NEUE HORIZONTE

Kürzlich erschien im Görlitzer Senfkornverlag RAFAŁ DUTKIEWICZS Buch »Der Zauberer von Breslau«.
Anlass für einen schönen kurzweiligen Abend an der Landesvertretung Niedersachsen (17.06.).
Im fesselnden Gespräch mit Verleger ALFRED THEISSEN gab Dutkiewicz humorvoll Auskunft über seinen Werde-
gang und natürlich über seine Breslauer Jahre, hin zu bewegenden Begegnungen, aber auch schwierigen Herausforderungen.

RAFAŁ DUTKIEWICZ (re) und ALFRED THEISSEN bei der Buchvorstellung.

Rafał Franciszek Dutkiewicz (*1959) ist Politiker, Unternehmer, Universitätsdozent und Aktivist. Von 2002 bis 2018 war Dr. Dutkiewicz Stadtpräsident (entspricht einem deutschen Oberbürgermeister) der Stadt Wrocław (Breslau). In diesen Jahren seiner Amtszeit erlebte die niederschlesische Hauptstadt einen atemberaubenden wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung zu einer der blühendsten und bewunderten Metropolen nicht nur Polens, sondern ganz Europas. Seine historischen Verdienste um Breslau, aber auch um europäische Integration und die deutsch-polnische Verständigung wurden in Deutschland unter anderem mit dem Erich-Kästner-Preis und dem Deutschen Nationalpreis gewürdigt, mit dem zuvor zum Beispiel Tadeusz Mazowiecki, Václav Havel, Fritz Richard Stern, oder Anita Lasker-Wallfisch ausgezeichnet wurden.

Bei den Kommunalwahlen 2006 bekam Dutkiewicz als unabhängiger Kandidat 84,53 % der Stimmen im ersten Wahlgang: »Belarussische Ergebnisse, gefährlich«, bemerkte er hierzu trocken. Im gleichen Jahr erschien sein Buch »Neue Horizonte« (Nowe horyzonty), in denen er über die Ausübung seines Amtes reflektiert. Während der Zeit des Kriegsrechts war Dutkiewicz führend in der Untergrundbewegung »Solidarność« in Breslau aktiv. Neben Danzig war Breslau damals das Zentrum der polnischen Gewerk-
schaftsbewegung. Er berichtete über seinen abenteuerlichen Einsatz für Solidarność bis zu seiner Flucht. Auch die Erfahrungen
in Deutschland – in Freiburg – und das Kennenlernen der Schweiz und Frankreichs kamen zur Sprache. Dutkiewicz besitzt
einen Master-Abschluss in ›angewandter Mathematik‹ und einen Doktortitel in ›Formaler Logik‹. Ein erfrischender Zeitzeuge!

TÜRKISSCHIMMERND

Fahrt ins polnische ŁAGÓW (Lagow) in der Województwo lubuskie (Woiwodschaft Lebus). Ein Sonderzug der Niederbarnimer Eisenbahn (NEB) fuhr aus Berlin in einer etwa dreistündigen Fahrt zur »PERLE des Lebuser Landes«, wie Łagów auch genannt wird. Bahnhof und eingleisige Nebenstrecke werden nur noch temporär für touristische Sonderzüge genutzt. WIADUKT kolejowy w Łagowie: 25 Meter hoch, 40 Meter lang. Das Viadukt gehört zur 2015 eingestellten Bahnstrecke von Toporów nach Międzyrzecz (Bahnlinie Topper–Meseritz).


In Łagów lockt die JOHANNITERBURG (Zamek joannitów w Łagowie). Die Burg entstand nach dem Jahre 1351. Lagow gehörte
zu dieser Zeit dem evangelischen Johanniterorden, der 1810 aufgehoben wurde. Sie befindet sich auf einer Halbinsel zwischen
dem TÜRKISSCHIMMERNDEN Tschetschsee (Ciecz) und dem Lagower See (Jezioro Łagowskie). Der TSCHETSCHSEE ist der größere
der beiden malerischen Waldseen, an denen der Ort liegt. Er ist im Schnitt 19,3 tief und damit einer der tiefsten Seen Polens. Die Umrundung hat eine Gesamtlänge von 13 km. Der Lagower See entstand durch eine künstliche Teilung vom nördlich gelegenen Tschetschsee. Dessen Umrundung hat eine Gesamtlänge von 8,6 km.

Derzeit wird die Burg als Hotel und Restaurant genutzt. An gleicher Stelle befand sich im 11. und 12. Jahrhundert eine SLAWISCHE BURG. 1251 kam das Gebiet unter die Herrschaft deutscher Ritterorden. Bis 1945 war der Ort deutsch. Das bis heute von der Gemeinde geführte Wappen erinnert an die jahrhundertlange Präsenz der Johanniter in Lagow. Am Fuß der Veste entstand eine zugehörige Siedlung für Handwerker und Dienstleute. Teil der Verteidigungsanlage der Burg mit dem Burgturm waren das ›Polnische Tor (Brama Polska) und das ›Märkische Tor‹ (Brama Marchijska). Die KIRCHE ›St. Johannes der Täufer (Kościół św. Jana Chrzciciela
w Łagowie)‹ ist seit Oktober 1945 katholisch.

Die deutsche Festungs- und Verteidigungsanlage »Burschener Schleife« aus den späten 1930er-Jahren (›OSTWALL‹: 12 km lang,
30 Meter tiefe Bunker und Tunnelanlagen) verläuft 13,5 km östlich der Stadt.

›SCHLESISCHES HIMMELREICH‹              

Ausritt mit dem 9-EURO-TICKET: Am Pfingstsonntag ging es nach GÖRLITZ/ ZGORZELEC nad Nysą (05.06.). Geplant war alles ganz anders. Mit dem RE1 sollte die Fahrt ursprünglich nach Frankfurt/ Oder & Słubice führen. Beim Start am Alexanderplatz endeten
die Züge der RE1 jedoch vorzeitig am Ostkreuz: wg. »Vermüllung und nicht funktionierender Toiletten«. So ging die Fahrt kurzentschlossen mit dem RE2 via Cottbus in die Europastadt. Auf der Hin- und Rückfahrt stets auf guten Sitzplätzen. Die Züge waren übervoll, leerten sich aber zunehmend bei touristischen Hotspots (wie dem Spreewald). Je näher Sachsen kam, desto weniger Reisende trugen eine Corona-Maske.

Görlitz besitzt eine der am besten erhaltenen Altstädte Mitteleuropas. Die Stadt blieb im Zweiten Weltkrieg von Zerstörungen fast völlig verschont. Dieses besondere Stadtbild macht Görlitz zu einem beliebten Filmdrehstandort, weshalb es auch »GÖRLIWOOD« genannt wird. Der MERIDIAN der geographischen Länge 15° östlich von Greenwich, an dem sich die Mitteleuropäische Zeit (MEZ) orientiert, durchquert die Stadt. Die historische ›via regia‹ führt ebenfalls durch Görlitz. Nach wenigstens 14.000 Schritten ging es abends mit dem RB65 zurück: »Nach Hause!« – Fahr’ doch auch mal hin! Mit dem 9-Euro-Ticket am besten an Werktagen.

Witamy! Görlitz liegt zwar im Bundesland Sachsen, gehört aber historisch gesehen zu Niederschlesien (Dolny Śląsk). So kann man in vielen Restaurants ›schlesische Küche‹ genießen. Auf beiden Seiten der NEISSE findet man das ›Schläsche Himmelreich mit Kließla‹

Die Bahnhofs-Haupthalle mit ihrem 13,4 Meter hohen Tonnengewölbe (Fertigstellung 1917).

Das Jugendstil-Kaufhaus als »Grand Hotel Budapest«. Toller Kinofilm mit Tilda Swinton.
»GÖRLIWOOD«: So wurden beispielsweise die Filme »DER VORLESER« mit Kate Winslet & Quentin Tarantinos »INGLOURIOUS BASTERDS« mit Brad Pitt, …, in der Europastadt gedreht.

Blick von der Dreiradenmühle (PL) auf die Vierradenmühle (DE).

Polnischer Wein, Bacchus 2018, trocken. Lecker! Die weiße Rebsorte BACCHUS wurde in den 1970er-Jahren durch das Pfälzer Institut für Rebenzüchtung Geilweilerhof (Genbank) entwickelt. Dort lernte ich diese Sorte kennen. Wie auch damals die Scheurebe. Der Kalifornier Mike Whitney kam einst als Lehrbeauftragter an die Technische Universität in Wrocław (Breslau). Unweit von Wrocław gründete er in Zachowice ein eigenes Weingut. Mit Namen ADORIA.
 
In Polen gab es bereits im 11. Jahrhundert Weinbau. Damals wurden die Reben in den Regionen rund um Zielona Góra (Grünberg) und in der Woiwodschaft Karpatenvorland (województwo podkarpackie) angebaut. Für alle Interessierten gibt es in Zielona Góra
ein WEINMUSEUM, welches die Entwicklung des Weinbaus in Polen seit dem Mittelalter bis in die heutige Zeit aufzeigt. Seit den 1990er-Jahren leben die Weinbautraditionen wieder auf: mehr als 500 Weingüter erstrecken sich inzwischen über ganz Polen.
Der Klimawandel macht es möglich. Na zdrowie!  

EUROPABRÜCKE?

Zweiter Ausflug dieses 2. Corona-Jahres in die alte Kulturlandschaft östlich der ODER (11.08.). Über die NEUMARK ging es in die Woiwodschaft Westpommern (województwo POMORZE ZACHODNIE): Hohenwutzen, Siekierki (Zäckerick), Stare Łysogórki (Alt Lietzegöricke). Die polnischen Ortschaften haben sich in die Militärgeschichte eingeschrieben. Bei SIEKIERKI setzte 1945 die
1. Polnische Armee als Teil der Roten Armee unter Marschall Georgi Konstantinowitsch Schukow über die Oder. Dort liegt auch ein Soldatenfriedhof der polnischen ›Berlin-Kämpfer‹ (Cmentarz Żołnierzy 1 Armii Wojska Polskiego) und die ›EUROPABRÜCKE‹.

Die EUROPABRÜCKE zwischen SIEKIERKI und Neurüdnitz ist die längste Brücke an der Oder. Auf deutscher Seite sind es sieben einzelne Stahlbrücken, auf polnischer neun. Dazwischen ist eine Insel in der Oder. Früher fuhr hier ein Zug der Oderbruchbahn von Wriezen nach Stargard (heute Szczeciński). Die Brücke wurde am 15.03.1945 von der Wehrmacht zerstört. Nach dem Krieg wurde sie aus strategischen Gründen wiederaufgebaut (Sowjetische Westgruppe) und vom 28. Juni 1957 bis 2. Februar 1982 für Güterzüge genutzt. Die etwa 800 Meter lange Brücke sollte saniert werden und statt der Schienen einen Radweg erhalten. Lange fehlte das Geld. Vor zwei Jahren begannen dann tatsächlich die Polen mit dem Bau. Doch die gemeinsame Eröffnung Ende Juni 2021 platzte.
An der deutschen Grenze ist Schluss.

Der Soldatenfriedhof der Ersten Polnischen Armee wurde in Stare Łysogórki (Gemeinde Mieszkowice) kurz nach dem Zweiten Weltkrieg angelegt. Hier ruhen fast 2.000 Soldaten, die bei der Überquerung der Oder und in den Kämpfen um Berlin ihr Leben verloren. Da liegen sie in Reih’ und Glied, die Jahrgänge 1919 bis 1925. Die Jugend Europas! Bemerkenswert der einzige (?) Grabstein mit Foto. Auf 322 Grabsteinen steht »Nieznany«/ Unbekannt. Ganz in der Nähe des Soldatenfriedhofs befindet sich das Museum der 1. Polnischen Armee. Vor dem Museum steht das größte Exponat – ein Panzer, der den 1.290 km langen ›Kampfweg‹ aus Shitomir, durch Warszawa, Kołobrzeg, Gozdowice bis zur Elbe zurücklegte.

PÜCKLERS ANANAS

Erster Ausflug dieses 2. Corona-Jahres in die SCHLESISCHE LAUSITZ in den MUSKAUER PARK MUŻAKOWSKI (20.07.).
Der Muskauer Park/ Park Mużakowski wurde 2004 als gemeinsames polnisch-deutsches Kulturerbe in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen. Man schwelgt in den von Pückler erdachten Sichtachsen, erlebt, wie man seine Lieblingsfrucht – die ANANAS – noch immer in Gewächshäusern zieht. Fürst Pückler liebte die Ananas! Er selber baute die exotische Frucht leidenschaftlich und erfolgreich an.

HERMANN VON PÜCKLER-MUSKAU (1785–1871) gehört zu den faszinierendsten deutschen Persönlichkeiten des
19. Jahrhunderts. Er wurde vor allem als herausragender LANDSCHAFTSGESTALTER bekannt: genialer Gartenkünstler, Lebemann, Weltreisender, erfolgreicher Schriftsteller, Genußmensch, Frauenverehrer. – Frauen beflügelten Pücklers Geist! Dass Pücklers Beziehung zur Damenwelt eine innige war, zeigen viele Stationen im Park, nicht nur die Insel Jeannette, sondern auch zum Beispiel der Freda-Blick oder der Helminen-Weg.

Der Park wird durch die NEISSE in zwei Hälften geteilt: 300 ha liegen auf der deutschen Seite bei Bad Muskau, 700 ha auf der polnischen Seite bei Łęknica (Lugknitz). Zwei Brücken im Park überqueren die Neiße und verbinden so den deutschen und polnischen Teil miteinander. WITAMY!

Truppen der I. Ukrainischen Front Marschall Iwan Koniews überquerten dort die Lausitzer Neiße: »Nach Berlin – Sieg«. Seit Februar 1945 durchzog eine deutsche Verteidigungslinie die Parkanlagen. Am 16. April wurden Park und Stadt durch heftigen Artilleriebeschuss der über die Neiße drängenden Truppen – darunter die 2. Polnische Armee – stark zerstört. So zerfetzten nach
130 Jahren Granaten Pücklers Traum. Und der Park wucherte in einem langen Dornröschenschlaf zu. Im Herbst 1945 fielen das Schloss und große Teile der Stadt einem Brand zum Opfer. Das Schloss brannte bis auf die Außenmauern nieder.

Erst fünfzig Jahre nach Kriegsende – also 1995 – begann der Wiederaufbau des Schlosses, der 2011 abgeschlossen werden konnte. In Sichtweite des Schlosses liegt ein vierseitiger Hof mit Remise, Marstall und Beamtenwohnhäusern – der sogenannte VORWERKHOF. Die Orangerie und die Schlossgärtnerei können besichtigt werden. Ich komme wieder! Dann aber mit der WALDEISENBAHN.

На Берлин – Победа!

На Берлин – Победа! ›Na Berlin – Pobeda‹/  »Nach Berlin – Sieg«.

Berlin gedachte des 76. JAHRESTAGES DES KRIEGSENDES (08./ 09.05.). Ukrainer, Russen und Polen, deren Vorfahren die Stadt gemeinsam von der Nazidiktatur befreit hatten, wollen partout nicht mehr miteinander gedenken. Die Nachkommen der ›Rotarmisten‹ aus den GUS-Staaten feiern sowohl im TIERGARTEN als auch in Treptow. In Osteuropa löst das Erinnern oft neue Konfrontation statt Versöhnung aus. Vielen fehlt die Bereitschaft, eigene Schuld zu bekennen. Russlands Führung leugnet die Doppelrolle der Sowjetunion. Stalin war zu Kriegsbeginn Aggressor und Hitlers Komplize. Und 1945 auch nicht für alle osteuropäischen Länder ein Befreier. Putin ist Kriegspartei in der Ukraine. Ein einheitliches Geschichtsbild aller Europäer wird es sobald wohl nicht geben. Dafür sind die Erfahrungen zu vielfältig.

Das DENKMAL DES POLNISCHEN SOLDATEN UND DEUTSCHEN ANTIFASCHISTEN im nördlichen Teil des Volksparks FRIEDRICHSHAIN besteht aus einer hohen Betonsäule, die durch eine wehende Bronzefahne umschlungen wird, und einem Relief mit deutsch-polnischer Inschrift: »Za naszą i waszą wolność – Für eure und unsere Freiheit«. Etwa 180.000 Polinnen und Polen kämpften bei der Eroberung Berlins in polnischen Einheiten der ›Roten Armee‹. Sie trugen polnische Namen wie ›Tadeusz-Kościuszko-Division der 1. Polnischen Armee‹. 12.000 von ihnen kämpften in der Innenstadt, 8.892 ließen ihr Leben für die Befreiung Berlins. Die gefallenen polnischen Soldaten sind auf den Soldatenfriedhöfen in SIEKIERKI (Woiwodschaft Westpommern/ województwo zachodniopomorskie) und ZGORZELEC (Woiwodschaft Niederschlesien/ województwo dolnośląskie) an der Oder begraben.

Die Munitionsbelastung in Brandenburg ist sehr hoch. Immer noch. Manche Wälder dürfen nicht betreten werden. Selbst bei Waldbränden von den Feuerwehr-Einsatzkräften. Lebensgefahr! Nach Einschätzung des Kampfmittelräumdienstes wird es wenigstens noch 75 Jahre dauern, bis die ehemaligen Schlachtfelder bei den SEELOWER HÖHEN oder bei HALBE beräumt sind. Dort kommen auch jährlich die Gebeine Gefallener an die Oberfläche. Die Wunden in der Landschaft sind unübersehbar. Kaum ein Ort in Brandenburg ohne Soldatenfriedhof. Nie wieder Krieg!