schon komponiert: der BETTPFANNENMARSCH. Einen Veteranentag gibt es bereits, ebenso den Heldengedenktag. 

»Hunde, wollt ihr ewig leben?« Es winkt das Schinkel-Kreuz und die präsidiale Frank-Walter-Steinmeier-Tapferkeitsmedaille. Eines
ist sicher: der Dank des Vaterlandes, oder? (Foto: familiäre Erinnerungsstücke aus dem WK 1).

Und die ›Mädels‹? Die werden (noch) von der Einberufung verschont. Aber Mädels! Die geilen Uniformen, hach.

Die rentenversicherten Babyboomer haben sich bislang schändlich dem Dienst am Vaterland entzogen. Und sich auf Kosten der Allgemeinheit jahrzehntelang bereichert. Ebenso haben die Rentner sich Ehrenämtern verweigert. Sie haben bislang das süsse Lotterleben genossen. Diese faulen Egomanen ließen es sich bei Fernreisen gut gehen, haben sich Villen erbaut, konnten ihre schnellen Luxusautos auf deutschen Autobahnen ausfahren. Damit ist jetzt Schluss. Die jüngeren Generationen haben ein Anrecht darauf. »Insgesamt müsse die Gesellschaft aufpassen, dass sie nicht in eine Schieflage gerate. ›Junge Menschen tragen das Renten-
system, obwohl nicht klar ist, ob und wie viel sie später selbst davon haben werden. Sie müssen auch diese immensen Schuldenberge abtragen, die wir ihnen gerade aufbürden‹«, sagte der Soziologe Klaus Hurrelmann (Quelle: »Wir brauchen mehr Solidarität der Alten«, Der Tagesspiegel, 22.08.2025). Es geht also um Gerechtigkeit. Und um FRIEDENSTAUGLICHKEIT. Wahnsinn, Alder. Praxisgebühr, Zuzahlungen, Boomer-Soli, Zwangsdienst: Was muss man rauchen, einwerfen oder trinken, um zu solchen geistigen Höhenflügen anzusetzen? 

So, jetzt muss ich meinen Wehrpass suchen. […ǰ Ich hab‘ ihn, Indianerehrenwort. Bloß wo?

LESETIPP für alle ›Märchenerzähler‹: »Der alte Großvater und der Enkel«, ein Märchen der Gebrüder Grimm.

No Country for Old Men.

MÖHRCHENSTRASSE

Die Berliner Mohrenstraße in Mitte trägt seit heute einen neuen Namen. Namensgeber ist ein afrikanischer Philosoph und Jurist. Lediglich die U-Bahn-Station der U2 heißt noch ›Mohrenstraße‹. Das liegt am jahrelangen politischen und juristischen Tauziehen bis zuletzt. Die Umbenennung hat 30 Jahre gedauert.

ANTON WILHELM AMO, geboren um 1703 im heutigen Ghana, war der erste bekannte Philosoph und Jurist afrikanischer Herkunft an deutschen Universitäten. Er lehrte in Wittenberg, Halle und Jena.


KULTURKAMPF 

In Berlin spart man gerade den letzten funktionierenden Bereich und das Aushängeschild kaputt: die Kultur. Im ›Humboldt Forum‹ wird es ab 3. Oktober teuer. Nicht nur die Ausstellungen, sogar der Besuch der Dachterrasse kostet dann ›richtig Geld‹. Nämlich
3,00 Euro. ›Sparen‹. Das setzen die drei Parteien (SPD & CDU/ CSU), die seit mehr als 25 Jahren die Richtlinien der Politik in Deutschland bestimmen, konsequent und unbeirrt um. 

Niedrigschwellige Kulturangebote für Alle? Pustekuchen. Für den ›Pöbel‹ − also die »bildungsfernen Schichten« − erfüllt das Bertelsmann-Bildungsfernsehen (RTL) den Bildungsauftrag. Mit Formaten wie »Forsthaus Rampensau«, »Hartz, Rot, Gold« und »Dschungelcamp«. 

Wir befinden uns mitten im KULTURKAMPF. Das verrohte Bürgertum und die Rechtskonservativen wollen eine andere Republik. Und sie haben sich längst auf den Weg gemacht.

Bei Eintritt entfällt zukünftig der Espresso im Dachcafe. Sparzwang.