WER HAT HIER SCHLECHTE LAUNE?

Dit is die ›Nörgel-Hauptstadt‹ Berlin! »Ach Du Schande, fängt ja jut an, der Tach.« So begann stets die legendäre West-Berliner Fernsehserie »DREI DAMEN VOM GRILL« (11 Staffeln, 1977/ 78–1991). Die Damen vom Grill servieren wieder kross gebratene Currywurst mit selbstgemachter Ketchupsoße. Denn die Serie wird zurzeit Samstagnachmittags im rbb-Fernsehen wiederholt. 

MAX RAABE ist ein Mann von Stil und Benimm – und sogar sein Humor ist geschmackvoll: schwarz und trocken. Der ausgebildete Opernsänger hat sich auch Schlagern und Couplets der 1920er- und 30er-Jahre verschrieben und ist damit international erfolgreich. Doch Max Raabe ist keiner, der aus der Zeit gefallen ist. Mit seinen geistreichen, verschmitzten Pop-Alben trifft er den Nerv
der Gegenwart und fragt jetzt: »Wer hat hier schlechte Laune?« Mit seiner wundervollen Baritonstimme vertreibt Max Raabe sie (Quelle: neueste CD gleichen Titels/ 14.10., Max Raabe & Palast Orchester).

WER, WER HAT HIER SCHLECHTE LAUNE?
Wer, wer hat hier keine Lust?
Wer, wer hat hier schlechte Laune?
Wer, wer hat hier gerade Frust?

Manchmal gibt es Tage,
da hängt man einfach durch,
da hat man ’ne Visage,
wie ’n schlecht gelaunter Lurch.

Die Stimmung ist im Keller,
und kommt doch nicht mehr rauf.
Die Sonne ist verschwunden,
Und geht auch nicht mehr auf.

Wer, wer hat hier schlechte Laune?
Wer, wer hat hier keine Lust?
Wer, wer hat hier schlechte Laune?
Wer, wer hat hier gerade Frust?

Brauchst du ʻne Umarmung, ein Kuss oder ʻn Keks?
oder die gezogen‘ für unterwegs?
Willst du Schokolade oder Teddybär?
Hast du ’ne Blockade?
Komm setzt dich mal her.

BTW: Mit ANNETTE HUMPE (siehe HIER im BLOG-FEED unter ›IDEAL‹ vom 1.11.2020) hat Max Raabe unter anderem »Ein Tag wie Gold« geschrieben. Der wuchtige Big-Band-Song ist das Titelstück der vierten Staffel von »BABYLON BERLIN«. Hier geht das Palast Orchester noch einmal richtig aus sich heraus. 

HÖRNCHEN

Die Universitätsbibliothek der TU und der UdK Berlin zeigt die Pilz-Skulptur MY-CO SPACE. Die Holz-Pilz-Skulptur aus Pilzmycel steht im Lichthof. Das bewohnbare Pilzhaus in Form eines Iglus kann zu den Öffnungszeiten besichtigt werden (11.10.). Interessierte sollen mit dem Baustoff und ›Alleskönner Pilz‹ bekannt gemacht werden. Hierbei werden die Möglichkeiten einer nachhaltigen Nutzung für Bau, Kleidung und viele andere Einsatzbereiche aufgezeigt. Über das Brandverhalten des Baustoffes konnte ich bislang noch nichts in Erfahrung bringen. Die Skulptur ist ein Projekt des Berliner SciArt-Kollektivs MY-CO-X. Spannend.

Das Haus lebt.

LIGHTSEEING

Während schon am Heizen gespart und darüber debattiert wird, wie dunkel die Metropole Berlin im Winter werden muss, lassen ›wir‹ es mit dem FESTIVAL OF LIGHTS noch einmal ›so richtig krachen‹. Die Veranstalter versprechen einen um 75 Prozent reduzierten Stromverbrauch im Vergleich zum Vorjahr. Bis zum kommenden Sonntag (16.10.) dauert das Lichtspektakel noch, bei dem 35 Sehens-
würdigkeiten bei Dunkelheit spektakulär inszeniert werden. Alles so schön bunt hier. Das Motto 2022: »Visions of our Future« – bevor das Licht in Deutschland ausgeht.

Vollmond. Ein Selbstoptimierer (3. von rechts) eilt zur Telebörse? So kommentiert der LETZTE ROMANTIKER.

»SONDERZUG ZU LINDNER«

Heute endete das 9-EURO-TICKET. Am vergangenen Montag organisierte Campact in Berlin einen Demonstrations-»SONDERZUG ZU LINDNER« (29.08.). Der startete mit einer Pressekonferenz am Bahnhof Gesundbrunnen/ Nordkreuz. Herr Christian L. aus W. stieg dabei zum ›Pöbel‹ herab, um den Habenichtsen und Garnichtsen die »spätrömische Dekadenz« und die »Gratismentalität« auszutreiben. Apage satanas! Weiche, Satan, weiche!

Aus der Traum

Der Heinrichplatz und die dazugehörige Bushaltestelle des M29 in Kreuzberg heißen jetzt RIO-REISER-PLATZ. Der »Heini« geadelt! Vom Preußenprinz (Heinrich von Preußen 1781–1846) zum ›König von Deutschland‹. Der Umbenennungstag wurde mit einem Kiezfest gefeiert (21.08.). Rio Reisers alte Band ›Ton Steine Scherben‹ spielte wieder zusammen. Viel ist von ›den Scherben‹ aber nicht mehr übrig. »Mein Name ist Mensch«, »Keine Macht für Niemand«, »Alles Lüge« und andere ›Gassenhauer‹ über das Leben in den 1970er-Jahren westlich der Berliner Mauer hallten über den Platz. Es waren überwiegend Senioren da, um Rio Reisers (Ralph Christian Möbius, 1950–1996) posthumen Triumph zu ihrem eigenen zu machen, ihre Spätibierflaschen auf den König zu erheben und »DER TRAUM IST AUS« zu grölen. Da feierten sich die Veteranen der Straßenkämpfe noch einmal mit geballter Faust. Schön war die Zeit – und anders. Heute stehen die Babyboomer vor den Trümmern ihrer Träume. Willkommen in der hausgemachten Dauerkrise. Was bleibt? »Macht kaputt, was euch kaputt macht? (1969/ 70)«. Den Rollator klar zum Gefecht!

Mehrere Tausend Menschen versammelten sich am Sonntag auf dem Platz in Kreuzberg.
Ab 17:00 Uhr war kaum mehr ein Durchkommen.
Einige ›Heinis‹ kämpften gegen die Umbenennung.
Für den Rio-Reiser-Platz muss übrigens nicht mal irgendwo ein Briefkopf geändert werden. Denn den Platz gibt es gar nicht als Postadresse.
›Gedenk-Scherbe‹.
Spätibierflaschen. Mut zur Lücke.

HUNDSTAGE 

Zwischenruf zur SOMMERBILANZ 2022 (das Berliner Klima im Zeitraum 18.06.–18.08.): Im vierten Dürrejahr in Folge hatten wir bislang 23 Tage mit Temperaturen von mehr als 30 Grad Celsius und 17 TROPISCHE NÄCHTE. Hinzu kommen zahlreiche Tage, die an der 30-Grad-Marke ›schrammten‹. Aber auch an der 40-Grad-Marke wurde schon merklich ›gekratzt‹. Der Sommer 2022 wohl ein Sommer der NEUEN NORMALITÄT. Die handelnden Personen sind schon seit Jahrzehnten bestens über die Klimaentwicklung informiert. Trotzdem haben sie sich bewusst entschieden, NICHT zu handeln. Weiter so! Mit dem ›entschiedenen Vielleicht‹.

DIE AUSNEHMENDEN

Neues aus der Welt der Reichen und Schönen (»Jeder ist seines Glückes Schmied«): Manche dieser Bezieher:innen leistungsloser Transferzahlungen laufen derzeit zur Höchstform auf. Denn Manche greifen gerne schon mal in die öffentlichen Kassen (Gier frisst Hirn), rufen dabei aber stets »Haltet den Dieb«. Hin und wieder kommt das raus. Trotz konsequenter Intransparenz.

Der mutmaßliche ›Porscheminister‹ Christian Lindner verhindert eine Fortsetzung des 9-EURO-TICKETS (»Ich bin für Tempo 300. Dann kommen wir schneller an. Frag mich nicht wo.«, Wolfgang Neuss). BTW: ›Sein‹ Tankrabatt kostete übrigens fast das Vierfache des ÖPNV-Angebots ›für den Pöbel‹. In der aktuellen Koalition wedelt der Schwanz mit dem Hund. Das erfreut die interessierten Kreise. Und wird in den privaten Qualitätsmedien sowie dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk (ÖRR) wohlwollend begleitet. Berauscht von der neoliberalen Ideologie – und dem Champagner.
 
Tweet des Tages
@elhotzo
»Für jedes Kind, das wegen des 9-€-Tickets einen schönen Ausflug machen kann, verschwindet ein Bläschen aus dem Champagnerglas von Christian Lindner.«
Zitiert nach TAGESSPIEGEL/ Checkpoint, 09.08.2022
Das ›Deutsche Fernsehballett‹, 1962 gegründet, wurde 2021 weggespart. Zum Ausbruch des Ukraine-Krieges das deutsch-polnische Magazin »Kowalski & Schmidt«. Zugunsten von ›Schunkelsendungen‹ wie »Die 30 Schönsten …«, »Klassiker der …« – und Wiederholungen rauf und runter.

Lukrative Beraterverträge und Luxus auf Kosten von Beitragszahler:innen: Nach massiver Kritik ist PATRICIA SCHLESINGER als rbb-Intendantin zurückgetreten (07.08.2022). Während das rbb-Programm in die Beliebigkeit und seichte Unterhaltung gespart wurde (»Bloß nicht langweilen«), soll sich die Intendantin pro Jahr eine sechzehnprozentige Gehaltserhöhung ›gegönnt‹ haben. Und zusätzliche Boni-Zahlungen (für umgesetzte Sparziele). Geht doch! Man kennt sich von Charity. Zu vom ÖRR-Sender bezahlten Abendessen in Schlesingers Villa, kamen bekannte Gäste: Diplomat Wolfgang Ischinger, Publizist Michael Wolfssohn, Ex-Charité-Chef Max Einhäupl – und Berlins Polizeipräsidentin Barbara Slowik.

Zitat des Tages

»Frau Dr. Slowik hat die Information darüber, dass die Kosten für ein Abendessen bei der Familie Schlesinger und Spörl dem RBB in Rechnung gestellt wurden, mit großem Erstaunen und Irritation am gestrigen Tag zur Kenntnis genommen. Es war für sie in keiner Weise ersichtlich, dass dieses Treffen einen beruflichen Hintergrund hatte. Frau Dr. Slowik und ihr Mann wurden von dem schon seit Längerem privat bekannten Ehepaar Schlesinger und Spörl zur ›Einweihung der neuen Wohnung mit Freunden‹ eingeladen. Auch die Gesprächsinhalte waren rein privater Natur.«
Berliner Polizeisprecher Thilo Cablitz über einen Besuch seiner Präsidentin Barbara Slowik.

»Die Freundschaften, die spontan zwischen hohen Funktionsträgern entstehen, kannte man in Bayern lange als ›Amigos‹.«
Marcel Luthe, der Ex-Abgeordnete des Abgeordnetenhauses (AGH) von Berlin und Wahl-Anfechter der Berliner Wahlen 2021, zum selben Thema.

Zitiert nach TAGESSPIEGEL/ Checkpoint, 09.08.2022

Neiddebatte! Verschwörungstheorie! Putins Propaganda! Extremistischer Ausbruch eines Wutbürgers …
 
Unsere Gesellschaft wurde nachhaltig entsolidarisiert (»Basta!«, 2005). Die ›Schnäppchenjäger:innen‹ geben den ›Sparfüchs:innen‹ gerne und huldvoll Spartipps (»Wenn sie kein Brot haben, dann sollen sie doch meine selbstgebackenen [?] Hartz-IV-Kekse essen«, Pfuschi von der Leyen, 2010). Oder sie pochen auf noch mehr Leistung. So forderte kürzlich der Sozialdemokrat (›Seeheimer‹) und Neu-Bankster Sigmar Gabriel für die kommenden zehn Jahre: »Darum müssen die Deutschen länger und härter arbeiten« (FOCUSonline nach Bild am Sonntag, 24.07.2022). Der bibelfeste SPD-Arbeitsminister Franz Müntefering brachte es bereits 2006 auf den Punkt: »Wer arbeitet, soll etwas zu essen haben, wer nicht arbeitet, braucht nichts zu essen« (frei nach der Bibel aus 2Thess). Das Prekariat wächst wie gewünscht (»Die Hunde bellen, die Karawane zieht weiter.«, Helmut Kohl, 1982). Jetzt droht die Luft ›da Oben‹ dünner zu werden, und die Reichen und Schönen wollen sich gerne ›unterhaken‹. Putzig. Bei den AUSGENOMMENEN? 

»Die Zukunft ist auch nicht mehr das, was sie einmal war.«, Karl Valentin.

Wolf Biermann, 1974
Warte nicht auf bessre Zeiten

[…]

Wartest du auf bessre Zeiten
Wartest du mit deinem Mut
Gleich dem Tor, der Tag für Tag
An des Flusses Ufer wartet
Bis die Wasser abgeflossen
Die doch ewig fließen

Manche raufen sich die Haare
Manche seh ich haßerfüllt
Manche seh ich in das Wolltuch
Des Schweigens eingehüllt
Manche hör ich abends jammern
»Was bringt uns der nächste Tag
An was solln wir uns noch klammern
An was? An was? An was?«

Wartest du auf bessre Zeiten …

Manche hoffen, daß des Flusses
Wasser nicht mehr fließen kann
Doch im Frühjahr, wenn das Eis taut
Fängt es erst richtig an
Manche wollen diese Zeiten
wie den Winter überstehn
Doch wir müssen Schwierigkeiten
Bestehn! Bestehn! Bestehn!

Warte nicht auf bessre Zeiten
Warte nicht mit deinem Mut …

[…]

Wartet nicht auf bessre Zeiten
Wartet nicht mit Eurem Mut
Gleich dem Tor, der Tag für Tag
An des Flusses Ufer wartet
Bis die Wasser abgeflossen
die doch ewig fließen
die doch ewig fließen

Wolf Biermann, 1966
Die hab ich satt

[…]

3
Was haben wir denn an denen verlorn:
An diesen deutschen Professorn
Die wirklich manches besser wüßten
Wenn sie nicht täglich fressen müßten

Beamte! Feige! Fett und platt! – die hab ich satt!

20. JULI

Heute wäre MAX LIEBERMANN (1847–1935) 175 Jahre alt geworden. Als am Tage der nationalsozialistischen Machtübernahme ein Fackelzug der SA vor seinem Haus am Pariser Platz vorbeimarschierte, rief Liebermann den berühmten Satz: »Ick kann jar nich soville fressen, wie ick kotzen möchte.«

Max Liebermann gehört zu den Schlüsselfiguren des Impressionismus. Er war der Kopf der Berliner Secession und, bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten, Präsident der Akademie der Künste. In seiner nach seinen Plänen gebauten und 1910 bezogenen VILLA (Bild) am Wannsee schuf der Maler sein bedeutendes Alterswerk. Zum 80. Geburtstag wurde Max Liebermann Ehrenbürger der Stadt Berlin. Doch wenige Jahre später nahmen die Nazis dem berühmten deutschen Maler seinen geliebten Sommersitz weg und machten es zum »Lager für weibliche Gefolgschaft der Deutschen Reichspost«. Im ›arisierten‹ Villenviertel
(der einstigen »Colonie Alsen«) nistete sich die SS ein. Ganz in der Nähe zu Liebermanns Landhaus (›Am Großen Wannsee 56–58‹) beschlossen am 20. Januar 1942 deutsche Spitzenbeamte beim Frühstück die vollständige ›Ausrottung‹ der europäischen Juden.

Unmittelbar vor ihrer Deportation nach Theresienstadt nahm sich Martha Liebermann am 10. März 1943 das Leben. Das Palais Liebermann am Pariser Platz versank bald darauf in Trümmern.

Heute jährt sich wieder der bedeutendste Umsturzversuch des militärischen Widerstandes in der Zeit des Nationalsozialismus (1944). Gedenkstätten DEUTSCHER WIDERSTAND: der ›Bendlerblock‹ und (im Bild) die Hinrichtungsstätte in Berlin-PLÖTZENSEE.

Heute ist der bislang HEISSESTE TAG dieses Jahres. Janz Europa ächzt unter der Wärme, Berlin ooch!
Im 4. Dürrejahr seit dem 18.06.2022 in der Metropole:

11 Hitzetage (31°–38°);

7 Tropische Nächte (20,5°–22°). Ein Schelm …

Und was war noch? DREIERGIPFEL der ›Bösen alten Männer‹: Der russische Präsident Wladimir Putin (Russisches Großreich) hat sich in Teheran mit seinem iranischen Amtskollegen Ebrahim Raisi (Persisches Reich) und dem türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan (Osmanisches Reich) getroffen. Die Kriegsherren klopfen ihre Expansionsmöglichkeiten ab. Leichen pflastern ihren Weg.
Die anderen ›Bösen alten Männer‹ fühlen sich ermuntert, warten aber noch ab, bis sie im ›Windschatten‹ dieser Kriege losschlagen können.

Das Sterben, Verstümmeln & Zerstören im UKRAINE-KRIEG geht routiniert weiter; schon fast fünf Monate.

»MAKIN’ WICKY-WACKY DOWN IN WAIKIKI«

Als fulminanten Abschluss seiner zehnjährigen Intendanz an der Komischen Oper präsentierte Barrie Kosky seine rauschende Revue »All-Singing, All-Dancing Yiddish Revue«. Ein Party-Abend. ›Nur‹ 12 – aber stets ausverkaufte – Vorstellungen gab es! Trotz des Riesenerfolgs.

Ein Rausch in 1950er- und 1960er-Jahre-Kostümen von knallig bis Plüsch, ein Rausch des Tanzes, des Humors, der Mixtur aus Jazz und Volksliedern, aus Rumba und Samba und eine leichte Melancholie überwältigten das Publikum. Sinatras »My way« auf Jiddisch (Mayn weg), »Bei mir biste schön« (Bay mir bistu sheyn), »Raindrops keep fallin‘ on my head« (Tropns fun regn oyf mayn kop), alles jiddisch, alles authentisch. Dargeboten u. a. von ›The Barrie Kosky Sisters‹, ›The Freylakh Tripletts‹, ›Claire and Merna Epelbaum‹,
›The Bagelman Sisters‹.

Die funkelnde jüdische Revue geht zurück auf Kreativität und Lebenslust im »BORSCHT BELT«, jüdischen Feriensiedlungen nördlich von New York. In den 1950er- und 1960er-Jahren galt die Region als »Las Vegas der Ostküste«. Die Show dieser üppigen, witzigen, tiefsinnigen, melancholischen und internationalen jüdischen Kultur ist weitergegangen – nur woanders: in den CATSKILLS Mountains im Staat New York. In jenen Hotels, in denen Woody Allen und Bette Midler, Sammy Davis Jr. und Barbara Streisand ihre Karrieren starteten. Und wo Jiddisch nicht nur Alltagssprache, sondern auch das Idiom der Songs und Chansons, der Couplets und der Schlager gewesen war.

JIDDISCH, die alte Sprache mittel- und osteuropäischer Juden, spielt auch als Folge des Holocaust heute im Alltag Europas kaum noch eine Rolle. Kosky gab ihr mit seiner Revue eine Bühne. Wer sich nicht rasch einhörte, blickte schon mal auf die Untertitelung.

Barrie Kosky: »Diese Revue ist ein Versuch zu sagen: Die Nazis haben nicht gewonnen, Hitler hat nicht gewonnen«. ›Hitler‹ hat nicht gesiegt! Die kulturellen Verwüstungen, die der Nationalsozialismus in Deutschland anrichtete (KEIN LAND DES LÄCHELNS), konnten keine vollendeten Tatsachen schaffen. Barrie Kosky ist es zu verdanken, dass die Operette wieder vom ›braunen Schleier‹ befreit wurde. Was damit gemeint ist? Die Nazis machten diese Kunstform zur unverbindlichen und gänzlich schmerzlosen, zur seichten Unterhaltung. Dabei war die Operette in der Weimarer Zeit frech, satirisch, hoch aktuell, und zwar in allererster Linie wegen der jüdischen Textdichter:innen und Komponist:innen. 

BIGWIGS
›Auftrieb‹ der BIGWIGS: der Regierende Bürgermeister a. D., Klaus Wowereit, würdigte vor Aufführungsbeginn Barrie Kosky (unten, Mitte).
Das Staatsoberhaupt, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, spielte an diesem Abend nur eine ›marginale Rolle‹ (unten,
2. von rechts).
Kultursenator Klaus Lederer (2. von rechts) würdigte Barrie Kosky und schenkte ihm u. a. ein T-Shirt mit dem Aufdruck »Kammerindendant«.
A bisl zin, a bisl reygn,
a ruyik ort, dem kop tsin leygn, 
abi gezint, ken men gliklekh zayn. 

A shikh, a zok, a kleyd (on lates),
in keshene a dray, fir zlotes, 
abi gezint, ken men gliklekh zayn.