QUERPLATTLER

In jedem Sommer feiern am dritten Juli-Wochenende tausende Menschen im »Regenbogenkiez« rund um den Nollendorfplatz, die Motz- und Fuggerstraße sowie die Eisenacher Straße und Kalckreuthstraße das LESBISCH-SCHWULE STADTFEST. In diesem Jahr fand es zum 32. Mal statt (18./ 19.07.). Den Veranstaltern zufolge ist das Fest Europas größtes queeres Event. Das Fest soll ein Symbol gegen Diskriminierung und Hass, ein Manifest für sexuelle Vielfalt und gleiche Rechte sein sowie ein Zeichen gegen Gewalt setzen.

Zum Auftakt strömten schon viele Menschen zu den sechs Bühnen und zahlreichen Ständen. Die queere Bundeswehr, queere Schornsteinfeger, queere Banker, queere Krankenhaus-Beschäftigte (darunter sogar aus einem katholischen Krankenhaus), queere Angehörige von Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS) umwarben potenzielle Fachkräfte. Politische Parteien, die queere Sportwelt und Lederlust-ige präsentierten sich. Sehr sportlich traten auch die QUERPLATTLER auf. Die kaufkräftige queere Gemeinschaft und ›Stinos‹ konnten unter erotischen Angeboten auswählen. Der Verkaufsschlager waren offensichtlich Stoffpenisse, aber auch ›Handarbeit‹ war vertreten. Und Fetisch-Kleidung und Spielzeuge. Nichts für Buchhalterseelen.

Die BVG (Berliner Verkehrsbetriebe) gibt Orientierung im Großstadtdschungel.

Mit der gesellschaftlichen Liberalisierung änderte sich auch das politische Klima in West-Deutschland. »175er« – so wurden homosexuelle Männer jahrzehntelang abwertend bezeichnet. Der Paragraph 175 des Strafgesetzbuches stigmatisierte und kriminalisierte gleichgeschlechtliche Beziehungen zwischen erwachsenen Männern bis weit in die Nachkriegszeit. Mit der Reform des Strafgesetzbuches im Jahr 1969 wurde der Paragraph 175 zum ersten Mal in der Bundesrepublik geändert. Homosexualität
unter erwachsenen Männern über 21 war nun keine Straftat mehr. 1973 wurde das Alter auf 18 Jahre herabgesetzt. Erst nach der Wiedervereinigung wurde der Paragraf 175 1994 endgültig aus dem Strafgesetzbuch entfernt. Trotzdem wurden als Homosexuelle zu Freiheitsstrafen Verurteilte erst 2002 vom Bundestag juristisch rehabilitiert.

Vor 25 Jahren bekannte sich Klaus Wowereit (*1953) mit den Worten »Ich bin schwul – und das ist auch gut so!« als erster deutscher Spitzenpolitiker öffentlich zu seiner Homosexualität. Wowereit stand damals im Berliner Wahlkampf unter massivem Druck, als ›BILD‹ seine – in seinem Umfeld längst bekannte – Homosexualität öffentlich machen wollte. Beim sich abzeichnenden Kampagnen-Journalismus einiger Medien samt den unkalkulierbaren Auswirkungen für den Wahlkampf blieb ihm nur die schnelle Flucht nach vorn. Da hat es der Spitzenkandidat der Berliner CDU für die Wahl zum Abgeordnetenhaus von Berlin 2026 einfacher. Senator Stefan Evers (*1979) ging 2015 eine ›Eingetragene Lebenspartnerschaft‹ ein und ist mittlerweile verheiratet.

Aber in manchen Bereichen kann eine bekanntgewordene Veranlagung immer noch ein Karriere-Vernichter sein. Während
im Frauenfußball lesbische Beziehungen unproblematisch gelebt werden können, werden im kommerziellen Männerfußball homosexuelle Veranlagungen strikt bestritten: es darf sie nicht geben! So viel Verlogenheit muss schon sein.

Berlin will das Diskriminierungsverbot im Grundgesetz um die sexuelle Identität erweitern. Der Bundesrat folgt dem Anliegen,
der Bundestag bisher nicht.

Wie nötig das ist, zeigen zunehmende Übergriffe auf und brutale Körperverletzungen von gleichgeschlechtlich lebenden Menschen. INCELS (Kurzform für »involuntary celibates«/ etwa: ›unfreiwillig enthaltsam‹) der rechtsextremen Jugendgruppen »Jägertrupp« und »Deutsche Patrioten Voran« rufen in den vergangenen Wochen zu Störungen und Einschüchterungen queerer Veranstaltungen
in Brandeburg und Berlin auf. Die Teilnehmerzahlen blieben jeweils im mittleren zweistelligen Bereich. In Berlin gingen in der Ver-
gangenheit eine Million Menschen beim CSD auf die Straße. Dem gegenüber standen im vergangenen Jahr ein paar Dutzend
junge Neonazis, streng abgeschirmt von der Berliner Polizei. Am kommenden Wochenende findet der 48. Berliner CSD (Christopher Street Day) statt.

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