BERLIN WAR DRAUSSEN

Was von der WALPURGISNACHT übrigblieb.

Sonnenschein, HERAUS ZUM 1. MAI! Von den Gewerkschaften bis zu den Autonomen: Der Tag der Arbeit ist in Berlin breit gefächert. Zahlreiche Demos und Kundgebungen mit zehntausenden Teilnehmer:innen finden dort stets am 1. Mai statt. Die Demonstrationen und Feierlichkeiten am 1. Mai sind nach Angaben der Polizei diesmal weitgehend friedlich verlaufen. Leider gab es bei der traditionellen »Revolutionären-1. Mai-Demonstration« üble antisemitische Parolen. Schande.

KÄMPFERISCH
Bet’ und arbeit’! ruft die Welt,
Bete kurz! denn Zeit ist Geld.
An die Thüre pocht die Noth –
Bete kurz! denn Zeit ist Brot

Und du ackerst und du säst,
Und du nietest und du nähst,
Und du hämmerst und du spinnst –
Sag, o Volk, was du gewinnst!

Wirkst am Webstuhl Tag und Nacht,
Schürfst im Erz- und Kohlenschacht,
Füllst des Ueberflusses Horn,
Füllst es hoch mit Wein und Korn.

Doch wo ist dein Mahl bereit?
Doch wo ist dein Feierkleid?
Doch wo ist dein warmer Herd?
Doch wo ist dein scharfes Schwert!

Alles ist dein Werk! o sprich,
Alles, aber Nichts für dich!
Und von Allem nur allein,
Die du schmiedst, die Kette, dein?

Kette, die den Leib umstrickt,
Die dem Geist die Flügel knickt,
Die am Fuß des Kindes schon
Klirrt – o Volk, das ist dein Lohn.

Was ihr hebt an’s Sonnenlicht,
Schätze sind es für den Wicht;
Was ihr webt, es ist der Fluch
Für euch selbst – ins bunte Tuch.

Was ihr baut, kein schützend Dach
Hat’s für euch und kein Gemach;
Was ihr kleidet und beschuht,
Tritt auf euch voll Uebermuth.

Menschenbienen, die Natur,
Gab sie euch den Honig nur?
Seht die Drohnen um euch her!
Habt ihr keinen Stachel mehr?

Mann der Arbeit, aufgewacht!
Und erkenne deine Macht!
Alle Räder stehen still,
Wenn dein starker Arm es will.

Deiner Dränger Schaar erblaßt,
Wenn du, müde deiner Last,
In die Ecke lehnst den Pflug,
Wenn du rufst: Es ist genug!

Brecht das Doppeljoch entzwei!
Brecht die Noth der Sklaverei!
Brecht die Sklaverei der Noth!
Brot ist Freiheit, Freiheit Brot!

Lied der PREKÄREN. Bundeslied für den Allgemeinen deutschen Arbeiterverein, Text: Georg Herwegh, 1863.

GEDIEGEN
Der 1. Mai startete am Montagvormittag traditionell mit der Demo des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB), die in diesem Jahr unter dem Motto »Ungebrochen solidarisch« stand. Vom Platz der Vereinten Nationen in Friedrichshain zogen mehr als 6.000 Demonstrant:innen zur Kundgebung vor das Rote Rathaus. Dort präsentierten sich die Einzelgewerkschaften. Solidarität mit den Arbeitslosen zeigen die Arbeitskreise ARBEITSLOSIGKEIT von VERDI & der IGM: Aufklärung über die neoliberalen Lügen der Agenda 2010 (»Man muss nur wollen, dann erreicht man alles«) und Hilfe für die Betroffenen. Die Daseinsvorsorge wurde in großem Stil privatisiert. Inzwischen gelten die Tarifverträge nur noch für weniger als die Hälfte der Beschäftigten. Die Medien hetzen ›auf allen Kanälen‹ gegen Streiks. Das mediale Geklingel dazu ist plumpe Täter-Opfer-Umkehr. Von wegen »französische Verhältnisse«. Auch ist Deutschland bei Streiks nicht »in Geiselhaft genommen«! Seligmachende Privatisierungen? Was habe ich mitgenommen? Den Slogan »Wer Rentner quält, wird nicht gewählt« (›Seniorenaufstand‹ zu den neuen Armutsrenten als ›Lebensleistungsrente‹ für die ›Babyboomer‹).

Energiegeladen.

SATIRISCH
Das › QUARTIERSMANGEMENTGrunewald‹ leistet seit 2018 wertvolle soziale Arbeit im Problemkiez Grunewald. Durch den Ansatz aufsuchender Sozialarbeit der ausgestreckten Hand wurden dem Klientel der Superreichen Möglichkeiten der Reintegration in die Stadtgesellschaft aufgezeigt. Am Mittag hielt zum fünften Mal das Quartiersmanagement ›MyGruni‹ eine Spaßdemo im Villenviertel GRUNEWALD ab. #socialdistancing ist dort seit jeher eine Kernkompetenz. Wieder fast 4.000 Teilnehmer:innen kamen zum Johannaplatz, um den Problembezirk nicht im Stich zu lassen. »Wo eine Villa ist, ist auch ein Weg«, hieß es vom Veranstalter.

Extrem Reiche sind für den größten Teil der Treibhausgasemissionen verantwortlich. Die Ungleichheit auf den Bankkonten ist verknüpft mit der auf den CO₂-Konten. Während die Ungleichverteilung im Geldbeutel für viele hart zu spüren ist, taucht der unterschiedliche CO₂-Ausstoß aber in keiner Bilanz auf. Gleichzeitig sind ärmere Menschen besonders vom Klimawandel betroffen. »Die Reichsten saufen, alle andern haben Kater«.

Großes Gerät fuhr die RWEGrunewald auf, beschützt von Polizei.

Deshalb, heraus zum Tag der autonomen Bergarbeit! »Jahrhunderte lang haben wir die falsche Kohle abgebaggert. Höchste Zeit, Kohleabbau ganz neu zu denken! Unter dem Kohlerevier Grunewald lagert ein gigantischer Kohleflöz: Fossiles Kapital, das dringend abgetragen werden muss! Für das Klima, für eine gerechte Gesellschaft! Gesellschaftliche Veränderung bedarf unternehmerischen Denkens. Als zukunftsorientiertes Unternehmen erschließt die RWE (Reiche Werden Enteignet) das Kohlerevier Grunewald. Und übernimmt Verantwortung, indem die sedimentierten Übergewinne weggebaggert und der fossilen Unrechtswirtschaft entzogen werden. Die RWEGrunewald fördert mit neuester Umverteilungstechnologie: Wenn man Luxusgüter sieht, sieht man eigentlich nur die Spitze des Geldbergs. Die Ungleichheit liegt diskret im Verborgenen, geschützt von großen Anwaltskanzleien und flankiert von ominösen Stiftungen und undurchsichtigen Finanzkonstrukten. Wir brechen diesen gut versiegelten Boden auf und bringen Licht in den wirtschaftskriminellen Untergrund des Luxusreviers Grunewald«.

Mit den autonomen Bergarbeiter:innen begannen die Abrissarbeiten des Problemkiezes Grunewald. Kohle verteilen ist Handarbeit! Glück auf Grunewald!

Die Regierende a.D. Franziska Giffey – als Marie-Antoinette des Wohnungsmarktes. Schnäppchen-Eigentumswohnungen
für 2,4 Millionen Euro entstehen zurzeit auf dem Gelände der ›neuebockbrauerei‹.

Die neoliberale Ideologie frisst ihre Kinder.

EPILOG
Vor 90 Jahren: Der 1. Mai als der traditionelle Kampftag der Arbeiterbewegung wurde 1933 erstmals von der NSDAP als »Feiertag der nationalen Arbeit« begangen und fortan ein arbeitsfreier staatlicher Feiertag. Am 2. Mai 1933 wurden die freien Gewerkschaften zerschlagen und verboten. Die Gewerkschaftsvermögen wurden »beschlagnahmt« (und später u. a. für den Bau
des VW-Werkes in Wolfsburg verwendet). Bei der Besetzung der Gewerkschaftshäuser wurden führende Funktionäre wegen »wirtschaftsfeindlicher« und »staatsfeindlicher Einstellung« verhaftet, misshandelt, inhaftiert und vereinzelt ermordet. Die einzige »Interessenvertretung« für die abhängig Beschäftigten bestand zunächst in der NSBO (Nationalsozialistische Betriebszellen-
organisation), ab 1935 durch die DAF (Deutsche Arbeitsfront).

Meinungsmache(r)

»In der Pandemie legten viele Menschen mehr Geld auf die hohe Kante. […] Die Menschen in Deutschland haben in den vergangenen Jahren ein Rekordvermögen angehäuft. Vor allem Haushalte mit bislang kleinen Vermögen hätten besonders stark zugelegt, schreibt die Deutsche Bundesbank in ihrem aktuellen Monatsbericht. ›Die Ungleichheit hinsichtlich des Nettovermögens hat sich auch deshalb […] leicht reduziert‹, führen die Autoren weiter aus. Abzüglich Schulden verfügten demnach die Privathaushalte 2021 durchschnittlich über ein Rekordvermögen (netto) von 316.500 Euro (SPON, das ›Sturmgeschütz des Neoliberalismus‹, 24.04.)«. Glücksfall Krisen. Denn Entenhausen boomt!

Das bereitet den Menschen in den 40,7 Millionen deutschen Privathaushalten tagtäglich Kopfzerbrechen: wo die 316.500 Euro investieren? Die armen Reichen!

Berliner Luft, Luft, Luft

Das ist die Berliner Luft (Paul-Lincke-Lied). Oder jetzt die Berliner*innen Luft? Darauf den gleichnamigen frischen Pfefferminzlikör aus dem Hause Schilkin. Ich gender gern, weil man es nicht muss. »Berlin! Hör ich den Namen bloß, da muß vergnügt ich lachen!«

Ja, ja, ja, das ist die Berliner Luft, Luft, Luft
so mit ihrem holden Duft, Duft, Duft
wo nur selten was verpufft, pufft, pufft
in dem Duft, Duft, Duft
dieser Luft, Luft, Luft
Das macht die Berliner Luft!

Der Gassenhauer in einem beschwingten Marschrhythmus gilt als inoffizielle Hymne Berlins (Text: Heinrich Bolten-Baeckers, Musik: Paul Lincke; 1904/ 1922 in die Operette »Frau Luna« eingefügt. Jetzt mit Stotter-Stolperfalle?).

WOHNUNGSSTRICH

Im Kreuzberger Wrangelkiez machte eine Frau als lebende Suchanzeige auf die Wohnungsnot in der deutschen Hauptstadt aufmerksam. Seit vergangener Woche saß die Künstlerin Joana V. im Schaufenster der Galerie Heba – ihr war wohl fristlos gekündigt worden (13.04.). Im Rahmen der mehrtägigen Kunstperformance nahm die Betroffene werktäglich zwischen 12:00 und 20:00 Uhr in dem Schaufenster an der Falckensteinstraße Platz. Bezahlbaren Wohnungsraum gibt es nicht mehr. Von der Politik genauso gewollt. Die Politik der vergangenen 25 Jahre trägt endlich Früchte. Berlin ist inzwischen die zweitteuerste Stadt nach München. Und damit nicht mehr sexy. Das ist die Berliner Luft!

TRIUMPFKREUZ

Christen haben bei einer ökumenischen KARFREITAGSPROZESSION in Berlin-Mitte an aktuelle Krisen und Katastrophen weltweit erinnert (07.04.). Der griechisch-orthodoxe Geistliche Emmanuel von Christoupolis, Erzbischof Heiner Koch, Bischof Christian Stäblein und Generalsuperintendentin Ulrike Trautwein trugen dabei ein großes grünes Kreuz durch die Straßen (von links). Von der St. Marienkirche beim Neptunbrunnen führte der Weg am Berliner Dom vorbei über die Straße ›Unter den Linden‹ zur Neuen Wache. Inhaltlich widmete sich die Prozession in diesem Jahr den Opfern des Erdbebens in der Türkei und in Syrien, den unterdrückten Frauen im Iran, den Kriegsopfern in der Ukraine und allen, deren Leben durch den Klimawandel bedroht ist. An den vier Stationen wurden hierzu kurze Nachrichtentexte verlesen. Am Bebelplatz sprachen die Geistlichen den Segen.

Die Berliner Karfreitagsprozession veranstaltet die Evangelische Kirche seit 2010 in Erinnerung an den Leidensweg Christi, inzwischen als ökumenische Prozession, nur unterbrochen durch DIE SEUCHE. Die Prozession läuft schweigend ab, begleitet lediglich durch Paukenschläge. Ein grünes Kreuz wird mitgeführt, das drei Meter hoch und etwa einen Zentner schwer ist.

Weniger als ein Viertel der Berliner Einwohner gehört noch einer der beiden großen christlichen Kirchen an. Von den rund 3,8 Millionen Berliner:innen waren im Dezember 2021 13,4 % evangelisch, 7,8 % katholisch und 78,8 % gehörten anderen Konfessionen und Glaubensgemeinschaften an oder waren konfessionslos. Die drittgrößte Gruppe bilden Menschen muslimischen Glaubens
mit geschätzten 10 Prozent, gefolgt von Angehörigen jüdischen Glaubens. Diese machen mit zirka 9.500 organisierten Gläubigen
0,25 Prozent der Bevölkerung aus. Eine Vielzahl kleinerer Religionsgemeinschaften ergänzt das religiöse Leben in Berlin.

DEUTSCHLANDTICKET

Juhu, ich habe ES. Ging ganz unkomliziert und schnell über das Kundenkonto auf der BVG-Site: Tarifwechsel. Natürlich als Chipkarte bestellt wg. Funklöchern und Stromausfall. Das Deutschlandticket ist zunächst auf zwei Jahre befristet.

NACHSCHLAG

Kein Scherz: Zum 1. April erhöhten zahlreiche Nahverkehrsunternehmen ihre Tarife. Auch die Erhöhung des 49-Euro-Tickets ist schon angelegt. Kontraproduktiv. Ein Ticket, ein einheitlicher Tarif – so lautete das Versprechen! Auch nicht zutreffend. Das 49-Euro-Ticket ermöglicht bundesweite Fahrten in ALLEN Bussen und Bahnen des öffentlichen Nah- und Regionalverkehrs. Deutschlandweit sind jedoch neun Regional-Express-Linien von der Nutzung des Tickets ausgeschlossen. In der Region Berlin-Brandenburg betrifft das die Regiostrecken Potsdam–Berlin–Cottbus (RE 56), Elsterwerda–Berlin (RE 17) und Berlin–Eberswalde–Prenzlau (RE 28). Auf diesen Linien müssen Reisende weiter die alten Tarife zahlen. Diese Züge werden nicht vom Unternehmen »DB Regio«betrieben, sondern von der »DB Fernverkehr«. Die Züge sind Intercitys, werden aber auf den genannten Abschnitten als Nahverkehrs-
verbindungen eingesetzt. Der Grund: Eine Intercity-Linie auf diesen Strecken lässt sich nicht wirtschaftlich betreiben. Weil die Bundesländer die Linien dennoch erhalten wollen, geben sie der Bahn eine zweckgebundene Finanzhilfe. Dafür müssen die Züge normalerweise auch Fahrgäste mit Nahverkehrs-Tickets mitnehmen. Das Deutschlandticket gilt dort aber – Stand jetzt – nicht.

Für die Nutzer des Deutschlandtickets ist das für Brandenburg aber nur eine kleine Einschränkung. Auf denselben Strecken fahren auch DB-Regio-Züge – in der Regel können Reisende also an derselben Station einen späteren Zug nehmen. Zwischen Berlin und Elsterwerda ist das der RE8. Die Linien RE1 und RE2 verkehren zwischen Potsdam und Cottbus beziehungsweise zwischen Nauen und Cottbus. Nach Prenzlau können Reisende auch mit dem RE3 fahren.

Bis zum 1. Mai könnte sich diese Sachlage aber noch ändern: Es laufen derzeit Gespräche mit dem Träger (VBB) zur Anerkennung
der obengenannten »Fernzüge«. Auch Intercity-Express (ICE), Eurocity-Express (ECE), Intercity (IC), Eurocity (EC), Railjet (RJ) sowie Flixtrain und Flixbus können mit dem Deutschlandticket nicht benutzt werden. Es gibt noch viel zu tun!

LEUCHTTÜRME

Seit mehr als 50 Jahren schwadronieren deutsche Politiker davon, den Verkehrsanteil der Schiene zu erhöhen. Das Gegenteil passiert aber. Tausende Bahnkilometer wurden inzwischen stillgelegt; die Taktung im ÖPNV stetig verschlechtert. Der Warentransport erfolgt fast ausschließlich über Lkw, die die Straßen verstopfen. Dagegen hätten die vergangenen 20 Jahre sinnvoll für eine Verkehrswende genutzt werden können.

ES GEHT AUCH ANDERS! Vorbildlich für den Nahverkehr im ländlichen Raum ist das »Karlsruher Modell« in der Region Karlsruhe. Dort wurde 1992 erstmals eine Zweisystem-Stadtbahn mit Tram-Train-Fahrzeugen eingeführt, um umsteigefreie und damit attraktive Stadt-Umland-Verbindungen zu schaffen. Umsteigefrei von Stadtzentrum zu Stadtzentrum. Der heutige Zweisystembetrieb findet sowohl auf eigenen Verbindungen, als auch auf DB-Strecken im Mischverkehr mit anderem Eisenbahnverkehr statt. Der große Erfolg dieses Angebotes – die Fahrgastzahlen erhöhten sich innerhalb weniger Wochen auf
das Fünffache – führte zu einem zügigen Ausbau des Zweisystem-Stadtbahnnetzes im Karlsruher Umland. So sind die Südpfalz, der Nordschwarzwald sowie die Heilbronner Innenstadt attraktiv verbunden. Das Karlsruher Netz umfasst heute mehr als 500 Kilometer Streckenlänge. Mit der Gründung des Karlsruher Verkehrsverbunds (KVV) konnte 1994 ein einheitliches Tarifsystem eingerichtet werden. Ebenfalls eine Erfolgsgeschichte: Die S-Bahn Rhein-Neckar zählt seit ihrer Betriebsaufnahme im Dezember 2003 
bundesweit zu den erfolgreichsten Nahverkehrsprojekten. Jetzt muss die Fahrzeugbeschaffung deutschlandweit standardisiert und vereinheitlicht werden. Und braucht jede Verkehrgesellschaft eine Direktor:in? Und braucht es so viele Verkehrsgesellschaften?

KLIMAGERECHTIGKEIT

Der Volksentscheid »Berlin 2030 Klimaneutral« ist gescheitert (26.03.). 50,9 Prozent stimmten am Sonntag in Berlin für die Gesetzesänderung, 48,7 Prozent dagegen. Trotz einer Mehrheit von fast 51 Prozent scheiterte das Vorhaben am nötigen Quorum von 25 Prozent aller Wahlberechtigten. Die Sollbruchstelle der Politik, die diesen Volksentscheid nicht wollte. Denn die unverbindlichen Absichtserklärungen und Formulierungen im Berliner »Klimaschutz- und Energiewendegesetz« (»Erreichung der Klimaziele«; »Klimaschutzvereinbarungen«) sollten verbindlich werden (»Erfüllung der Klimaschutzverpflichtungen«; »rechtlich bindende Klimaschutzvereinbarungen«). Jetzt bleiben der Politik alle Hintertürchen offen. So werden die Beschlüsse der UN-Klimakonferenzen (wie Paris 2015) nicht umgesetzt.

Das Abstimmungsvolk überlässt das ›Gesetzemachen‹ lieber den Lobbyist:innen (›Profis‹). Erst kommt das Fressen, dann die Moral.

Die Wahlbeteiligung war mit 35,8 Prozent zwar ausreichend hoch, doch Ja- und Nein-Stimmen lagen fast gleichauf. Das Quorum für den Volksentscheid lag bei 607.518 Wählern: Diese Hürde an Ja-Stimmen sowie eine Mehrheit der Stimmen wäre für die Annahme des Gesetzes nötig gewesen, das das Land Berlin zur Klimaneutralität bis 2030 verpflichten sollte. 866.484 Wahlberechtigte gaben eine gültige Stimme ab, 442.210 stimmten mit Ja, 423.418 mit Nein. Das heißt, insgesamt 165.308 Ja-Stimmen fehlten für einen erfolgreichen Volksentscheid. Immerhin 442.210 Menschen haben für eine Änderung des Klimaschutz- und Energiewendegesetzes gestimmt. Im Vergleich: Bei der Wiederholungswahl im Februar hatten ›nur‹ 428.228 Bürger:innen der CDU ihre Zweitstimme gegeben

Sechs Berliner Bezirke stimmten mehrheitlich gegen den Volksentscheid (Reinickendorf, Lichtenberg, Marzahn-Hellersdorf, Treptow-Köpenick, Steglitz-Zehlendorf und Spandau), die anderen sechs (Mitte, Friedrichshain-Kreuzberg, Neukölln, Charlottenburg-Wilmersdorf, Tempelhof-Schöneberg, Pankow) stimmten dafür.

Die Medienkampagne hat gewirkt. Die Reichen und Schönen haben im Vorfeld der Abstimmung über ihre Medien (die fünf reichsten Familien besitzen 95 Prozent der Medien) den Volksentscheid negativ begleitet. Für sie ging es ja auch um viel. Oxfam hat den exzessiven CO₂-Verbrauch der Superreichen weltweit angeprangert. Diese lebten wie ökologische Vandalen. Superreiche verursachen deutlich mehr CO₂-Ausstoß als der ärmere Teil der Weltbevölkerung. Während die Mehrheit im Schnitt  je nach Berechnung zwischen acht und zehn Tonnen CO₂ verursacht, kommen Millionäre jährlich sogar auf mehr als 100 Tonnen CO₂, Superreiche auf Tausende Tonnen pro Kopf. Zu diesem Schluss kommt eine Studie der Organisation Oxfam. Das reichste Prozent werde demnach bis 2030 für 16 Prozent der globalen Gesamtemissionen verantwortlich sein. Die Studie »CO₂-Ungleichheit im Jahr 2030: Pro-Kopf-Emissionen und das 1,5-Grad-Ziel« wurde von Oxfam auf der Weltklimakonferenz COP26 in Glasgow vorgestellt. 

Fressen und gefressen werden. Auch keine Lösung!

So, jetzt gehe ich nach Draußen, um die Motoren meiner Boliden aufheulen zu lassen; dann lasse ich die Triebwerke meines Privatjets schon mal warmlaufen. Es geht in unberührte Natur.

FRÜHLINGSANSTOSS

Frühlingsanfang! Kalendarisch (20.03.). Endlich. Es wird stetig heller. Die Zeit der spektakulären Sonnenaufgänge und
des morgendlichen Vogelgezwitschers. Die Frühblüher zeigen sich in voller Pracht. Der Schal wird überflüssig.

Am vergangenen Sonntag spielten die »Schlappekicker« bei den Eisernen in der Alten Försterei. Am Vorabend lud deshalb
die Fanabteilung von Eintracht Frankfurt die zirka 1.500 Berliner Mitglieder in ›Ritter Butzke‹ ein (18.03.). Mit Grie Soß, Ebbelwoi
und leckerer Stadion-Worscht brachte die Eintracht ein wenig Heimat mit in die Hauptstadt. Top: Die Frankfurter Grie Soß sorgte
für Frühlingsgefühle – aber auch das Stöffche. Leider hat der ›Zaubertrank‹ beim Sonntagsspiel nicht nachgewirkt. Flop: die zweite Halbzeit, Schwamm drüber. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel: beim Viertelfinale im DFB-Pokal treffen beide Mannschaften bald wieder aufeinander, diesmal in Frankfurt (04.04., 18:00 Uhr). Forza SGE! FRÜHLINGSANSTOSS.

Temporäre Revolution

Mit einem »Wochenende der Demokratie« erinnerte Berlin 175 Jahre nach der MÄRZREVOLUTION an die Barrikadenkämpfe
vom 18. und 19. März 1848. Mehr als 300 meist arme junge Menschen waren damals im Kugelhagel des königlichen Militärs umgekommen.

So wurde an der Ecke Friedrichstraße/ Jägerstraße in Anlehnung an das historische Vorbild eine Barrikade errichtet (16.–19.03.). Nicht als Beitrag für die ›unterdrückten Autofans‹ dort (die wissen die Mächtigen und die Medien auf ihrer Seite), sondern als Ausgangspunkt für stündlich startende Führungen, Spaziergänge sowie als Infozentrale.

Der Berliner Pop-Art-Künstler Jim Avignon hatte zwischen Friedrichstraße und dem Humboldt-Forum eine »Route der Revolution« markiert. Dafür hatte Avignon gemalte Figuren von zehn Berliner Persönlichkeiten aufstellen lassen, die verschiedene Aspekte der Märzrevolution veranschaulichten.

Ein temporäres Denkmal für die Barrikadenkämpfer:innen von 1848 informierte am Humboldt Forum aus einer rund fünf Meter hohen, mit Spiegeln versehenen Säulenkonstruktion, per Lautsprecher über die historischen Ereignisse.

Der 18. März 1848 gilt als wichtiger Punkt der Revolution von 1848/ 49. Die Ereignisse ebneten den Weg zur ersten geschriebenen Verfassung. Am 18. März 1848 hatten sich zahlreiche Menschen vor dem Berliner Schloss versammelt. Sie erwarteten eine Reaktion des Königs auf zuvor überbrachte Forderungen. Die erfolgte auch. Zwei Schüsse lösten einen Barrikadenkampf aus, der schnell das Stadtzentrum erfasste.

Über die damaligen Ereignisse hatte ich bereits zweimal in diesem BLOG-FEED gepostet. In dem Beitrag »MÄRZGEFALLENE (18.03.2022)« und »Deutschland! Was im März errungen (14.07.2020)«.