DIE FREIHEIT

Vor ein paar Tagen ging ich in den Zoo
die Sonne schien, mir war ums Herz so froh
vor einem Käfig sah ich Leute steh‘n
da ging ich hin, um mir das näher anzusehen

Nicht füttern stand auf einem großen Schild
und bitte auch nicht reizen, da sehr wild!
Erwachsene und Kinder schauten dumm
und nur ein Wärter schaute grimmig und sehr stumm

Ich fragte ihn, wie heißt denn dieses Tier?
Das ist die Freiheit, sagte er zu mir,
die gibt es jetzt so selten auf der Welt
drum wird sie hier für wenig Geld zur Schau gestellt

Ich schaute, und ich sagte, lieber Herr,
ich seh‘ ja nichts, der Käfig ist doch leer
das ist ja grade – sagte er – der Gag!
man sperrt sie ein, und augenblicklich ist sie weg!

Die Freiheit ist ein wundersames Tier
und manche Menschen haben Angst vor ihr
Doch hinter Gitterstäben geht sie ein
denn nur in Freiheit kann die Freiheit Freiheit sein.

GEORG DANZER (1946−2007; 1979)

Im Hier und Heute: Der Neoliberalismus ist eine Ideologie, die Freiheit verspricht, aber Elend und Unterwerfung bedeutet!

Am morgigen Freitag begeht Berlin den 35. Jahrestag des MAUERFALLS. Motto: »Haltet die Freiheit hoch! – Hold Freedom up High!« Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren (siehe Bild vom 06.11.). Weg zur Freiheit: Eine Open-Air-Installation und eine Ausstellung mit sieben Stationen lässt die Erinnerungen an die Nacht des 9. November 1989 aufleben. Ab 20:00 Uhr spielt die größte Band Berlins entlang der vier Kilometer langen Strecke den ›Soundtrack der Freiheit‹, so die Veranstalter in ihrer Ankündigung. Ich habe mich hier für die bemerkenswerten Liedtexte zweier österreichischer Künstler entschieden.

Nur für was du einstehst
und ned nur wo dabeistehst − zählt!
Erwart‘ dir nix vom Leben g‘schenkt,
erhoff‘ ned, dass a andrer für di denkt.
Die, die sag‘n, i wü mei Rua,
schlag‘n si selbst die Tür‘n zua;
jammern, dass nix weiter geht
und dass niemand sie versteht. −   

Die Freiheit, die ma wü, muaß ma si nehmen,
die kriagt ma ned zu kaufen und ned g‘schenkt,
die Freiheit, nach der wir uns alle sehnen,
die hat nur der, der für si selber denkt.

Nur was di des Leben lehrt,
was ma in kana Schulklass‘ hört − des zählt!
Drum geh‘ dein Weg und halt‘ di grad,
wie ana, der nix zu verlieren hat.
Nur ned aufgeb’n, resignieren
Und nur des Fernsehen konsumier‘n,
so geht’s dir der Lebtag schlecht,
so bleibst du die Lebtag Knecht.

Die Freiheit, die ma wü, muaß ma si nehmen,
die kriagt ma ned zu kaufen und sogar ned g’schenkt,
die Freiheit, nach der wir uns alle sehnen,
die hat nur der, der für si selber denkt.
ja, die hat nur der, der für si selber denkt.

Uh, die Freiheit, die ma wü, muaß ma si nehmen,
die kriagt ma ned zu kaufen und sogar ned g’schenkt,
Oh, die Freiheit, nach der wir uns alle sehnen,
die hat nur der, der für si selber denkt.
ja, die hat nur der, der für si selber denkt.
die hat nur der, der für si selber denkt.

WOLFGANG AMBROS (*1952; 1989)


Anlässlich des Jahrestags waren 5.000 Plakate entlang des früheren Grenzverlaufs aufgestellt worden. Zum Teil wurden historische Plakate der Demonstrationen von 1989 nachgebildet. Auf anderen haben Berliner:innen zum Ausdruck gebracht, was der Mauerfall heute für sie bedeutet.
Erschreckend aktuell. Die Frauentexte aus der Wendezeit zum Thema Krieg und Frieden.
Am Samstag spielten 700 Profi- und Freizeitmusiker synchron auf mehreren Bühnen am früheren Mauerstreifen.
Rübermachen.

RENTENZORN  


Ein Blick auf die Verteilung der Rentenbeträge in Deutschland zeigt: Die Hälfte aller Rentner:innen erhält weniger als 1.050 Euro im Monat – wohlgemerkt brutto. Davon abgezogen werden die Beiträge für die Pflege- und Krankenversicherung. Die Steuerpflicht greift schon niedrigschwellig. Der ehemalige CDU-Politiker Norbert Blüm hatte einst versichert »Die Renten sind sicher«. Sicher ist nur, dass die Rente für Neurentner:innen zum Leben oft viel zu niedrig ausfällt. Wie niedrig, zeigt sich mit einem Blick auf die höchste Rente, die man in Deutschland überhaupt bekommen kann (Quelle: »Business Insider«, 01.11.2024). Nur 65 Deutsche erreichen diese gesetzliche Maximal-Rente. Sie beträgt in Deutschland seit Juli 3.445 Euro brutto pro Monat. Neunzig Prozent der Rentner:innen erhalten weniger als 1.800 Euro brutto, und 11 Prozent bekommen weniger als 300 Euro Rente im Monat. Hier sollen die Grundrente und die Grundsicherung greifen (›Hartz-IV für Alte‹). Etwa die Hälfte darbt und kämpft ums Überleben: Tafeln, Hinzuverdienst, drohende Obdachlosigkeit, Vereinsamung.

Bei der ›Energiepauschale‹ und dem ›Inflationsausgleich‹ waren die Rentner:innen ausgeschlossen. Während sich der Regierungs-
apparat 3.000 Euro Inflationsausgleich gönnte. »3000 € INFLATIONSAUSGLEICH AUCH FÜR RENTNER*INNEN« wurde deshalb in Berlin lautstark auf einer Kundgebung beim Brandenburger Tor gefordert (06.11.). 

Frank Bsirske (*1952) war auch mal jung.

Die »Lebensleistungsrente« in Deutschland reicht nicht mehr für ein auskömmliches Leben.


Die fleißigen Zwerge in der Solidargemeinschaft der Rentenversicherten merken langsam, dass sie von der Politik jahrzehntelang belogen und betrogen wurden. Von allen Parteien. So war bei der »Agenda 2010« das Rentenniveau deutlich abgesenkt worden. Die Folge: Altersarmut! Wer Rentner:innen quält, wird nicht gewählt! ZORNESRÖTE.

HORROR IN ORANGE 


Noch ist es nicht amtlich. Aber es zeichnet sich ab. Die Welt begeht ›Dauer-Halloween‹. Saures satt. Dafür sorgen die Oligarchen,
die Reichen und Schönen.

Der selbsternannte »Vater der Befruchtung« & »Pussy Grapper« ist wohl zum ›Mächtigsten Mann der Welt‹ gewählt worden.
Das ist natürlich ein Mann. Denn »It’s A Man’s Man’s Man’s World«. Das finden offensichtlich viele Frauen gut so.

Und auch evangelikale Christen unterstützen ihren Erlöser Trump. Der ganz bibelfest und fromm: 

Das zweite Gebot
Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, missbrauchen.

Das achte Gebot
Du sollst falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten. 

Von 2017 bis 2021 war Donald John Trump (*1946) der 45. Präsident der Vereinigten Staaten. Bilanz von Trumps erster Amtszeit: 
Er LOG und LOG und LOG! Fakten, Fakten, Fakten: Donald TRUMP hatte laut einem Medienbericht in vier Jahren als US-Präsident mehr als 30.000 – zumindest in Teilen – unwahre Aussagen getätigt.

Die »WASHINGTON POST« hatte damals Bilanz gezogen – und kam auf 30.573 FALSCHE oder irreführende Aussagen, die Trump binnen vier Jahren gepostet hatte. Dokumentiert wurden die Unwahrheiten vom »Fact Checker«, einem Ressort, das die Zeitung bereits früher einführte, um die Richtigkeit der Aussagen von Politikern zu überprüfen. Laut der Zeitung habe es Trump im ersten Jahr im Amt zunächst auf sechs falsche oder irreführende Aussagen pro Tag gebracht. Dann steigerte sich der Präsident immer weiter und kam schließlich auf 39 solcher täglichen Falschaussagen im letzten Amtsjahr.  


Jeden Tag Lügen. Lügen fluten uns. KI-erzeugte Bilder und Texte sprechen Emotionen an. Sie bestätigen Vorurteile. Lügen werden deshalb gerne geteilt. Und sie bestimmen die Politik weltweit. 

Nicht-Wissen macht nichts. Dank der Algorithmen: User, die diesen Schwachsinn geglaubt haben, haben auch diese offensichtlichen Falschmeldungen weiterverbreitet! 

HORROR IN ORANGE.

AUSBLICK AUF VERGANGENHEIT

Fahrt mit dem Deutschlandticket nach POTSDAM. In die Hauptstadt des Sandmännchens. Mein ›Tag von Potsdam‹ (15.10.). Auf der Hin- und Rückfahrt waren die Regionalexpresszüge pünktlich. Die Fahrten verliefen störungsfrei. Eine Ausnahme. Das erwähne ich deshalb ausdrücklich. Denn schon am darauffolgenden Tag war der Bahnverkehr wegen eines Stellwerk-Ausfalls in Rummelsburg mal wieder zusammengebrochen.


Erster Anlaufpunkt war der wieder aufgebaute Turm der GARNISONKIRCHE. Erbaut von 1731 bis 1735 im Auftrag des preußischen Königs Friedrich Wilhelm I., dem »Soldatenkönig«, galt die Hof- und Garnisonkirche in der historischen Mitte von Potsdam als ein Hauptwerk des norddeutschen Barocks. Mit einer Turmhöhe von fast 90 Metern war sie das höchste Bauwerk der Residenzstadt.
Ab 1797 bis 1945 spielte das Glockenspiel den Stundenchoral »Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren«. Im Wechsel dazu ertönte das Halbstunden-Lied »ÜB‘ IMMER TREU UND REDLICHKEIT«. Die Eröffnung des Reichstags, der aus der Reichstagswahl vom 5. März 1933 hervorgegangen war, wurde als Staatsakt in der Garnisonkirche begangen. Spätestens mit dem »Tag von Potsdam« (21.03.1933) wurde das Gotteshaus von den Nationalsozialisten für die faschistische Propaganda vereinnahmt. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Garnisonkirche 1945 durch einen britischen Luftangriff in der so genannten Nacht von Potsdam (Operation »Crayfish« am 14.04.) schwer beschädigt und brannte aus. Die Regierung der DDR ließ die gesicherte Ruine 1968 sprengen, um auf einem Teil des Grundstücks das Rechenzentrum Potsdam zu errichten.

Der markante Garnisonkirchturm wurde als erster Bauabschnitt von 2017 bis 2024 wiedererrichtet und rückte damit zurück ins Potsdamer Stadtbild. Die etwa 30 Meter hohe Turmhaube soll 2027 aufgesetzt werden.

Am Ostermontag 2024 (01.04.) wurde im wiedererrichteten Kirchturm die neue NAGELKREUZKAPELLE eröffnet; im August 2024 (23.08.) schließlich mit der Ausstellung »Glaube, Macht und Militär« zur Geschichte des Ortes der Garnisonkirchturm eingeweiht.
Die Aussichtsplattform in 57 Meter Höhe war ab diesem Tag ebenfalls zugänglich. Neu am Turm ist der am Sandsteinsockel des Turms eingemeißelte Bibelvers »Richte unsere Füße auf den Weg des Friedens« (Lukas 1,79: »Dieses Licht wird allen Menschen leuchten, die in Finsternis und Todesfurcht leben; es wird uns auf den Weg des Friedens führen.«). Der Satz ist dort in fünf Sprachen zu lesen: auf Deutsch, Englisch, Französisch, Polnisch und Russisch.

Die Baukosten beliefen sich auf fast 45 Millionen Euro. Die wurden überwiegend vom Bund finanziert; 30 Prozent der Summe waren bislang durch Spenden zusammen gekommen.

Von Beginn an regte sich Widerstand gegen das Vorhaben, die Garnisonkirche wieder vollständig zu errichten. Denn die Kirche ist von Beginn an Ausdruck des militaristischen Preußentums gewesen. Sie steht wie kein zweites Gebäude für den Untertanengeist.
Die Wiedererrichtung eines solchen Symbols ist einer Demokratie schlicht unwürdig.  Ein weiterer Kritikpunkt ist die geplante Rekonstruktion eines fast vollständig zerstörten Gebäudes. So monierte Detlef Karg, der Direktor des Brandenburgischen Landesamtes für Denkmalpflege im Jahr 2012, dass sich die evangelische Landeskirche am Wiederaufbau der Garnisonkirche beteiligen wolle, während zugleich aber die 1.164 Dorfkirchen und 700 Stadtpfarrkirchen im Land ernsthaft gefährdet seien. Es sei »nicht Aufgabe der Denkmalpflege, einen verlorenen Bau wieder aufzurichten«, so Karg (zitiert nach Wiki).

Zumindest das »Termsche« bietet als Aussichtspunkt einen schönen Nutzen. Von der Garnisonkirche hat man den besten Blick auf die UNESCO-Welterbestadt Potsdam mit ihren prachtvollen Schlössern und Gärten und auf die historische Mitte. Das gesamte Gebäude ist barrierefrei zugänglich: Ein Aufzug oder 365 Treppenstufen bringen Interessierte auf 57 Meter Höhe.

In der Garnisonkirche erwartet man eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte des Ortes im Kontext deutscher und europäischer Geschichte. Die Ausstellung soll für Gefährdungen von Demokratien sensibilisieren, menschliches Handeln reflektieren und zur Gestaltung einer pluralistischen Gesellschaft anregen. »GOTT MIT UNS«? Die Gesellschaft ist gespalten, der Weltfrieden massiv bedroht. Die mediale Militarisierung der Gesellschaft hat Fahrt aufgenommen. Die Politik wünscht sich schnellstmöglich eine »kriegstüchtige« Gesellschaft. Schlägt nach der »Zeitenwende« wieder die Stunde der Militärgeistlichen und Waffensegnungen? Muss also auch das Kirchenschiff der Garnisonkirche wirklich wieder ›auferstehen‹?

Lesetipps, ehemals verbrannte Bücher: Heinrich Mann, Der Untertan (1914), Erich Maria Remarque, Im Westen nichts Neues (1928) & Carl Zuckmayer, Der Hauptmann von Köpenick (1931).

Das »Le Petit Café« direkt am Turm der Garnisonkirche.
Aufzugwechsel im 5. OG.

Preußen wurde 1945 von den Alliierten zerschlagen. In der Nationalen Volksarmee wurde aber der preußische Stechschritt zelebriert.

Im Herzen der brandenburgischen Landeshauptstadt wurde das SYNAGOGENZENTRUM seiner Bestimmung übergeben (04.07.). Die jüdischen Gemeinden freuen sich auf das neue Gemeindezentrum mit der Synagoge. Vier Gemeinden sollen es gemeinsam nutzen. Für religiöse, soziale und kulturelle Zwecke. Heute zählt man in Potsdam bis zu sechs verschiedene große jüdische Gemeinden und Zusammenschlüsse mit insgesamt etwa 800 Mitgliedern. לַחַיִּים/ »L’Chaim«!

In Potsdam werden viele Gebäude aus DDR-Zeit abgerissen. Das alte Potsdam soll wieder entstehen. Disneylandisierung?

Zum Schloss Cecilienhof fährt vom Zentrum aus (Platz der Einheit) der BUS 603. In der Regel alle 20 MIN.
Die Potsdamer Konferenz fand im Schloss CECILIENHOF statt (17.07.–02.08.1945). Dem Wohnsitz der Hohenzollern. Bis 1945 war es Wohnsitz des letzten deutschen Kronprinzenpaares Wilhelm und Cecilie von Preußen, die zuvor bis 1917 im Marmorpalais lebten. Herr Preußen forderte das Anwesen für die Familie zurück. Das wurde nach Geheimverhandlungen 2019 publik. Nach dem heftigen Widerstand aus der Bevölkerung und zur Vermeidung eines langjährigen Rechtsstreites zog er schließlich zurück.

DIE »BUNDESBANANE«?

Vor 17 Jahren hatte der Bundestag beschlossen, den Menschen, die die Mauer zum Einstürzen gebracht haben, ein Denkmal zu setzen. Wir schreiben das Jahr 35 nach der ›friedlichen Revolution‹. Und eigentlich sollte am 3. Oktober 2024 hier in der deutschen Hauptstadt ein Denkmal stehen: Für die Freiheit und die Einheit. Doch wie wir sehen, sehen wir nichts.

Am geplanten Standort stand einmal ein Kaiser-Wilhelm-Denkmal. Ein Denkmal der Erinnerung an die Deutsche Vereinigung von oben. Das neue Denkmal sollte einen Kontrapunkt setzen und an die Deutsche Einigung von unten erinnern. Geplant war also das ›Umfunktionieren eines historischen Ortes‹. Das passte einigen nicht. Ein Denkmal für aufsässige Untertanen?

2011 wurde der Siegerentwurf der Stuttgarter Kreativagentur ›Milla und Partner‹ gekürt: »Bürger in Bewegung«. Nach jahrelangen Genehmigungsverfahren wurde der Bau 2016 gestoppt. Der Grund, ebenfalls nicht untypisch für deutsche Baustellen: eine seltene Fledermaus-Art, die den historischen Sockel bewohnt. Konservative witterten Morgenluft. Und schafften es fast, dass das im 2. Weltkrieg zerstörte Kaiser-Wilhelm-Denkmal wieder errichtet wurde. Wenn wir schon den Kaiser und die Monarchie nicht mehr zurückbekommen. Zweimal beschloss der Bundestag den Bau noch einmal neu. Es folgten: Ungeklärte Grundstücksfragen, noch mehr Auflagen, und der Bau des Humboldt-Forums mit der neu errichteten kaiserlichen Schlossfassade.

Das Fundament ist inzwischen fertig gestellt. Und tatsächlich gibt es auch die »Einheitswippe« aus Stahl. Doch sie liegt als Insolvenzmasse in einer Halle in Ostwestfalen. Nicht nur der Weg zur Einheit, sondern auch der zum Einheitsdenkmal scheint kompliziert. Sollte man jetzt nach der ausgerufenen »Zeitenwende« aus dem Stahl besser Panzer bauen?

Heute vor 35 Jahren begannen in Leipzig die so genannten Montags-Demonstrationen. Der Ruf »Wir sind das Volk« klingt heute nicht mehr wie vor 35 Jahren. Sind wir inzwischen gar völkisch?

Wie sieht die Bilanz der »Berliner Republik« aus? Die Errungenschaften seit den ›Nullerjahren‹ (die Politik nennt es ALTERNATIVLOS, eine Auswahl):

  • Privatisierungen der Daseinsvorsorge, verbunden mit einer Teuerungswelle;
  • Lobbyisten mit uneingeschränktem Aktenzugang sitzen praktischerweise in den Ministerien und schreiben Gesetze. Oder bekleiden Ministerposten;
  • Überteuerte öffentliche Rückmietkäufe;
  • Public Private Partnership (PPP)-​Projekte, die unter Geheimhaltung stehen und damit der parlamentarischen Kontrolle entzogen sind; 
  • Die Arbeitslosenhilfe wurde übergangslos durch »Hartz 4« ersetzt. Dann kurz vom »Bürgergeld« abgelöst. Juchhu, »Hartz 4« ist wieder zurück. Die schwarze Pädagogik als Strafe;
  • Der größte Niedriglohnsektor Europas wurde geschaffen;
  • Die Deutsche Rentenversicherung wird sturmreif geschossen (»Aktienrente«);
  • Die Renten (nicht die Pensionen) wurden deutlich gekürzt (»Lebensleistungsrente«);
  • Alters- und Kinderarmut wachsen;
  • Die Rentner:innen sind niedrigschwellig steuerpflichtig, während Superreiche kaum Steuern zahlen;
  • Jedes Jahr fallen tausende Sozialwohnungen aus der Bindung. Bezahlbarer Wohnraum wird immer knapper;
  • Zuviele verarmte Menschen liegen buchstäblich auf den Gehwegen und in den Hauseingängen. Die übersieht man als Nutzer von Dienstwagen;
  • Armut wurde durch die »Tafeln« privatisiert. Der Staat erklärt sich als nicht mehr zuständig;
  • Der Medikamentenmangel wird immer größer;
  • Zuzahlungen bei Medikamenten, medizinischen Hilfsmitteln und Behandlungen;
  • Krankenhäuser werden zu Profitcentern umfunktioniert, die Rendite erwirtschaften müssen;
  • Die Infrastruktur zerbröselt. Brücken sind einsturzgefährdet – oder stürzen bereits ein;
  • Klimaschutzmaßnahmen wurden zu spät und halbherzig ergriffen. Inzwischen wird auch hier zurückgerudert (»zu teuer«);
  • Die Verkehrswende und Transformation sind wieder Geschichte;
  • Die Deutsche Bahn stirbt. Das wird auch nichts mehr;
  • Die Deutsche Post gibt es nicht mehr. Der Service wurde systematisch abgebaut. Immer längere Brieflaufzeiten (»Privat ist besser als Staat«);
  • Polizei, Feuerwehren und Rettungsdienste sind kaputtgespart;
  • Der Zivilschutz wurde aufgegeben. Sirenen abgebaut. Bunker ›privatisiert‹;
  • Die Bundeswehr war nicht mehr für die Landesverteidgung vorgesehen. Sie wurde als internationale Eingreiftruppe aufgestellt;
  • Die »Schuldenbremse« wurde im Grundgesetz festgeschrieben;
  • Permanentes Außenhandelsdefizit (»Exportweltmeister«).
     

NACHSCHLAG (am 19.10.): »Fröhlichkeit und Zuversicht«

»Fröhlichkeit statt Übellaunigkeit« erwartet Kanzler Olaf Scholz vom deutschen Volk, das zu viel meckern würde, statt anzupacken, wie er vor wenigen Tagen vor dem »Rat für Nachhaltigkeit« kundtat (Rat für Nachhaltige Entwicklung, RNE/ 23. Jahreskonferenz, 08.10.). Und Bundespräsident Walter Steinmeier rief fast zeitgleich vor dem DGB das deutsche Volk zu mehr »Optimismus und Zuversicht« auf: »… und seien Sie zugleich eine Stimme der Zuversicht! Die brauchen wir! Auch der Zuversicht deshalb, weil Veränderung nicht zwangsläufig Bedrohung und Verlust bedeutet.« (Festakt 75 Jahre DGB, 13.10.). Der ›entsolidarisierte Pöbel‹ soll sich gefälligst nicht so haben! Denn Jeder ist seines Glückes Schmied! Auch gerne von den neoliberalen Apologeten immer wieder angeführt: »Frage nicht, was dein Land für dich tun kann – frage, was du für dein Land tun kannst.« So lautet einer der berühmten Sätze John F. Kennedys (20.01.1961).

Wohnen im Luxussegment (mit Liege) und in attraktivem Umfeld.

HERRSCHAFTSZEITEN

FRAMING ist allgegenwärtig: Agenda 2010, Das Gute-XXX-Gesetz, Neiddebatte, Soziale Hängematte, Vollkasko-Mentalität, gefühltes Abgehängtsein, Bahnstreik – ein Land in Geiselhaft, Gigafabrik, Heizungshammer, Technologieoffenheit, Querfront, Putinversteher, Sondervermögen, Gamechanger – im Ukrainekrieg (alles nur ein Spiel, ach so), Schuldenbremse, Verpflichtender Freiheitsdienst, Kriegstüchtigkeit, Öko-Diktatur. Herrschaftssprache. Und ›Orwell-Sprech‹. Die Medien nennen es JOURNALISMUS. Sie betreiben Kampagnenjournalismus.

Zuwanderung und Flucht (MIGRATION) werden seit etwa einem Jahr medial zum ›wichtigsten politischen Thema‹ hochgekocht. Zugleich blasen die Medien zur Jagd auf Bürgergeld-Bezieher:innen. Sozialneid nach unten. Bei beiden Themen wird (bewusst?) mit falschen Zahlen gearbeitet. Spätestens nach dem jüngsten Wahldesaster in Ostdeutschland befinden sich die Medien und die in Panik geratenen demokratischen Parteien in Bund und Ländern auf einem verhängnisvollen Irrweg. Frust, Resignation und Hass nehmen in der Bevölkerung zu. Hass ist hungrig. Hass wird nie satt. Und wenn Hass öffentlich gegen Menschen gerichtet wird, ist das keine Meinung, sondern eine Straftat.

Alice Weidel (*1979), Bundessprecherin und designierte Kanzlerkandidatin der AfD, kündigte anlässlich des Wahlabends der Brandenburg-Wahl 2024 (22.09.) an, dass die AfD nach der Bundestagswahl 2029, spätestens aber 2033 die Macht in Deutschland übernehmen würde (in Österreich haben die Faschisten am 29.09.die Wahl gewonnen). Soweit sind die ›Totengräber der Demokratie‹ gekommen. Deutschland will sich für die Olympiade 2036 oder 2040 bewerben. Das passt schon.

FENCHEL-PLANET

Global Player Fenchel? Der Fotograf Sönke Tollkühn macht ihn für uns sichtbar. Und zeigt, wie die Knolle in Zeiten der Seuchen und Kriege ihre beruhigende Wirkung entfaltet. Bei der Vernissage zur Fotoausstellung führte Gerd Gdowiokin in die ausgestellten Fotos und die heute weltweit verbreitete Gemüse-, Gewürz- und Heilpflanze ein. Der Fenchel (Foeniculum vulgare) wirkt stimmungs-
aufhellend und lindert Antriebslosigkeit. Wie die anregenden Fotos. Vom 6. Oktober bis zum 15. November 2024 im Restaurant »Z«, Friesenstraße 12, 10965 Berlin, Bushaltestelle ›Jüterboger Straße‹ (Bus 248).

Fanfare für den Fenchel (Foto: Sönke Tollkühn).
Zdrowie. Gesundheit.

ICK oder ICKE?

Ick sitze hier und esse Klops,
Uff eenmal kloppt’s.
Ick kieke, staune, wundre mir,
Uff eenmal jeht se uff, die Tür.
Nanu, denk ick, ick denk: nanu,
Jetzt isse uff, erst war se zu.
Ick jehe raus und blicke,
Und wer steht draußen? – Icke!

PECHVOGEL

50. Berlin-Marathon (29.09.). Und ich habe eine schmerzhafte Fersensporn-Entzündung. So kann ich diesmal leider nicht teilnehmen (58.000 Läufer:innen sind angemeldet; die Startgebühr beträgt 205,00 Euro; nix für Arme). In den Märkischen Sand damit. Wenn am Marathon Arme teilnähmen, würden die Medien wohl kaum berichten. Was bleibt da für mich Selbstoptimierer? Nur ein schönet Bad. Gar in Espresso? Das wäre auch rekordverdächtig.

HA-LLE-LU-JA

Mit MESSIAS im HANGAR 4 des entwidmeten Flughafens Tempelhof eröffnete die Komische Oper
die Spielzeit 2024/ 25 (21.09.–06.10./ 13 Vorstellungen).

Dort, wo einst Flugzeugmotoren dröhnten, erklangen Engelschöre mit himmlischer Musik.

Zuvor ein paar Zahlen zu den technischen Gegebenheiten im Hangar 4 – nicht für Musikpuristen: 1.800 Zuschauer:innen finden Platz. Ausverkauft. Die Bühnenfläche misst 60x 20 Meter. 400 Mitwirkende. Die LED- Ellipse aus Teil 2 und 3 besteht aus zwölf 70-Kilo-
gramm-Teilen, die nur an sechs Hängepunkten gehalten werden.

Georg Friedrich Händel, MESSIAH, HWV 56. Oratorium in drei Teilen. Libretto von Charles Jennens. Nach Bibeltexten (1741/ 42).

»Why do the nations so furiously rage together, and why do the people imagine a vain thing?
The kings of the earth rise up, and the rulers take counsel together against the Lord, and against His anointed.«

Beim Halleluja stand niemand auf. Ob es an der steilen und (gefühlt) ›halsbrecherischen‹ Zuschauertribüne lag?

Georg Friedrich Händel (1685–1759) gilt als einer der bedeutendsten Komponisten der Barockmusik. Trotzdem wirkt die Musik
von Messiah zeitlos und zieht die Menschen bis heute in den Bann.

Das Oratorium besteht aus drei Teilen: 1. Verheißung und Geburt, 2. Passion, Auferstehung und Himmelfahrt, 3. Erlösungsbotschaft für die gesamte Menschheit.

Eigentlich ist Händels Oratorium Messiah eine Reflexion über die christliche Erlösungsidee. Doch Damiano Michielettos Inszenierung MESSIAS verlässt den religiösen Rahmen und erzählt eine ›menschlich, allzu menschliche‹ Geschichte. Im Mittelpunkt steht der Kampf der krebserkrankten Brittany Maynard, die im Angesicht des Todes um ihr selbstbestimmtes Leben bis zum selbst gewählten Ende kämpft. Nicht religiöse Auferstehung bestimmt Michielettos MESSIAS, sondern das Erleben von Freiheit auf einem persönlichen unabwendbaren Leidensweg. Stoff für bewegende Bilder und starke Chor-eografien.

Dramaturgie/ Einführung: Daniel Andrés Eberhard; Musikalische Leitung: George Petrou.

Abendbesetzung (22.09.): Sopran: Julia Grüter, Alt: Katarina Bradić, Tenor: Rupert Charlesworth, Bass: Tijl Faveyts, Die Frau: Anouk Elias.

Kurz vor Beginn des 2. Teils – Scheinwerfer an. »Worthy is the Lamb that was slain, and hath redeemed us to God by His blood, to receive power, and riches, and wisdom,/ and strength, and honour, and glory, and blessing./ Blessing and honour, glory and power, be unto Him that sitteth upon the throne, and unto the Lamb, for ever and ever./ Amen«//.

Schlussbild (Teil 3): Die Frau verbringt die letzten Augenblicke ihres Lebens im Kreis ihrer Familie. Eine Lorbeerpflanze beginnt nach und nach zu grünen und zu gedeihen, was der Familie neuen Halt gibt (»The trumpet shall sound«). Die Mutter spricht tröstende letzte Worte (»If god be for us«), woraufhin Die Frau friedlich stirbt. Am Ende schreitet Die Frau ins Licht, also in den Tod. Regen fällt. Aus der Lorbeerpflanze ist ein paradiesischer Garten geworden (»Worthy is the lamb. Amen«).

Halleluja. Amen.