RENTENERHÖHUNG

Ab 1. Juli steigen die Renten bundesweit um 3,74 Prozent. Davon werden die Rentner:innen aber nicht gleich etwas merken.
Die Rente wird für den Juli sogar geringer ausfallen. Denn mit der Auszahlung zum 1. August wird rückwirkend der neue Pflege-
beitrag für die erste Jahreshälfte 2025 abgezogen. Und damit die Juli-Überweisung entsprechend niedriger ausfallen. Zum 1. Januar 2025 war die Pflegeversicherung um 0,2 Prozent gestiegen. Diese Erhöhung aber aus technischen Gründen bislang noch nicht erhoben.

Altersarmut liegt im Trend. Ihr gehört die Zukunft.


Die Babyboomer werden bei der Rentenhöhe benachteiligt. Und erhalten niedrigere Renten als Vorgängergenerationen. 

Das deutsche Rentenniveau liegt zehn Prozentpunkte unter dem EU-Schnitt. Österreich, die Niederlande oder Dänemark liegen
bei einer Quote von mehr als 80 Prozent. Deutschland dagegen bei unter 50 Prozent. Jeder Fünfte in Deutschland erhält nach
45 Beitragsjahren in der Solidargemeinschaft der Rentenversicherten unter 1.200 Euro Rente/ Monat. Doch wer erreicht noch
45 Beitragsjahre?

Der 15. Existenzminimumbericht der Bundesregierung beziffert das sächliche Existenzminimum für Alleinstehende im Jahr 2025 auf 11.940 Euro pro Jahr und 2026 auf 12.096 Euro pro Jahr. Rentner:innen sind zur Abgabe einer Steuererklärung verpflichtet, wenn ihr Gesamtbetrag der Einkünfte den jährlichen Grundfreibetrag überschreitet. Im Jahr 2025 liegt der Grundfreibetrag bei: 12.084 Euro für Ledige (1.007 Euro/ Monat).

Mittlerweile vergeht kaum eine Woche, in der nicht in irgendeinem Medium vom angeblichen »Generationenkonflikt« fabuliert wird. Die Alten lebten auf Kosten der Jungen, so heißt es dann.

Die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft GmbH (INSM, Lobbyverband von Arbeitgebern), die Deutsche Familienstiftung (DFS; Lobbyverband der Superreichen), der Bund der Steuerzahler Deutschland e. V. (BdSt, die Lobbyorganisation der Wohlhabenden, Reiner Holznagel), Versicherungslobbyisten (Axel Bösch-Supan und Bernd Raffelhüschen), ›Ökonomen‹ (Clemens Fuest, IFO-Institut) und ›Wirtschaftsweise‹ (Monika Schnitzer & Veronika Grimm) beklagen das derzeitige »zu hohe Rentenniveau«. Vergessen wollen wir nicht die neoliberale Influencerin Ursula Weidenfeld, die die ›Streichung der Frührente‹ forderte (Tagesspiegel & SPON, 30.07., nachträgliche Ergänzung). Orchestriert von den Mietlautsprechern und Edelfedern der ›Qualitätsmedien‹. Sie alle fordern − ge-
pampert von hohen Gehältern und fürstlichen PENSIONEN − Einschnitte bei den fleißigen Zwergen. Jeden Tag Lügen!
Die Rentenversicherten sitzen aber auf der Anklagebank.



NACHSCHLAG (am 08.07.):
Mehr als 1,4 Millionen Rentner:innen in Deutschland arbeiten. Die Zahlen stammen von der Deutschen Rentenversicherung und wurden zum Stichtag 31. Dezember 2023 erhoben. Die gute Nachricht (smile): für die Seniorinnen und Senioren seien nicht finanzielle Nöte der ausschlaggebende Grund, weiter einem Job nachzugehen. Die Rentenversicherung verwies in diesem Zusammenhang auf eine repräsentative Umfrage zum Thema Alterssicherung in Deutschland aus dem Jahre 2023. Demnach werden »Spaß an der Arbeit und soziale Aspekte« von den Befragten als Gründe genannt (Quellen: epd, Tagesspiegel & Deutschlandfunk, 06.07.25).

Empfehlenswert: mein Post RENTENZORN vom 07.11.2024 (einfach herunterscrollen).

PASEWALK

Fahrt mit dem Deutschlandticket nach PASEWALK (Mecklenburg-Vorpommern/ 21.06.). Pasewalk liegt an der mittleren UECKER. Zwanzig Kilometer östlich von Pasewalk befinden sich Bahn- und Straßengrenzübergänge nach Polen.

Pasewalk trägt auch den geschichtsträchtigen Namen KÜRASSIERSTADT. Er geht zurück auf die Kürassiere genannten kaiserlichen Reitersoldaten eines hoch angesehenen preußischen Kavallerie-Regiments, die einst in der Garnisonstadt untergebracht waren. Nach einer Senfgasverletzung mit kurzzeitiger Erblindung wurde im Oktober 1918 der spätere Diktator Adolf Hitler als 29-jähriger Gefreiter in ein Pasewalker Lazarett verlegt. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Stadtzentrum bei der Offensive der Roten Armee weitgehend zerstört (25./ 26. April 1945). 

Im Jahr 2026 steht in Pasewalk ein besonderes Jubiläum an: Die Stadt wird 775 Jahre alt.

Es folgen die Posts 1 LOKSCHUPPEN und 2 PERLEN POMMERNS. Fahrt mal hin!

Dieser Post ist DETLEF NASE (†27.10.2023) gewidmet.

Pasewalk war auch ein Eisenbahnzentrum. Am Bahnhof Pasewalk kreuzen sich die Strecken Stralsund−Berlin und Lübeck−Szczecin.
Das MÜHLENTOR ist Teil der mittelalterlichen Stadtbefestigung.
Am 21. Juni wurde die Mitternachtssonnenwende begangen.
Stadtbibliothek.
Im PRENZLAUER TOR ist das städtische Museum untergebracht.
Die evangelische Sankt-Marien-Kirche ist eine dreischiffige Hallenkirche aus dem 13. Jahrhundert. Den Zweiten Weltkrieg überstand sie im Gegensatz zur Innenstadt fast unbeschädigt.
Die VILLA KNOBELSDORFF diente im 19. und 20. Jahrhundert dem Standortältesten des Kürassier-Regiments »Königin« (Pommersches) Nr. 2 als Wohnsitz. Seinen Namen erhielt das als Kommandeurshaus errichtete Gebäude vom letzten Offizier von Knobelsdorff, der in dem Haus bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges wohnte. Es wird seit 1996 als Hotel und Restaurant genutzt.
Das Ambiente ist schön und auch der Biergarten lädt zum Verweilen ein. Ab 17:30 Uhr gibt es gut bürgerliche warme Küche.
Ehemalige Kürassier-Kaserne in Pasewalk, bestehend aus Haupthaus, Wache, Stabsgebäude, Gefängnis und Ställen sowie mehreren Nebengebäuden. Erbaut wurde die Kaserne im Stil der Backstein-Gotik zwischen 1879 und 1882 als Ersatz für eine ältere Kasernenanlage. Nach dem Zweiten Weltkrieg bezog zunächst die »Kasernierte Volkspolizei (KVP)«, die spätere »Nationale Volksarmee (NVA)« der DDR, die Gebäude. Das unter Denkmalschutz stehende Ensemble wurde zwischen 1994 und 1997 für zivile Nutzungen umgebaut und ist heute Sitz verschiedener öffentlicher Einrichtungen, darunter eines Teils der Verwaltung des Land-
kreises Vorpommern-Greifswald (vormals Landkreis Uecker-Randow) und der Bundespolizei.
Das zentrale U-förmige Gebäude, der frühere MARSTALL, wurde zum Kulturforum »Historisches U« umgebaut und bietet Raum
für Konzerte, Tanz, Theater, Kabarett, Lesungen und Ausstellungen.
Seit im Jahre 1720 Pasewalk − übrigens einer der ältesten Städte in Vorpommern − nach dem Stockholmer Frieden an Preußen kam, standen dort preußische Truppen. Das Kürassier-Regiment »KÖNIGIN« (Pommersches) Nr. 2 war eine Kavallerieeinheit der Preußischen Armee. Es führte nur den Namen der jeweiligen Regimentskommandeure zunächst aus dem Hause Bayreuth, später aus dem Hause Ansbach.

Das Regiment genoss in Preußen ein hohes Ansehen, nachdem es 1745 während des Zweiten Schlesischen Krieges bei Hohenfriedberg einen vorentscheidenden Sieg gegen Österreich errungen hatte. Bekannt wurde das Regiment als »Bayreuth-Dragoner«. Der Text zu dem bekannten HOHENFRIEDBERGER MARSCH (Armeemarsch I, 21: »Auf, Ansbach-Dragoner! Auf, Ansbach-Bayreuth! …«) besingt dieses Regiment. Die hohe Wertschätzung kam dadurch zum Ausdruck, dass die jeweilige preußische Königin Chefin des Regiments war.

Im Dezember 1918 begann die Auflösung dieser Einheit. Die ›Eskadron Bredow‹ wurde noch im Baltikum zur Niederschlagung polnischer Aufstände eingesetzt. Die anderen Teile kamen in den Straßenkämpfen anlässlich des SPARTAKUSAUFSTANDES in Berlin zum Einsatz. Aus den Resten der ältesten sechs preußischen Kavallerie-Regimenter formte man schließlich das »Reichswehr-Reiter-Regiment 6«. Im Zuge des Versailler Vertrages waren in Pasewalk fortan drei Schwadrone des Reiter-Regiments 6 stationiert. Die Einheit wurde mehrmals umbenannt und verlegt. So 1936 ins hessische Darmstadt und Bensheim. Bei der Mobilmachung zum Zweiten Weltkrieg erfolgte die endgültige Auflösung und Umwandlung zu Aufklärungsabteilungen.

KÜRASSIERE sind eine mit Kürassen genannten Brustpanzern (von französisch cuirasse für ›Lederpanzer‹, von cuir ›Leder‹) ausgestattete Truppengattung der schweren Kavallerie. Obgleich die Panzerung bald meist aus Metall war und die Panzerung
der Arme und zuweilen auch des Rückens entfiel, hielt sich der Begriff. 

1 LOKSCHUPPEN

Der »Lokschuppen Pomerania« ist heute ein Eisenbahn-Erlebniszentrum mit einem Museum und Ausstellungen zur Geschichte der Eisenbahn in Pasewalk und der Entwicklung der Lokomotiv- und Eisenbahntechnik in der Region. Der Lokschuppen verfügt über verschiedene Dampf- und Rangierlokomotiven sowie mehrere Reisezug- und Salonwagen aus dem ehemaligen DDR-Regierungszug. In vier Schlafwagen mit 60 Betten kann übernachtet werden.

Güterzuglokomotive BR 50.
Feuerbüchse.
Blick in den Schlepptender.
Lichtschalter am Arbeitsplatz des Heizers.
Personenzug-Tenderlokomotive BR 065.
Der in Ungarn entwickelte und gebaute Reisebus IKARUS 55, Baujahr 1959.
Der Ikarus besaß einen Heckmotor.
Die Drehscheibe ist noch funktionsfähig.

2 PERLEN POMMERNS

Das FEUERWEHRMUSEUM PASEWALK befindet sich auf dem Gelände der »Feuerwehrtechnischen Zentrale« in einem ehemaligen Werkstattgebäude der DDR-TRANSPORTPOLIZEI. Die Ausstellungsfläche beträgt insgesamt 560 Quadratmeter. Gezeigt werden besondere Objekte und Archivalien aus der Region Vorpommern. Das älteste Exponat ist eine Bottichspritze um 1800 aus Pasewalk.

Das Museum ist sehr sachkundig und liebevoll ausgestattet. Ein Schatzkästlein.

Das Pasewalker Stadtwappen in Blau mit drei golden bewehrten, roten Greifenköpfen mit roter Zunge.
Löschgruppenfahrzeug (LF) 20. Wassertank 2.400 Liter, Pumpenleistung 2.000 Liter/ MIN, Besatzung 1.8.

MEILENSTEIN

In Berlin gibt es inzwischen Gedenkstätten für die Opfer des Holocaust, für Sinti und Roma, für LGBTQ+-Menschen und für Menschen mit Behinderungen. Nun ist endlich die Zeit auch für die Opfer von Krieg und Besatzung in Polen gekommen. 

Polen war das Land, das 1939 von Hitler-Deutschland als erstes überfallen wurde und für immer von der Weltkarte verschwinden sollte. Es hatte bis 1945 rund sechs Millionen Opfer zu beklagen. Das waren etwa 17 Prozent der damaligen Bevölkerung. Das Ausmaß der deutschen Zerstörungswut war nicht nur in direkten Kampfhandlungen zu sehen, sondern in der brutalen Besatzungs-
herrschaft und planmäßigen Massenmorden an Zivilisten. Heute, 80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, gibt es in Polen kaum eine Familie, die dieses Trauma nicht kennt. Im Nachkriegs-Deutschland (in der Bundesrepublik) blieben die Täter und Kriegs-
verbrecher in der Regel unbehelligt. Sie konnten sogar lukrative Karrieren begründen. 

Im Jahr 2012 fragte deshalb Władysław Bartoszewski, zweimaliger polnischer Außenminister (1995 und 2000−2001), Auschwitz-Überlebender und langjähriger deutsch-polnischer Brückenbauer, warum es in Berlin eigentlich kein Denkmal für die polnischen Opfer der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg gibt. 


Am Montag wurde mit einem knapp 30 Tonnen schweren Findling der Gedenkort des Überfalls von Nazi-Deutschland auf seinen Nachbarn Polen eingeweiht (16.06.). Mitten in Berlin zwischen Reichstagsgebäude und Bundeskanzleramt. Hier stand einst die KROLL-OPER. In der Kroll-Oper tagte seit dem Brand des gegenüberliegenden Reichstagsgebäudes das Scheinparlament der Nationalsozialisten. Hier verkündete Adolf Hitler am 1. September 1939 den deutschen Überfall auf Polen, mit dem der Zweite Weltkrieg begann. Die Inschrift auf der Bodenplatte lautet:

»Polskim ofiarom nazizmu i ofiarom niemieckiej okupacji i terroru w Polsce 1939−1945«
»Den polnischen Opfern des Nationalsozialismus und den Opfern der deutschen Gewaltherrschaft in Polen 1939−1945«.


Der Gedenkstein sei auch Symbol für das Gewicht der Geschichte. Seine Inschrift auf Deutsch und Polnisch sei »gewissermaßen
ein Schwur«, stellte Wolfram Weimer, Staatsminister für Kultur und Medien, fest. »Nie soll Leid der Polinnen und Polen, das von deutschem Boden ausging, in Vergessenheit geraten.« Es solle kein Schlussstein sein, sondern ein Zeichen für den Weg der Auf-
arbeitung. Ein MEILENSTEIN im deutsch-polnischen Verhältnis! »Gedenken funktioniert nicht ohne Wissen«, so Heiko Maas,
Ex-Bundesminister (2013−2021) und Präsident des Deutschen Polen-Instituts (seit dem 1. Januar 2024). »Vielen Deutschen ist
das Ausmaß der deutschen Verbrechen in Polen nicht bekannt«, so Maas. 


In den ›Sozialen Medien‹ in Polen laufen Rechtskonservative seit Tagen Sturm gegen den Gedenkstein. In einem regelrechten Shitstorm ist die Rede von einem »Stein der Schande«, gar von »deutscher Frechheit«. Der PiS-Politiker und Ex-Regierungschef Mateusz Morawiecki schreibt auf ›X‹: »Statt echter Wiedergutmachung − Blumen unter einem Felsen«. Der 57-jährige Ex-Banker Morawiecki leitete als Ministerpräsident die PiS-Regierung (2017−2023). Polens neuer Präsident Karol Nawrocki, der am 6. August 2025 sein Amt antreten wird, hatte bereits vor seiner Wahl angekündigt, dass er die Bemühungen um Kriegsreparationen fortsetzen wolle. 

Nach polnischen Schätzungen schuldet Deutschland Polen Reparationen in Höhe von 1,3 Billionen Euro. Das sollen die deutschen Urenkel bezahlen. Im Windschatten der deutschen Verbrechen, geschahen weitere Gewaltakte. Das hatte Deutschland erst ermöglicht. Die sowjetische Okkupation nach dem »Hitler-Stalin-Pakt«/ auch »Molotow-von-Ribbentrop-Pakt« (1939−1941) und endgültige Annexion von Ost-Polen (1944−1948). Die Sowjetunion gewann damals ungefähr 52 Prozent des gesamten polnischen Staatsgebiets.

Der Stein ist ein Provisorium. An dieser Stelle ist der Bau eines deutsch-polnischen Hauses geplant. Ein endgültiger Beschluss
des Bundestags über ein Mahnmal steht bislang noch aus. Provisorien bestehen oft lange. Sehr lange. Zu lange.

Liebe Landsleute, beschäftigt euch endlich mit unserem Nachbarn im Osten. Interessiert Euch für die polnische Geschichte und Kultur. In Polen heißen die Deutschen NIEMCY, das bedeutet »STUMM« (niemy). Interessiert euch für die polnische Sprache. Wir brauchen »Brückenbauer«.

LORE 2  

Auf dem Gelände der ehemaligen Bockbierbrauerei befand sich bis 2016 in den erhaltenen Gebäuden und den neu erstellten Flachbauten eine bunte Gewerbe- und Kulturszene mit Kleinhandwerk, Weinhandel und Kultureinrichtungen. Dann wurde das Gelände an den Investor Bauwert AG verkauft. Der Gewerbehof wurde entmietet und zerstört. Nun sind hochpreisige Luxus-
wohnungen und Bürogebäude siebengeschossig in die Höhe gewachsen. In den historischen Kellern hatte der Käufer den Bau
von Tiefgaragen geplant.

Luxuswohnen über Nazi-Waffenfabrik. Das überzeugt. Beworben werden die dringend benötigten 130 Luxuswohnungen in Anzeigen auf Immobilienscout24: »Neue Bockbrauerei – Urban leben mit Flair – Kaufpreis 398.000–5.988.000 Euro.« Schnapper! Die Bauwert AG sorgt zusammen mit der Politik dafür, dass die Reichen und Schönen von der Straße kommen. Von der alten Brauerei ist nur das Schwankhaus geblieben. Dort wurden einmal die Bierfässer gereinigt (»geschwenkt«). Die vorderen zur Schwiebusser Straße gelegenen Keller durften abgerissen werden. Sie waren baulich von den anderen Kellern getrennt.


Zweiter Weltkrieg. Im Berliner Stadtgebiet baute TELEFUNKEN vier Kelleranlagen unter den Tarnnamen »Lore 1« bis »Lore 4«.
Von Lore 1, 3 und 4 ist heute kaum noch etwas erhalten. Die Keller wurden umgebaut oder abgerissen. Anders verhält sich dies bei »LORE 2« in der ehemaligen Kreuzberger Bockbierbrauerei: Sämtliche Keller sind im Originalzustand vollständig erhalten. Ab 1943 richteten sich die Luftangriffe der Alliierten in Berlin gezielt gegen kriegswichtige Großbetriebe. Die Rüstungsindustrie versuchte
als Reaktion darauf, ihre kriegswichtige Produktion unter die Erde zu verlagern. Die Telefunken-Röhren waren in Funkgeräten, Radareinrichtungen und in der Raketennavigation verbaut. Im heutigen Chamisso-Kiez nutzte Telefunken in den Jahren 1944/ 45
die Kellergewölbe der Bockbierbrauerei, wo sie unter dem Tarnnamen »Lore 2« eine unterirdische Rüstungsfabrik einrichtete. Bei Bau und Inbetriebnahme waren KZ-Häftlinge sowie Zwangsarbeiter:innen eingesetzt worden. Rund 300 Menschen arbeiteten hier
in Zwölf-Stunden-Schichten − ohne Tageslicht. »Lore 2« war nur wenige Monate in Betrieb.

Das Berliner Landesdenkmalamt stellte 2017 Teile der Brauereikeller auf Grundlage des »Irmer-Gutachtens« unter Denkmalschutz. Hierfür hatte sich »Kiez aktiv: Bockbrauerei« jahrelang eingesetzt. Das Denkmalamt hebt die große Bedeutung des Ortes hervor und nennt sie die »am besten erhaltene unterirdische Verlagerung in Berlin«. Das historische Schwankhaus samt Keller wurden 2025 an die (»eigentumsorientierte Genossenschaft«) »Ostseeplatzgenossenschaft eG« verkauft. Dank der neuen Eigentümerin durfte die Initiative »Kiez aktiv: Bockbrauerei« nun erstmalig eine öffentliche Führung durch die unterirdischen Gewölbe anbieten. Die Be-
gehung leiteten der Historiker THOMAS IRMER und der ehemalige Denkmalschützer Dr. BERNHARD KOHLENBACH (14.06.). 

Zwei Betonbunker führen in die unterirdischen Rüstungskeller. Einer steht an der Fidicinstraße 3, der andere an der Schwiebusser Straße.
Dr. BERNHARD KOHLENBACH.
In Berlin gab es rund 500.000 Zwangarbeiter:innen. Im gesamten Deutschen Reich 20.000.000.
THOMAS IRMER.
Im alten Gärkeller.

Dass die Keller auch künftig öffentlich zugänglich sein sollen, hat die Genossenschaft Ostseeplatz eG zugesagt. Vielleicht die nächste Begehung zum Denkmaltag im September (am Wochenende 13./ 14.09.)? Die Diskussion über die künftige Gestaltung dieses »authentischen Ortes« beginnt jedoch erst. Die Konzeptentwicklung soll gemeinsam von Denkmalschützern, Historikern und der Zivilgesellschaft getragen werden. So der Wunsch. Jetzt wird noch um die Finanzierung gerungen.

AMAZONSTRASSE


Der AMAZON-TOWER mit markanter Fassade am Bahnhof ›Warschauer Straße‹. Mit 142 Metern Höhe und 36 Geschossen ist
das »EDGE East Side Berlin« (Eigenschreibweise) janz schön jroß − für Berliner Verhältnisse. In Berlin ist der Tower vorübergehend
das zweithöchste Bürogebäude. Wolkenkratzer beginnen aber erst ab 150 Meter Höhe. Berlins erster Wolkenkratzer wird mit
176 Metern Höhe der »Estrel-Tower« in Neukölln. Am Montag war der Umzug der ersten 700 Beschäftigten in das neue Forschungs- und Entwicklungszentrum abgeschlossen (16.06.). Amazon beschäftigt dort 2.500 Menschen, 3.000 haben Platz. First we take Friedrichshain, then we take the world! »Berlin vs Amazon« stellt fest: der Konzern löst weitere Verdrängung im Kiez aus.

›Scherzkekse‹ benannten den Bahnhof in der Nachbarschaft schon mal in AMAZONSTRASSE um. Und überklebten Bahnsteig-
schilder. Wenn auch falsch auseinander geschrieben.


FLAMMENTORE 

Im Berliner Stadtbezirk Friedrichshain-Kreuzberg befindet sich an der Wiener Straße 64 die FEUERWACHE KREUZBERG. Sie trägt die Wachnummer 1600. Die Wache ist am Tag mit 11 und in der Nacht mit 10 Einsatzkräften besetzt. Die Wache 1600 ist auch Betreuungswache der Freiwilligen Feuerwehr Kreuzberg (1601). Die ›flammenden Graffiti‹ sind stadtbekannt.


GRAFFITI GEGEN GRAFFITI
Immer wieder war die Straßenseite der Feuerwache durch ›Schmierereien‹ verunziert und beschädigt. Bis dato war es die ungeliebte Aufgabe der Feuerwehrleute, die »writings« oder »tags« (Sprühereien eines Schriftzugs) zu beseitigen. Im Jahr 2001 schließlich hatten Brandoberinspektor Reimar Dölitzsch und Hauptbrandmeister Robert Munschkowski aus Kreuzberg eine zündende Idee.
Sie schlugen vor, die Fassade gezielt mit Graffiti besprühen zu lassen.

Bei einem Jugend-Aktionstag in Berlin-Marzahn traf man die Sprayer-Gruppe »Graffitnix«. Die konnte den Kontakt zu professionellen »writers« (Sprühern/ Sprayern) vermitteln. Zur 150-Jahr-Feier der Berliner Feuerwehr im Jahre 2001 wurde schließlich die Idee realisiert. Fast 25 Jahre zierten einsatzbezogene Graffiti das Gebäude. Unbehelligt von unbegabten ›Schmierfinken‹. Jetzt sind die Bilder durch neue moderne Motive ersetzt worden. Inzwischen stehen auch Frauen im herausfordernden Einsatzalltag ihren Mann.


STIEFELLETTCHEN
Auch hängenden Kinderschuhen begegnet man an dieser Feuerwache. Was aber hat es bloß mit den Schuhpaaren auf sich, die an der bunten Feuerwachen-Fassade hängen? Rund 30 Paare baumeln dort schon seit Jahren über den Köpfen der Passanten an den Nägeln der Dachschindelfläche. Die Schuhe stammen von Kindern aus Kitas und Grundschulen, die bei den Feuerwehrleuten richtiges Verhalten bei Bränden erlernen. Zum Abschluss der Schulungen wird den Kindern die Feuerwehrtechnik vorgeführt. Dazu gehört auch die Drehleiter. Und als eine kleine Tradition gilt es inzwischen, dass ein von den Kindern mitgebrachtes Schuhpaar per Drehleiter an die Fassade der Wache gehängt wird. 


Dieser Post ist IRENE KÖLBL (11.08.1961−22.07.2013) gewidmet. In liebevoller Erinnerung. An einen tollen solidarischen Menschen mit Rückgrat.

CHRISTO-BESCHWÖRUNG

Im Juni 1995 verhüllten das Künstlerehepaar CHRISTO (1935−2020) und Jeanne-Claude (1935−2009) nach jahrelanger Vor-
bereitung das Gebäude des Berliner Reichstags. Zum 30. Jahrestag dieser Aktion kehrt nun eine ›Neuinterpretation‹ der Ver-
hüllung als Lichtinstallation jeweils von 21:30 bis 1:00 Uhr nachts zurück. From dusk till dawn − von der Abenddämmerung
bis zum Morgengrauen. Alle 20 MIN wiederholt sich das Programm (bis zum 20. Juni).

Gegen 22:00 Uhr war es noch nicht dunkel genug.

REICHSTAG-WRAP

Die Verhüllung des Reichstags gilt als eines der bedeutendsten Kunstwerke im öffentlichen Raum der Nachkriegszeit. Damals wurde das Gebäude mit silbrig glänzendem Stoff eingehüllt, ein Projekt, das mehr als zwei Jahrzehnte geplant und politisch verhandelt werden musste. Christo fertigte bereits 1971 erste Skizzen an. Erst 1994 erhielt das Projekt nach langem politischem Ringen grünes Licht vom Deutschen Bundestag. Am 24. Juni 1995 war es dann endlich so weit.

Damals wurden 100.000 Quadratmeter Polypropylen-Gewebe, 15.600 Meter blaues Polypropylen-Seil und 200 Tonnen Stahl für
die Unterkonstruktion benötigt. Christo und Jeanne-Claude verzichteten bewusst auf den Einsatz von Kränen. Stattdessen wurden
80 Kletterer für die Anbringung des Materials eingesetzt. Die Aktion sorgte für eine unglaubliche magische Stimmung und freund-
liche Atmosphäre. Die Bilder vom »Wrapped Reichstag« (so der englische Originaltitel) gingen damals um die Welt. Bis zum 7. Juli zog damals die Verhüllung Millionen von Besuchern an. 

Auch ich war damals im Juli vor Ort und durfte die Magie der Christoschen Verhüllung erleben. Damals stand der Reichstag noch als einsamer Solitär auf weitem Feld. Der Umbau durch Sir Norman (Foster) hatte noch nicht begonnen. Hinter dem Gebäude verlief ehemals die Mauer. Die Schweizer Botschaft in der Nachbarschaft befand sich noch im Dornröschenschlaf. Damals gab es auch noch den Lehrter Bahnhof. Während man mit der S-Bahn vorbeifuhr, erzielte die Verhüllung durch den Stoff ganz überraschend von einer Sekunde zur anderen einen völlig anderen Eindruck − je nach Lichteinfall. Es war aufregend zum Gebäude zu laufen und den festen Stoff anzufassen. Auf dem Gelände herrschte eine feierliche entspannte Stimmung. Trotz der vielen Menschen.


Reichstagsverhüllung 2.0 

Eine Beschwörung des Geistes von Damals. Monsterprojektion. Mithilfe von 24 Hochleistungsprojektoren und KI hüllt sich
die Westfassade des Reichstages in eine Illusion aus Stoff. Doch selbst mit ausgefuchster Digitaltechnik lässt sich das raffinierte Original − dieses sinnliche Spiel mit Faltenwürfen, Plissees und Stauungen − nicht nachformen.

Die Verhüllung durch Jeanne-Claude und Christo hatte die Architektur komplett zum Verschwinden gebracht. Ganz anders
die Lichtprojektion. Säulen, Gesimse, Fenster − das alles bleibt sichtbar. Die immer gleiche Emotionslosigkeit in der Dauerschleife.

Das Projekt kostet etwa eine halbe Million Euro. Die temporäre Licht-Verhüllung wird privat finanziert. Die Veranstalter betonen,
es handle sich nicht um eine museale Rückschau, sondern um ein öffentliches, kostenfreies ›Kunstereignis‹ mit demokratischem Anspruch.

Der Zauber des ikonischen Kunstprojekts kehrt meines Erachtens nicht zurück. Die Wochenzeitung »Die Zeit« urteilte und sprach vom »Kunstflop des Jahres«. Doch man soll die Kirche im Dorf lassen. Ganz nett. Ein Fast-Food-Event. Quasi ein Kunst-Quickie.
Was fehlte mir: der ERDBEERMOND war trotz wolkenlosem Himmel auch nach 23:15 Uhr nicht zu sehen (11.06.).

Handies klar zum Gefecht! Hintergründig; beliebt auch Selfies: ICH und der Reichstag.
Links eine Großbaustelle, rechts das Besucher-Zentrum des Bundestages, im Rücken ebenfalls eine Großbaustelle.

Christo parkt ein − er hat noch einen Käfer in Berlin

Christo in der NEUEN NATIONALGALERIE. Parallel zur Lichtinstallation zeigt die Neue Nationalgalerie jetzt ein weiteres Werk
von Christo und Jeanne-Claude: »Verpackter Volkswagen Käfer Saloon« (seit 11.06.).  

Das Künstler-Ehepaar hatte 1963 anlässlich einer Ausstellung in Düsseldorf erstmals einen VW-Käfer verpackt. Die Arbeit mit
dem Titel »Verpacktes Auto« existierte jedoch nur für kurze Zeit − die Hülle musste auf Wunsch des Besitzers wieder entfernt werden. Er wollte Autofahren.

Mehr als 50 Jahre später, im Jahr 2014, verpackte Christo erneut ein solches Modell − Baujahr 1961 in mintgrün. Seine Frau war da bereits verstorben. So entstand das Werk mit dem Namen als Hommage an die frühere Aktion.

Das Kunstwerk ist Teil der Ausstellung »Zerreißprobe. Kunst zwischen Politik und Gesellschaft«.

Dit is Christo!

BLÜMCHENSEX

Die trauen sich was! Trotz Kälte im Mai (ja) und anhaltender Trockenheit. Blüten im Frühsommer. Aber: sie finden mich
im Vorübergehen, die urbanen Blümchen. Sexy.

Schwertlilie.
Blaue (na ja) Waldrebe.
Kugellauch.
Dahlie.
Akelei.
Noch ’ne Akelei.
Garten-Dreimasterblume.
Kornblumen und Ringelblume.
»Weiß wie Schnee, das ist die SGE« – Nein, Hagelunwetter am Freitag (16.05.).

Das HAGELUNWETTER am 16. Mai hat Berlin knapp über die Marke von 100 Litern Niederschlägen pro Quadratmeter seit Jahres-
beginn gehievt. Fünf Monate sind nun vorbei. Das statistische Jahressoll liegt bei knapp 600 Litern. DAS illustriert die Dramatik
des Brandenburger Dürreproblems. Verschärft wird es durch die erwärmungsbedingt höhere Verdunstung und den wegen
des Braunkohleausstiegs in der Lausitz bald noch spärlicheren Nachschub durch die Spree. Die Berliner Wasserversorgung dürfte
das Großthema der nächsten Jahre werden. Da freut man sich über die weitsichtige Tesla-Ansiedlung im Wasserschutzgebiet bei Grünheide.