Aus der Traum

Der Heinrichplatz und die dazugehörige Bushaltestelle des M29 in Kreuzberg heißen jetzt RIO-REISER-PLATZ. Der »Heini« geadelt! Vom Preußenprinz (Heinrich von Preußen 1781–1846) zum ›König von Deutschland‹. Der Umbenennungstag wurde mit einem Kiezfest gefeiert (21.08.). Rio Reisers alte Band ›Ton Steine Scherben‹ spielte wieder zusammen. Viel ist von ›den Scherben‹ aber nicht mehr übrig. »Mein Name ist Mensch«, »Keine Macht für Niemand«, »Alles Lüge« und andere ›Gassenhauer‹ über das Leben in den 1970er-Jahren westlich der Berliner Mauer hallten über den Platz. Es waren überwiegend Senioren da, um Rio Reisers (Ralph Christian Möbius, 1950–1996) posthumen Triumph zu ihrem eigenen zu machen, ihre Spätibierflaschen auf den König zu erheben und »DER TRAUM IST AUS« zu grölen. Da feierten sich die Veteranen der Straßenkämpfe noch einmal mit geballter Faust. Schön war die Zeit – und anders. Heute stehen die Babyboomer vor den Trümmern ihrer Träume. Willkommen in der hausgemachten Dauerkrise. Was bleibt? »Macht kaputt, was euch kaputt macht? (1969/ 70)«. Den Rollator klar zum Gefecht!

Mehrere Tausend Menschen versammelten sich am Sonntag auf dem Platz in Kreuzberg.
Ab 17:00 Uhr war kaum mehr ein Durchkommen.
Einige ›Heinis‹ kämpften gegen die Umbenennung.
Für den Rio-Reiser-Platz muss übrigens nicht mal irgendwo ein Briefkopf geändert werden. Denn den Platz gibt es gar nicht als Postadresse.
›Gedenk-Scherbe‹.
Spätibierflaschen. Mut zur Lücke.

KURTCHENS ZWERGE

Hannelore Mühlenhaupt lud am Sonntagnachmittag zur Ausstellungseröffnung »Zitronenernte« in das Kreuzberger ›KURT MÜHLENHAUPT MUSEUM‹ ein (08.05.). Der alte Fabrikhof ist mit ›Kurtchens Zwergen‹ und blühendem Flieder eine kleine Oase mitten in der Stadt.

In den frühen 1920er-Jahren, in denen es kaum Radios gab, war der ›Leierkastenmann‹ oft die einzige Unterhaltung auf den muffigen Berliner Hinterhöfen. Die italienisch stämmigen DREHORGELBAUER produzierten damals die meisten Instrumente für ›Kriegsversehrte‹. Von 1873 an die italienische Familie BACIGALUPO im Prenzlauer Berg. 1978 fand dort diese Tradition ein Ende.

MÜHLENHAUPT TRIFFT

Ausstellung ›MÜHLENHAUPT TRIFFT SCHINKEL UND SCHADOW‹ im bisher kaum zugänglichen Sockelgeschoss
des Nationaldenkmals auf dem Kreuzberg (05.06.–29.08.). Sehenswert!

Zum Andenken an die Soldaten der preußischen Armee, die in den ›BEFREIUNGSKRIEGEN‹ von 1813 bis 1815 umgekommen waren, ließ König Friedrich Wilhelm III. von 1818 bis 1821 das 18,83 Meter hohe NATIONALDENKMAL für die Befreiungskriege auf
dem KREUZBERG errichten. Das neugotische Bauwerk Schinkels erinnert an bedeutende Schlachten. Das von Schinkel gestaltete EISERNE KREUZ sollte alleinig für die Befreiungskriege gestiftet werden, da die Unterwerfung durch Napoleon und
die Flucht des Königspaars aus Berlin als EISERNE ZEIT empfunden worden war. Es war die erste Auszeichnung in Preußen,
die jedermann für seine Tapferkeit ohne Ansehen seines Standes verliehen werden konnte.

Mit 66 m ü. NHN ist der Kreuzberg die höchste natürliche Erhebung in Berlin. Als im Zuge der Stadterweiterung Neubauten dem Denkmal den Rang abzulaufen drohten, wurde dies von der Obrigkeit verhindert. Die Klage eines Bauherrn führte dann zu einem bahnbrechenden Urteil des Preußischen Oberverwaltungsgerichts. Kaiser Wilhelm I. ließ daraufhin das knapp 20 Meter hohe und 200 Tonnen schwere Denkmal 1878/ 1879 auf ein acht Meter hohes Podest hieven. Der neue Unterbau beherbergte zunächst ein LAPIDARIUM. In dem etwa 1.500 Quadratmeter großen Gewölbe, das seit Jahrzehnten in den Wintermonaten von Fledermäusen bevölkert ist, entstehen ungewöhnliche Perspektiven: Den germanischen Helden vom abgerissenen Tiele-Winckler-Palais im Tiergarten stehen Mühlenhaupts Kunstwerke gegenüber und zwischen den Reliefs vom berühmten Schadowschen Münzfries und weiteren nahezu fast vergessenen Schätzen Berliner Bildhauerkunst, tummeln sich Mühlenhaupts leicht bekleidete Mädchen. Geschickt illuminiert entstehen Zwiegespräche von Gestalten, die auf den ersten Blick nichts gemeinsam haben.

Ab 1888 wurde zu Füßen des Denkmals der VIKTORIAPARK mit einem 24 Meter hohen künstlichen Wasserfall angelegt, der dem Zackenfall im schlesischen Riesengebirge (PL) nachempfunden ist.

Der Bildhauer, Schriftsteller und Lebenskünstler KURT MÜHLENHAUPT gilt als Symbolfigur der Kreuzberger Bohème der 1960er-Jahre. Als »Maler der Liebe« und des »Milieus« gehört er zu den bekanntesten Berliner Künstlern der Nachkriegszeit. Hauptmotive waren für ihn die ›kleinen Leute‹, wie Putzfrauen, Kellner, Bettler, Straßenfeger, Dirnen sowie spielende Kinder, wodurch Mühlenhaupt gern mit Zille verglichen wurde. Kreuzberger:innen lieben seinen FEUERWEHRBRUNNEN am Mariannenplatz.

BAUMHARZ

Retsina, Retsina, Retsina … »Griech’ isch en Wein«. RETSINA (Ρετσίνα) ist ein weißer, trockener Tafelwein aus GRIECHENLAND (und dem griechischen Teil Zyperns).

Retsini bezeichnet Baumharz. Durch die Zugabe von Kiefernharz erhält der Retsina seinen besonderen Geschmack. Das Harz dient auch als Konservierungsmittel. Der Harzgehalt beträgt heutzutage nur noch etwa 1 bis 2 Prozent. Die modernen griechischen Winzerinnen mischen das Baumharz dem frischen, noch ungegorenen Traubensaft bei. Retsina galt als Wein der Armen. Denn der Harzanteil lag ursprünglich höher und die verwendeten Traubensorten waren von schlechterer Qualität. Die arbeitsintensive Harzerzeugung wird inzwischen seltener betrieben. Außer dem am häufigsten hergestellten und konsumierten weißen Retsina gibt es auch rote Retsina-Weine. Der geharzte Roséwein wird KOKKINELI genannt. YAMAS! Nicht nur im Kreuzberger Chamissokiez.