Der BAUMKUCHEN wurde nicht in Salzwedel erfunden! Das älteste überlieferte deutschsprachige Rezept zum Baumkuchen stammt aus dem Jahr 1450. Über die Jahrhunderte hinweg wurde es um moderne Zutaten, wie die Schokoladenglasur, erweitert. Die heutige klassische Rezeptur entstand aber Anfang des 18. Jahrhunderts in Salzwedel. Der »SALZWEDELER BAUMKUCHEN« ist seit 2010 durch das EU-Gütezeichen »geschützte geografische Angabe (ggA)« eine Marke. Das gilt in Deutschland für etwa 50 regionale Spezialitäten. Gewiss ist, dass der Kuchen zu der Familie der europäischen Spießkuchen gehört. In verschiedenen Kulturen gibt es ähnliche Rezepte, wie zum Beispiel der »Slowakische trdelník«. Der traditionelle Baumkuchen ist ein wahres Kunstwerk und wird wegen seiner aufwendigen und damit teuren Herstellungsweise immer seltener gebacken.
Ein echter Baumkuchen wird schichtweise an einer sich drehenden Walze gebacken. Früher geschah das über Holzfeuer, heute gibt es dafür speziell konstruierte Backapparate, die elektrisch oder mit Gas betrieben werden. Die Teigmasse wird in circa 10 bis 20 einzelnen Schichten aufgetragen, meist durch einen Tauchvorgang, und schichtweise gebacken. Die Kunst beim Backen des traditionellen Kuchens besteht darin, dass eine gleichmäßige Schichtung gelingt, die ihm die typische Optik verleiht und an die Jahresringe eines Baumes erinnert.
Durch eine besondere Technik beim Auftragen der einzelnen Teigschichten (Formung etwa mit einem Holzkamm) erhält der Kuchen eine wellenförmige Kontur, es bilden sich Ringe. Nach Entfernen des Spießes kann die Kuchenrolle in Portionen geschnitten werden, dabei sind ein bis zu fünf Ringe üblich. Diese erhalten eine Glasur oder Kuvertüre aus Schokolade. Die lange Backzeit macht den Baumkuchen sehr haltbar Das gilt jedoch nur für den Rohling, denn eine Glasur kann die Haltbarkeit unter Umständen stark verkürzen, da sie Feuchtigkeit anzieht.
Salzwedeler Baumkuchen wird nicht wie eine Torte senkrecht in Stücke zerteilt. Man schneidet die delikaten Kuchenstücke in Form von kleinen Halbmonden vom Ring ab. Dann sind die so genannten Jahresringe gut zu erkennen.
Der Platzhirsch. Allgegenwärtig in der Stadt.Ein Baumkuchen-Halbmond an einer Baumkuchen-Schoko-Splitter-Torte (Cafe Kruse).
Erste Ernte auf meinem Balkon: Paprika und Chili (10.07.) Früh wie nie zuvor. Im vergangenen Jahr hatte ich zur Zeit DER SEUCHE den Balkon ›sich selbst überlassen‹. Keine Lust wg. Corona. In diesem Jahr bepflanzte ich aber schon Anfang Mai wieder die Balkonkästen und Pflanzentöpfe. Der ficus benjamini kam endlich wieder an die frische Luft. Und die Pflanzen danken es. Sie gedeihen prächtig. Die Insekten und Spatzen freut es auch. Ach‘ wie schön ist Balkonien. Diese kleinen Paradiese sind so wichtig für das Stadt- klima. Was engagierte Bürger:innen beherzt ›reparieren‹, reißen mutmaßlich ignorante Politiker:innen wieder ein. Sie verzögern und behindern den notwendigen Stadtumbau. Beim Klima haben wir schon die Mitte an (Wetter-)Extreme verloren.
Zweite CHILI-Ernte (20.08./ von links): geerntet die Sorten »Hot Chili Red«, »Cheyenne« & »Apache«.
Der »Feuerwehr-Erlebnistag« als zentraler Tag der offenen Tür der Berliner Feuerwehr lockte mit einem spannenden Programm rund um das Thema Feuerwehr. Nach einer vierjährigen Pause hatte die Berliner Feuerwehr wieder einen Publikumstag mit Vorführungen und Informationen veranstaltet (09.07.). Ungeachtet der hohen Temperaturen von mehr als 32 Grad Celsius nutzten am Sonntag vor allem viele Familien die Chance, einen Blick hinter die Kulissen der segensreichen Organisation zu werfen. Erstmals fand der Publikumstag der Berliner Feuerwehr auf dem Gelände am ehemaligen Flughafen Tegel statt. Dort entsteht die Feuerwehr-Akademie. Die Buslinie 109 verkehrte alle fünf Minuten ab U- und S-Bahnhof Jungfernheide in Richtung »Urban Tech Republic«.
Der Tag stand unter dem Motto »Anfassen und Mitmachen«. Vorgestellt wurden zahlreiche Spezial-Fahrzeuge der Feuerwehr, und auch ein riesiges Flugfeld-Löschfahrzeug. Bei Einsatzvorführungen beeindruckten die Rettungskräfte mit Ihrer Professionalität und ihrem Können.
Nach einer 13-monatigen Erprobungszeit und knapp 1.400 Einsätzen steht jetzt fest, dass ein Lösch- und Hilfeleistungsfahrzeug mit Elektroantrieb (eHLF) fester Bestandteil des Fuhrparks der Berliner Feuerwehr wird. Seit September 2020 gehört das elektrisch angetriebene Löschfahrzeug – ein Prototyp – zur Fahrzeugflotte und wurde vom 1. Februar 2021 bis zum 28. Februar 2022 im täglichen Betrieb erprobt. Dabei legte das eHLF ungefähr 14.000 Kilometer zurück. Bei diesem Fahrzeug handelt es sich um das weltweit erste Exemplar, welches bei einer Feuerwehr in den Einsatz ging. Die Berliner Feuerwehr hat ein überwiegend positives Fazit gezogen. Denken sich die Mädchen! Kann denn Gendern Sünde sein?Die EHRENAMTLICHEN halten ›den Laden am Laufen‹. Doch wie lange noch in einer von der Politik nachhaltig entsolidarisierten Gesellschaft?
DAUERAUSNAHMEZUSTAND
Schlechte Nachrichten anlässlich der Vorstellung der Jahresbilanz der Berliner Feuerwehr am heutigen Montag: Trotz Dauerkrise im Berliner Rettungsdienst, neuem Rekord der Einsatzzahl und der Forderung des Landesrechnungshofs nach 1.000 weiteren Planstellen, will Schwarz-Rot nur wenige neue Posten schaffen. Dabei hatte der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) vor der Wahlwiederholung eine bessere Ausstattung der Feuerwehr versprochen.
Nach Tagesspiegel-Informationen soll die Feuerwehr für den Doppelhaushalt 2024/ 25 als Mehrbedarf 700 Stellen angemeldet haben (09.07.). Der Haushaltsentwurf, den der Senat am Dienstag beschließt, soll aber nur ein Plus von knapp 70 Stellen vorsehen. Kommentar der Deutschen Feuerwehr-Gewerkschaft (DFeuG): »Damit löst sich die 2022 gestartete Ausbildungsoffensive in Luft auf. 500 Nachwuchskräfte pro Jahr kann die Feuerwehr damit gar nicht aufnehmen.« Und große Kohorten der Babyboomer gehen in Rente. So viel zum Thema ›Fachkräftemangel‹.
Der Ausnahmezustand, 2022 fast täglich ausgerufen, ist zurück. Die Gründe: Die Hilfsorganisationen melden ihre Rettungswagen wegen Personalmangel häufiger ab, die Zahl an Notrufen und Einsätzen bleibt aber hoch – und es kommen stetig neue hinzu. Denn die Kassenärztliche Vereinigung (KV) vermittelt seit Ende Januar für Patienten keine Krankentransporte mehr. Laut DFeuG werden deshalb diese Fälle nun zu Notfällen deklariert. Die Feuerwehr MUSS einspringen. Im Vergleich der ersten Halbjahre 2022 und 2023 stieg die Zahl der Einsätze für medizinische Notfälle auf das Doppelte, für Nottransporte aufs Vierfache, für dringende Nottransporte um zwei Drittel. Die Zahl aller von der KV zur Feuerwehr übergebenen Fälle stieg um 80 Prozent.
DER SAMBA HEILT. Nach dieser Devise lebt é cantor e compositor Marcelo Café.
Concerto de Marcelo Café e Banda (Embaixada do Brasil/ 05.07.). Präsentation des neuen Albums »A Revolução É Preta«. Musicistas: Wesley Rubim (trombone), Nelson Latif (cavaquinho), Edson Arcanjo (violão), Hamilton Pinheiro (baixo), Marcelo Café (vocal), Sandro Alves (percussão). »Não deixe o samba morrer« – Lasst den Samba nicht sterben.
Fahrt mit dem Deutschlandticket in die Altmärkische Hansestadt GARDELEGEN (Sachsen-Anhalt/ 29.06.). Gardelegen ist mit 49 Ortsteilen nach Berlin und Hamburg die der Fläche nach drittgrößte Stadt Deutschlands.
SALZWEDELER TOR: das im 16. Jahrhundert erbaute Tor war bedeutender Teil der Stadtbefestigungsanlage. Die beiden Batterietürme, im Durchmesser 9 und 18 Meter, ergänzen die große Bastion. Tormühle. Drei historische Handelsrouten treffen im Stadtzentrum auf den Marktplatz zusammen und formen den Platz zu einem gleich- schenkeligen Dreieck. Eine der wenigen dreieckigen Stadtplätze Europas.Seit 1998 ist Gardelegen Teil des »Altmärkischen Hansebundes«. 275 Jahre nach seiner Zerstörung erhielt Gardelegen im Jahr 2002 einen neuen Roland. Die Garley-Brauerei existierte seit 1314. Das GARLEY-BIER gilt als einer der ältesten Biermarken der Welt. Im 19. Jahrhundert gehörten Gardelegen und die Altmark zu den bedeutendsten Hopfenanbaugebieten Deutschlands. Die Farben der Stadt sind Rot-Weiß-Grün. Die Wallanlage ist Teil des Netzwerks »Gartenträume Sachsen-Anhalt«. Entstanden aus alten Wehranlagen besteht seit dem 19. Jahrhundert der »Grüne Ring« um den mittelalterlichen Stadtkern Gardelegens. Eine mehr als 2,5 Kilometer lange und über 120 Jahre alte LINDENALLEE führt entlang gepflegter Grünanlagen, dem Rosengarten und den erhalten gebliebenen Teilen der mittelalterlichen Stadtmauer. Eine Umrundung dauert etwa 60 MIN.Am 13. April 1945 wurden von SS-Einheiten, Luftwaffensoldaten, Angehörigen des Reichsarbeitsdenstes und des Volkssturms sowie mit Unterstützung von Bürgern der Stadt in der ISENSCHNIBBER FELDSCHEUNE 1.016 KZ-Häftlinge eines ›Todesmarsches‹ grausam ermordet. Einen Tag später wurde die Stadt kampflos der US-Army übergeben. An zuvor erschossene und erschlagene Gefangene erinnern zahlreiche Gedenksteine in der Stadt.
Otto Reutter (eigentlich Friedrich Otto August Pfützenreuter) war ein deutscher Sänger und Komiker: *24. April 1870 in GARDELEGEN, Altmark/ Königreich Preußen, Monarchie; †3. März 1931 in Düsseldorf, Preußen/ Deutsches Reich, Weimarer Republik. Otto Reutter war stets seiner Heimatstadt Gardelegen verbunden. Auf einer Tournee erlitt er einen Herzinfarkt, an dem er verstarb. Seinem Wunsch entsprechend wurde sein Leichnam nach Gardelegen überführt und dort am 7. März auf dem städtischen Friedhof beerdigt.
Otto Reutter soll mehr als tausend Couplets verfasst haben. Nachgewiesen sind rund 400 Couplets, die auf Schellackplatten, in wenigen Rundfunk-Aufnahmen und Notendrucken erhalten sind. Zu seinen bekannten Liedern gehören:
Alles wegn de Leut (1926); Der gewissenhafte Maurer (1920); Der Überzieher (1925); Ick wunder mir über jarnischt mehr; In fünfzig Jahren ist alles vorbei (1920); Mit dem Zippel, mit dem Zappel, mit dem Zeppelin; Nehm Se ’n Alten (1926); Berlin is ja so jrooß.
In seiner Heimatstadt Gardelegen ist der große Sohn der Stadt allgegenwärtig: seit 1981 gibt es dort einen Otto-Reutter-Platz, seit Oktober 2002 eine von Heinrich Apel gestaltete Bronzeskulptur in der Altstadt (Ernst-Thälmann-Straße, Bild 1 oben). Weiterhin existiert eine Gedenktafel an seinem im Jahr 1961 abgerissenen Geburtshaus in der Sandstraße. Zudem befindet sich auf dem Holzmarkt ein Otto-Reutter-Brunnen mit Sitzgelegenheiten.
Otto Reutters Sohn kam am 7. Mai 1916 im Alter von 19 Jahren in Verdun um. Sein Gedenkstein steht in der Nähe des väterlichen Grabes. Heute ›wolfen‹ böse alte Männer wieder zur persönlichen Bereicherung junge Menschen in blutigen Schlachten.
Passend zum Deutschlandticket (11 Strophen, Auszug):
Muss man denn ins Ausland reisen?
Text und Melodie von Otto Reutter (Die einzelnen Dialekte sind hier nur angedeutet).
(1) Gern ins Ausland reist der Deutsche, Er verbringt die Ferien da, Schweift zu gerne in die Ferne, — Und das Gute liegt so nah. Kannst auch in der Heimat reisen! Schon die Urmark ist zu preisen: Brandenburch am Havelstrande, Jrünes Land auf weißem Sande. ‚S herrscht ein fröhlicher Verkehr da, Dicht bewohnt ist’s Havelland – Häuser steh’n wie Sand am Meer da, Bloß sie steh’n da mehr am Sand.
(2) Muß man denn ins Ausland reisen? Schau den Hoorz [Harz] voll Poesie. Und ganz korz, glich hingerm Horze Läht doch ’s Eichsfeld dichte bi. Kannst auch nach Hannover fähren, Därfst den Späß, dir nicht erspären, Stehst auf staunend am Kanäle, Gehst spazier’n zum Lindentäle – Grüßt de Däm‘ – die sind da spröde, Strotzen älle von Moräl – Wenn du eine küßt, sägt jede: »Gräde heut‘ ist’s erste Mäl«
(3) Muß man denn ins Ausland reisen? Hat nicht Sachsen seinen Reiz? Gann dich Dräsden denn nich dresten, Weißer Härsch und Sächs’sche Schweiz? Und die große Seestadt Leipzig – Sucht man da geen’n Zeitvertreib sich? Man drinkt »Gose« – man bekneipt sich, Drückt e Weib sich – an den Leib sich. Ja, die Frau’n dort, – scheen gewachsen – Kissen sieß, ob alt, ob jung. Jeder Jingling griegt in Sachsen »Sachsuelle« Aufglärung.
[4, Rheinland, …]
(5) Muss man denn ins Ausland reisen? ‚S Bade-Ländle, ’s Schwäble-Reich Is doch auch scheen, des muscht auch seh’n – Da muscht hinfahr‘, aber gleich. Kannscht der Schwarzwald dir betrachte, Karlsruh‘ isch nit zu verachte. Heidelberg kann auch nix schade – Kannscht in Bade-Bade bade – Fährscht nach Friedrichshafe, wo de Mit dem Zepp’lin steigscht in d‘ Höh‘ Und denkscht: Wenn i auf de Bode Seh, seh‘ ich der Bodesee.
[6, Hamburg, …]
(7) Muß man denn ins Ausland reisen? Frankfort is doch aach net schlecht. Ariadne – Palmengadde, ‚S Haus vom Geede [Goethe], ahid un echt. Un vom Rothschild, dem bekannten, Trifft man aach noch viel Verwandte – Un’de Bärs [Börse], ’s is net geloge – Voller wie die Synagoge [?] – – – Und in Thüring’n, da liecht Waimar. [Das a ist recht gedehnt auszusprechen] Da ist’s frailich wunderbar – Wenn in Waimar man im Mai war, Frait man sich doch ’s ganze Jahr – – – Wai mar mal in Waimar war.
[8, Ostpreußen, gehört heute zu Polen und Russland; 9, Bayern und Franken, …]
(10) Muß man denn ins Ausland reisen? Hat Berlin denn Konkurrenz? Mit die Landschaft mach‘ Bekanntschaft: Resedenz und Intell’jenz. Wo der Kreuzberg unter dir is, [seine geringe Höhe andeutend] Wo im Tiergarten keen Tier is, Wo de Panke ohne Strom is, Wo im Jrunewald keen Boom is. – Passt et dir nich Untern Linden, Kannste nach dem Westen jehn – Kannst da alle Völker finden – Kannst ooch mal’n Berliner seh’n.
(11) Muß man denn ins Ausland reisen? Ist Westfalen nicht chanz fein? Brukst in Mäcklenborg du mäkeln? Muß grad Hesse hässlich sein? Fahr‘ a brinkel ook nach Schlesien – Bist ook da schon mal gewesien? – – – Fahr nur fort, in höchsten Weisen, Auslandsreisen nur zu preisen – Singst doch schließlich andre Lieder, Fern, von Sehnsucht übermannt: »Nach der Heimat möchte‘ ich wieder, Nach dem teuren Vaterland!«
Dieser Post ist WILLI KÄLBER (†) gewidmet. Dem guten Nachbarn und Freund aus Harzer Tagen – und ›Fan‹ von Otto Reutter. Wir planten noch vor DER SEUCHE, gemeinsam nach Gardelegen zu fahren. In Memoriam.
Fahrt mit dem klimatisierten Reisebus nach TORGAU (Sachsen/ 21.06.). An diesem Tag herrschten Temperaturen von fast 32 Grad Celsius.
Einstige RESIDENZ: In Torgau residierten die sächsischen ernestinischen Kurfürsten Johann Friedrich III. – der Weise – und Johann Friedrich I. – der Großmütige. Torgau war im 16. Jahrhundert das politische Zentrum der REFORMATION. Und lag im Spannungsfeld von Brandenburg, Kursachsen und dem Bistum Magdeburg. Wichtige Persönlichkeiten der Reformation wirkten in dieser Landschaft. Natürlich MARTIN LUTHER und KATHARINA VON BORA. Der Kirchenmusiker PAUL GERHARDT (Großhainichen, Berlin, Lutherstadt Wittenberg, Mittenwalde); der ›Ablasshändler‹ JOHANN TETZEL (Jüterbog); der Bildungsreformer PHILLIP MELANCHTHON (Lutherstadt Wittenberg, Herzberg/ »Herzberger Schulordnung« & Torgau/ »Torgauer Artikel«); die Werkstatt LUCAS CRANACH.
Perle der RENAISSANCE: Torgau gilt heute als eine der der schönsten Renaissancestädte Deutschlands. Torgau ist eine steinerne Renaissancestadt, die nach den Bränden des 15. Jahrhunderts und trotz häufiger kriegerischer Bedrohung weitestgehend unzerstört geblieben ist. Etwa 600 Einzeldenkmale sind hier zu finden. Sie künden von Torgaus Blütezeit im 16. Jahrhundert. Torgau stand aber wiederholt im Mittelpunkt sächsischer, europäischer und weltgeschichtlicher Politik. NAPOLEON BONAPARTE ließ die Stadt zur Festung ausbauen. Der Name Torgau ging um die Welt, als sich hier Ende April 1945 amerikanische und sowjetische Soldaten auf den Trümmern der zuvor von den Deutschen gesprengten Elbbrücke die Hände reichten. Berüchtigt war während der DDR-Diktatur der »Geschlossene Jugendwerkhof Torgau«. Dort wurden ›unangepasste‹ Heranwachsende zur ›sozialistischen Umerziehung‹ gequält und gebrochen.
Torgau feiert in diesem Jahr sein 1050. Bestehen. Erste urkundliche Erwähnung fand der Ort unter dem Namen Torgove in einem Dokument aus dem Jahr 973. Der Name ist altsorbischer Herkunft; »torg« bedeutet Markt (vgl. obersorbisch torhošćo). Torgove ist also ein Handelsplatz.
Besichtigt: das Bürgermeister-Ringenhain-Haus in der Breiten Straße sowie Schloss Hartenfels (Lapidarium im kühlen Keller). Im Schlossgraben leben drei Braunbären. Das heute prächtigste Renaissancehaus ist das des Bürgermeisters Paul Ringenhain, der es 1596 neu errichten ließ. Paul Ringenhain, der reichste Torgauer Bürger seiner Zeit, hatte für die Ausstattung seines Wohn- und Geschäftshauses die besten Handwerker seiner Zeit beschäftigt. Die herausragenden Wand- und Deckenmalereien waren nach Vorbildern des Schlosses entstanden. Dazu gehört insbesondere die Holzkassettendecke in der Saalstube des 1. Obergeschosses mit der Darstellung von 40 Engeln in Wolken und Sternen, die Musikinstrumente und Leidenswerkzeuge Christi tragen. Fahr‘ mal hin.
Die Militärgeschichte Torgaus beginnt im 18. Jahrhundert. Die SCHLACHT BEI TORGAU am 3. November 1760 war die letzte große Schlacht des ›Siebenjährigen Krieges‹. Die Österreicher hatten auf den Süpitzer Höhen etwa 400 Kanonen aufgestellt. Eine gewaltige Feuerkraft. Der Sieg der Preußen stand gegen 21:00 Uhr fest. Mit 16.751 Mann verloren die Preußen dabei mehr als 25 % ihrer Armee, die Österreicher mit 15.200 Mann knapp 30 %. Die Schlacht war eine der blutigsten des 18. Jahrhunderts.
BEI TORGAU Auch die Grenadiere wollen nicht mehr Wie ein Rasender jagt der König daher Und hebt den Stock und ruft unter Beben: »Racker, wollt ihr denn ewig leben? Bedrüger …« »Fritze, nichts von Bedrug; Für fünfzehn Pfennig ist’s heute genug.«
(Theodor Fontane: aus Sämtliche Werke. Bd. 1–25, Band 20, München 1959–1975, S. 217).
Der »Torgauer Marsch« von 1817 wurde einer der beliebtesten deutschen Märsche. Er war ursprünglich ein Kavalleriemarsch. Der »Torgauer« ist ein sächsischer – kein preußischer Marsch (heute Armeemarsch III, 69; Armeemarsch II, 210). Die Namensgebung hat aber nichts mit der Schlacht bei Torgau zu tun.
FESTUNG TORGAU Die Sachsen waren Verbündete Napoleons. Für Napoleon Bonaparte spielte Torgau eine wichtige strategische Rolle. Zur Sicherung der ›Elblinie‹ ließ er die Stadt zwischen 1811 und 1813 zur Festung ausbauen. Es entstanden eine sechseckige Hauptfestung mit sechs Bastionen und zwei halben Abschlussbastionen an der Elbe sowie der Brückenkopf östlich des Flusses. Bis zu 26.000 französische Grenadiere waren 1813 in Torgau stationiert, während die Stadt damals nur 5.000 Einwohner zählte. Nach dem Sieg der Preußen über Napoleon wurde Torgau preußisch. Nordsachsen kam zu Preußen (›Beutesachsen‹). Unter preußischer Herrschaft wurde Torgau Garnisonsstadt.
ELBE DAY 1945 An der Elbe trafen Ende April 1945 die Spitzen von US Army und Roter Armee zusammen. Um ›Friendly Fire‹ zu vermeiden, war vereinbart worden, dass die Rote Armee nur bis an die Elbe vorrückt.
Befehlsstand der amerikanischen 69. Infanteriedivision der 1. Armee: Vier Patrouillen (ALBERT L. KOTZEBUE, Frederick W. Graig, Edward A. Gumpert und William D. Robertson fuhren am 24. Und 25, April von der Mulde Richtung Elbe, um in der ›wehrmachts- freien Zone‹ aufzuklären und den Kontakt zu sowjetischen Einheiten herzustellen. Leutnant Kotzebue war der erste amerikanische Offizier, der einem russischen Offizier inmitten von hunderten toten Zivilisten bei STREHLA die Hand reichte (25.04., 12:00 Uhr). Strehla war also ein Leichenfeld, und damit kein Ort für eine historische Inszenierung. Statt Strehla ging deshalb Torgau eher zufällig in die Geschichte ein. Denn der vom amerikanischen 2nd Lieutenant WILLIAM ROBERTSON geleitete Erkundungstrupp gelangte nach Torgau, wo er auf Rotarmisten der 1. Ukrainischen Front traf. Diese Begegnung verlief zunächst abenteuerlich.
East meets West. Am 26. April trafen sich schließlich die Kommandeure der amerikanischen 69. Infanteriedivision des 5. Korps der 1. Armee und des sowjetischen 173. Gardeschützenregiments der 58. Gardedivision in Torgau. An diesem Tag wurden die Vorbereitungen für den inszenierten ›Handschlag von Torgau‹ getroffen, der am nächsten Tag vor Fotografen des Special Film Teams 186 stattfinden sollte. Da war noch viel Zeit für die unteren Chargen – wie Fotos belegen – schon vormittags beginnend, Begegnungen der ›kleinen Leute‹ vorzunehmen. Anlässlich der ›Truppenvereinigung‹ in Torgau gab es am Abend des 26. April gleichlautende Presseerklärungen der Regierungen in London, Moskau und Washington. Mit dem offiziellen symbolischen ›Handschlag von Torgau‹ am 27. April schloss sich – für die Weltöffentlichkeit sichtbar – die Lücke zwischen der deutschen Ost- und Westfront. Der Krieg in Europa näherte sich dem Ende.
Fahnenmonument in Sandstein am Begegnungsort von sowjetischen und amerikanischen Truppen am 25. April 1945 beim alten Brückenkopf der Elbbrücke. AVRAAM MILETZKIJ, Hauptmann der Sowjetarmee (Pioniere) und Architekt, schuf es. Zu seiner aus Kiew stammenden Familie jüdischen Glaubens, gehörten etwa 70 Mitglieder. Nur ein Onkel und er selbst hatten den Zweiten Weltkrieg überlebt. Das Denkmal sollte ursprünglich mit einem Panzer oder einem schweren Artilleriegeschütz gekrönt werden, doch Miletzkij hielt eine andere gestalterische Aussage für wichtiger: »In Torgau haben die Waffen geschwiegen.« Die Bekrönung des im September 1945 fertiggestellten Monuments zeigt die Fahnen der Sowjetunion und der Vereinigten Staaten von Amerika. Sie sind gesenkt und verdeutlichen damit das Ende der Kampfhandlungen, so ebenfalls die aufgestellten, von einem Kranz umgebenen Gewehre. Er erläuterte seine Arbeit mit den Worten: »Möge das Denkmal an die unbesiegbare Kraft der Völker erinnern, die sie im Kampf gegen die Barbarei vereint hat.«
Die Tafeln im Unterbau mit der Übersetzung der russischen Inschrift ins Deutsche und Englische wurden nachträglich angebracht.
Die DDR errichtete gegenüber an der Elbstraße vor Schloss Hartenfels ein Gedenkrelief.
Auf den östlichen Elbwiesen am gegenüberliegenden Brückenkopf der damals gesprengten Brücke errichteten Veteranen ein weiteres Denkmal. Drei Fahnenmasten stehen an den Eckpunkten eines (gedachten) gleichschenkeligen Dreiecks. Eigentlich wehen an den drei Masten die Flaggen der Vereinigten Staaten von Nordamerika, der Bundesrepublik Deutschland und der Russischen Föderation (also auch stellvertretend für Belarus und die Ukraine). Die russische Fahne ist seit dem Überfall auf die Ukraine am 24.02.2022 eingeholt. Denn die Gewehre sind nicht mehr gesenkt. Seit 2022 gibt es kein offizielles Gedenken mehr. Bei meinem Besuch fehlten alle Fahnen.
»SCHWUR VON TORGAU« Beim »Schwur von Torgau«, gaben sich amerikanische und sowjetische Soldaten der Dienstränge das Versprechen, der Menschheit fortan Kriege zu ersparen. Dieser Schwur missfiel schon bald den Mächtigen. Einer der damals am Treffen teilnehmenden US-Soldaten, Dolmetscher Joseph ›Joe‹ Polowsky, setzte sich in der Zeit des 1. Kalten Krieges unermüdlich für die Anerkennung des 25. April als »Weltfriedenstag« ein. Gemäß seinem letzten Willen erhielt er 1983 die letzte Ruhestätte auf dem evangelischen Friedhof in Torgau.
Der ROLAND ist ein Standbild eines Ritters mit Richtschwert. Die Rolandsfigur galt als Sinnbild der Eigenständigkeit einer Stadt mit Marktrecht und eigener Gerichtsbarkeit. Ein aufgestellter Roland war auch Ausdruck wirtschaftlicher Prosperität. Im Mittelalter fanden sich Rolande als Zeichen bürgerlicher Freiheit häufig in norddeutschen Städten (»Rolandstadt«). In STENDAL steht die steinerne Rolandfigur vor der Gerichtslaube des Rathauses am Marktplatz. Die 7,80 Meter hohe Standfigur ist mit Plattenpanzer, einem Schild mit dem brandenburgischen Adler und einem geschulterten Schwert ausgerüstet. Auf der Rückseite ist auf einer ornamentierten Stützsäule eine Narrenfigur mit (Markt-)Sackpfeife und Stadtwappen dargestellt. Der Stendaler Roland ist nur sechs Zentimeter kleiner als der Bremer Roland und mit Sockel 7,8 Meter hoch. Zudem trägt er das längste Schwert aller Rolande. Er gilt als die drittgrößte Rolandfigur in Deutschland.
Zweite Fahrt mit dem Deutschlandticket in die ALTMARK (Sachsen-Anhalt) zur Hansestadt STENDAL (13.06.).
RATHAUS: Im zweiten Obergeschoss liegt die große Ratsstube. An der Nordseite ist noch ein beachtlicher Teil der spätgotischen hölzernen WANDVERTÄFELUNG von 1462 erhalten. Über der Kielbogenpforte ist das Rats- und Stadtwappen dargestellt, seitlich sind Reliefs mit Darstellungen von Jonas und dem Wal, Samson mit dem Löwen, einem Propheten mit Schriftband und dem Erzbischof von Köln angeordnet.Die MARIENKIRCHE steht im Zentrum Stendals unmittelbar östlich des Rathauses. 1580 wurde eine ASTRONOMISCHE UHR angebracht. Sie befindet sich unterhalb der Orgelempore. Ihr Zifferblatt ist drei mal drei Meter groß und zeigt einen 24-Stunden-Tag an. Der große Zeiger macht in zwei Stunden eine Umdrehung. Der Stand der Sonne und des Mondes werden durch Modelle angezeigt. Als Gegengewicht zu den Modellen dient eine Sternenscheibe, in der eine Öffnung den Mondzyklus anzeigt. Der innere Zahlenkranz zeigt das Datum an. Die Uhr wiegt 100 Kilogramm, das Pendel ist 3,25 Meter lang. Die Uhr wurde 1977 betriebsfähig restauriert. Das Kaufhaus Ramelow ist ein 1929–1930 errichtetes Bekleidungs-Kaufhaus im Stil des ›Neuen Bauens‹ (Bauhaus).Lichtgestalt Johann Joachim WINCKELMANN (1717–1768) gilt als der Begründer der Klassischen Archäologie und modernen Kunstwissenschaft. Stendal feiert ihn als den berühmtesten Sohn der Stadt. Am 8. Juni 1768 wurde Winckelmann in einem Hotel- zimmer in Triest Opfer eines grausamen Mordes. Der ›Dom‹ St. Nikolaus ist vor allem für seinen großen Bestand an spätmittelalterlicher Glasmalerei bekannt. Von der Ausstattung sind vor allem die 22 mittelalterlichen GLASMALFENSTER erhalten, die zwischen etwa 1425 und 1480 entstanden waren. Im 19. Jahrhundert stark restauriert, dürfte heute noch etwa die Hälfte des Glases original sein. Die große Anzahl von Glasmalereien aus dem Mittelalter ist in Mitteldeutschland einzigartig und wird nur noch von der Anzahl der Glasmalereien des Erfurter Domes übertroffen.
Obgleich niemals für einen Bischofssitz vorgesehen, erlangte St. Nikolai umgangssprachlich alsbald den Status eines Domes. In einer Urkunde von Papst Clemens III. vom 29. Mai 1188 wurde erklärt, dass das neue Stift in Stendal direkt dem Papst unterstellt war.
Hinweis: Da Stendal ein wichtiger BAHNKNOTEN ist, fielen dort im 2. Weltkrieg Bomben. Bei den Alliierten gab es eine ›Arbeitsteilung‹. Tagsüber bombardierte die Amerikanische Luftwaffe (USAF) die Infrastruktur. Diese Regelung wurde erst zu Beginn des Jahres 1945 ›aufgeweicht‹. Der Angriff der 8. Luftflotte der USAF am 8. April 1945 gilt als der schwerste. Dom und Stift erhielten mehrere Treffer. Im südlichen Querflügel wurden vier Gewölbe und der Giebel zerstört, der westliche Flügel des Stiftsgebäudes trug so schwere Beschädigungen davon, dass er gänzlich abgetragen werden musste. Glücklicherweise waren die wertvollen Glasfenster zuvor ausgebaut und ausgelagert worden.
Im Mittelalter war Stendal von einer durchgängigen Stadtmauer mit vier Stadttoren und drei Türmen umgeben. Einige wurden im 18. Jahrhundert abgebrochen. Erhalten geblieben sind das UENGERLINGER (oben) und TANGERMÜNDER TOR. Das Uengerlinger Tor entstand um 1450/ 60 und gilt nach dem Holstentor in Lübeck als das wohl schönste mittelalterliche Stadttor im Gebiet der norddeutschen Backsteingotik.