FAUL & ZUMUTBAR

Nach der Migrationsdebatte tobt die mediale Bürgergeldkampagne. Aus ›Hartz-IV‹ war 2023 im ›Orwell-Sprech‹ das »Bürgergeld« (Hartz-IV mit Schleifchen) geworden. Zur Freude der deutschen Sozialdemokratie. »Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen«, hatte einst der bibelfeste Genosse Franz Müntefering erklärt. Den Anhängern der ›schwarzen Pädagogik‹ war das Bürgergeld aber stets
ein Dorn im Auge. Nun erhöhen die bürgerlichen Medien die Schlagzahl. Auf allen Kanälen wird die Debatte befeuert. Nicht nur
im ›Bertelsmann-Bildungsfernsehen‹ (RTL 2).

   

Das zuständige Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) plant nach Medienberichten (siehe den Post SCHLAGZEILEN unten) die Sanktionierung von FAULEN, die ZUMUTBARE ARBEIT ablehnen. Doch wie gestaltet der Gesetzgeber rechtssicher die Definition der Begriffe FAUL & ZUMUTBAR? Oder überlässt er die Einschätzung den Sachbearbeiter:innen in den Behörden? Gewissermaßen dem ›gesunden Volksempfinden‹. Oder plant der Gesetzgeber gar die Einführung der bargeldlosen Bezahlkarte (mit festgelegten Kaufoptionen) auch für Bezieher von Bürgergeld?

Zum Glück haben wir keine anderen Probleme im Lande.

NEUES SPIEL

Manege frei für die handelnden − und leider selten spaßigen − Mächtigen. Mehrheitlich Männer mit Persönlichkeitsstörungen. »Send in the Clowns« … Fügen wir uns dem Schicksal? Nein! COURAGE zeigen. Einbringen. Beteiligen. Wählen gehen. A Naughty New Year!

   

Lassen wir das vergangene Jahr hinter uns und gestalten mit viel Optimismus und Zuversicht 2024!
Ein gutes neues Jahr.

SCHLAGZEILEN

Die Politik beschwor über die Feiertage den ›gesellschaftlichen Zusammenhalt‹. Die bürgerlichen ›Qualitätsmedien‹ setzen
die Themen. Schlagzeile des ›Zentralorgans für die Interessen der Reichen und Schönen‹ − »Für Euch!« (29.12.23).
Arm durch Arbeit? Das »Gute-Jackpot-Gesetz« stoppt akute Existenzsorgen. In der Zeit »zwischen den Jahren« ermöglichten sagenhafte Jackpots ›soziale Teilhabe‹. Im Eurojackpot lagen 78−113 Millionen Euro; beim ›normalen‹ Lotto gab es 39−48 Millionen Euro (Stand: 31.12.). 
2024 − Das »Jahr der Patrioten«? Geht das Bürgertum (wieder) fremd? Zumindest kuschelt es gerne mit den Völkischen. Im Wahljahr 2024. »Die Geschichte lehrt dauernd, aber sie findet keine Schüler« (Ingeborg Bachmann).

MO VENE NATALE

Erste Weihnachtsstimmung kam beim neapolitanischen Weihnachtskonzert am 2. Adventssonntag auf (Alte Feuerwache Friedrichshain/ 10.12.). Nach drei Jahren Corona-Pause führten RACHELINA und die MACCHERONIES mit musikalischen Gästen
die liebgewordene Tradition endlich wieder fort. Zu den Musikern der Band gesellte sich eine Berliner Drehorgel, die neapolitanische Weisen spielen kann. Der fabelhafte Michele Castellarin bereicherte den Maccheronie-Sound mit seiner Mundharmonika.
Der zampognaro Alberico Larato sorgte mit seinen alten Instrumenten wie Sackpfeife (zampogna) und Zieharmonika (organetto) für
die authentische Atmosphäre. Und der Puppenspieler Roberto Lanave verzauberte Jung und Alt mit seinen selbst geschnitzten Handpuppen (guaratelle). Das Puppenspiel erzählte die die klassische Geschichte von Pulcinellas Kampf gegen Tod und Teufel.  

Bekannt sind die neapolitanischen Weihnachtskrippen.

Rachelina und ihre Musiker folgen mit dem neapolitanischen Weihnachtskonzert einer Tradition, die in der Stadt unter dem Vesuv seit dem Jahr 1698 gepflegt wird. Damals wurde die »Cantata dei Pastori – die Ballade der Hirten« hier zum ersten Mal aufgeführt. Ein Singspiel, bei dem weniger der religiöse Aspekt der biblischen Geschichte im Vordergrund steht, als vielmehr profane Alltagsgeschichten, gewürzt mit dem typischen neapolitanischen Humor. Für weihnachtliche Stimmung sorgten auch die mehrstimmigen ›Villanelle‹ der Renaissance. Ebenfalls aus Neapel: »Tu scendi dalle stelle/ O Re del Cielo« (Du steigst von den Sternen herab/ Oh König des Himmels). Aber nach der Tradition wurde es modern.

HINWEISE 

Kürzlich erschien die CD »Bevete più latte« (Trink mehr Milch) des italienischen Kinderchors »i BiRiCHiNi« & der Bigband
»the flintstones« (zu beziehen über die Site der Band).

Weltbekannt wurde die Firma Cocchi, Bacigalupo & Graffigna aus der Schönhauser Allee mit der Produktion von Drehorgeln und Orchestrien. Hierzu läuft zurzeit die Austellung »MUSICA DI STRADA. Italiener:innen in Prenzlauer Berg – Handel, Handwerk & Musik« (Museum Pankow; bis 19.10.2025).


»Frieden, Frieden, Frieden«. – Nicht nur zur Weihnachtszeit. DAS den ›Qualitätsmedien‹ und der Politik ins Stammbuch geschrieben.

UNTERGRÜNDIGES

Folge diesem weisen Fotoblog.

NACHTRAG (am 27.01.2024): QAnon nennt sich eine Gruppe, die seit 2017 von den USA aus Verschwörungstheorien mit rechts-
extremen Hintergrund im Internet verbreitet. Donald Trump gilt als prominenter ›Fan‹.

Auch das Symbol des weißen Hasen gehört ins »QAnon«-Universum: Der Bezug ist das weiße Kaninchen in »Alice im Wunderland«, dass durch »Rabbit Holes«, also Kaninchenlöcher, zwischen verschiedenen Bewusstseinsebenen wechseln kann und damit mehr Wahrheit kennt als die Wesen, die an der Oberfläche bleiben. Im Endeffekt geht es schon wieder darum, ›erleuchtet‹ zu sein. Auch als Motto »Follow the white rabbit« – also folge dem weißen Kaninchen auf dem Weg der ›Erleuchtung‹. Das war mir bislang nicht bekannt. Deshalb reiche ich diese Information hiermit nach.

PRINZENPADDER

Seit mehr als hundert Jahren wartet der PADDER über den Köpfen der Fahrgäste am U-Bahnhof ›Prinzenstraße‹ auf die Prinzessin. Dort thront der Froschkönig auf seinem Ausguck über dem nördlichen Bahnsteig (Gleis 1) der U-Bahnlinie 1. Sie ist auf diesem Abschnitt als Hochbahn unterwegs. Der U-Bahnhof wurde 1902 eröffnet. Der Froschkönig stammt aus der Königlichen-Porzellan-Manufaktur (KPM). Täglich eilen tausende Frauen achtlos am königlichen ›Wasserpatscher‹ vorbei. Schließlich wissen sie ihre goldene Discounter-Kugel sicher in ihrem Besitz. »Warte, warte«, scheint der Frosch zu rufen, »nimm mich mit, ich kann nicht so laufen wie du!«. So wartet der arme Kerl aus Kreuzberg immer noch auf seine Erlösung.

Überliefert haben uns das Märchen »Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich« die Gebrüder Grimm. Mit den zwei Botschaften: »Versprich nichts, was du nicht halten willst« sowie »Der äußere Schein kann trügen«. Jabob (1785–1863) und Wilhelm (1786–1859) Grimm verbrachten die letzten zwanzig Jahre ihres bewegten Lebens in Berlin. Auf dem ›Alten St.-Matthäus-Kirchhof‹ in Schöneberg fanden sie zusammen mit den beiden Söhnen Wilhelm Grimms ihre letzte Ruhestätte (S-/ U-Bahnhof ›Yorckstraße‹ (S2/ S25/ S26 oder U7).

BLAULICHTSCHATTEN

Am Totensonntag eines jeden Jahres gedenkt die Berliner Feuerwehr ihrer verstorbenen Angehörigen. Das Gedenken gilt nicht nur den Feuerwehrleuten, die im Einsatz ihr Leben gegeben haben, sondern auch denen, die nach einem pflichterfüllten Leben im Dienst für die Menschen der Metropole gegangen sind.

Am vergangenen Totensonntag fanden sich zahlreiche Feuerwehrangehörige zur traditionellen Kranzniederlegung am Feuerwehr-Ehrenmal auf dem Kreuzberger Mariannenplatz ein (26.11.).

An der Kranzniederlegung beteiligten sich Abordnungen der Berliner Berufsfeuerwehr, der Freiwilligen Feuerwehr, der Werk- und Betriebsfeuerwehren, der Jugendfeuerwehren, der Gewerkschaften und der Pensionärsvereinigung.
Auch im Namen der Senatsverwaltung für Inneres und Sport wurde ein Kranz niedergelegt.

Untermauert wurde die Ehrenbekundung durch Trommelwirbel und ein dezentes Trompetensolo (»Ich hatt‘ einen Kameraden«) zweier Musiker des Musikzuges der Berliner Feuerwehr.

Innensenatorin Iris Spranger fehlte bei der Gedenkveranstaltung und ließ sich durch eine Staatssekretärin vertreten. 

1902 wurde am Mariannenplatz ein repräsentatives Feuerwehrdenkmal mit Brunnenanlage errichtet. Das im Zweiten Weltkrieg beschädigte Denkmal wurde 1958 abgetragen und 1960 durch die neue Gestaltung ersetzt. Eine Reliefwand aus Kunststein erinnert an die gestorbenen Feuerwehrleute. Auf einer im Boden angebrachten Platte steht in schlecht lesbarer Schrift: »Unseren Toten«
und darunter »Berliner Feuerwehr«. 1981 kam der wunderbare Feuerwehrbrunnen von Kurt Mühlenhaupt hinzu. Er liegt dem Ehren-
mal gegenüber.

Zuletzt waren 1991 zwei Feuerwehrleute bei einem Einsatz in Neukölln ums Leben gekommen. Damals stürzte an der Gradestraße plötzlich ein Gebäude zusammen. Dadurch kippte eine Drehleiter um, die die zwei Feuerwehrmänner begrub. In Deutschland verstarben 2023 bislang sechs Feuerwehrleute im Einsatzdienst. Bundesweit wurde über den Löscheinsatz in Sankt Augustin (NRW/ 30.06.) berichtet, bei dem zwei Feuerwehrleute umkamen. 

Retten – Löschen – Bergen – Schützen. Danach handeln weltweit selbstlose Feuerwehrfrauen und -männer. Und unter erschwerten Bedingungen in Gaza, in Israel, in Syrien, in der Ukraine, …

LLLIEBE

Der offizielle Spielball für die Fußball-Europameisterschaft (EM) 2024 in Deutschland heißt »Fußballliebe«. Am Olympiastadion Berlin wurde eine gigantische Version des Spielballs enthüllt.

Zum ersten Mal wird der offizielle Spielball der Europameisterschaft mit der »Connected Ball Technology« ausgestattet sein. Der Entwickler Addidas schreibt hierzu: »Die Technologie sendet präzise Balldaten in Echtzeit an die Videoschiedsrichter (VAR). Durch die Kombination von Spielerpositionsdaten mit künstlicher Intelligenz trägt die Innovation zur halbautomatischen Abseitstechnologie der UEFA bei und ermöglicht damit schnellere Spielentscheidungen. Die in enger Zusammenarbeit … entwickelte Technologie hilft den Videoschiedsrichtern außerdem, jede einzelne Ballberührung zu identifizieren und so den Zeitaufwand für die Klärung von Handspiel- und Elfmetervorfällen zu reduzieren. Ein Aufhängungssystem in der Mitte des Balls beherbergt und stabilisiert einen ›500Hz Inertial Measurement Unit (IMU)‹-Bewegungssensor, der einen Einblick in jedes Element der Ballbewegung bietet. Der Sensor wird von einer wiederaufladbaren Batterie gespeist, die per Induktion aufgeladen werden kann.«

Der Ball besteht nicht nur aus recyceltem Polyester und einem wasserbasierten Aufdruck, sondern auch aus mehr biobasierten Stoffen als alle bisherigen offiziellen Spielbälle. Jede Schicht des Balls enthält nachhaltige Materialien wie Maisfasern, Zuckerrohr, Zellstoff und Gummi, ohne die Leistung zu beeinträchtigen.

Der Fußballliebe-Ball kostet als »Pro Ball« 150,00 Euro. Einsteigerversionen (wie den »Kids League Ball«) gibt es ab 30,00 Euro.

»Gib mich die Kirsche«! Hier halte ich den »Kids League Ball« in meinen kleinen Händen. Damit schoss ich große Löcher in
die Torwand, peng, peng. Für den Jürgen.

In der »FUSSBALLLIEBE-Dropzone« auf dem Maifeld konnten Fans den neuen Ball an vielen verschiedenen Stationen vor Ort selbst ausprobieren (15.–19.11./ 18.11.). Die Aktion feierte die Liebe zum Fußball. Sie sollte die Vorfreude auf die Europameisterschaft (EM) in Deutschland stärken.

Fußball kann so schön sein! Legendär der Ruf »Gib mich die Kirsche« (Lothar Emmerich, Dortmunder Spieler und mit 31 Treffern in der Bundesliga-Saison 1965/ 66 Torschützenkönig. Gemeinsam mit seinem kongenialen Sturmpartner Siegfried ›Siggi‹ Held mischte ›Emma‹ damals die Abwehrreihen der Bundesliga auf).

Ist der Ball zu groß für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft? War das trübe Novemberwetter der vergangenen Tage ein schlechtes Omen für die Aussichten der deutschen Kicker?

Inzwischen haben sich 20 von 24 Mannschaften für das Turnier qualifiziert. Die Deutschen sind als Gastgeber – glücklicherweise – gesetzt. Die EM beginnt am 14. Juni 2024 mit dem Eröffnungsspiel der deutschen Mannschaft gegen einen noch unbekannten Gegner in München. Das Finale wird am 14. Juli in Berlin gespielt.

IKONE

Am 15. November 1963 eröffnete an der einstigen Prachtstraße des Ostens – der Karl-Marx-Allee – das KINO INTERENATIONAL. Eine Ikone der Moderne. Das Kino International ist eines der berühmtesten Kinodenkmäler der Welt. Legendär. Der Bau wurde von den Architekten Josef Kaiser und Heinz Aust entworfen, die auch das Café Moskau und das Kino Kosmos planten.

Im einstigen Premierenhaus der DDR war für feierliche DEFA-Filmpremieren in Anwesenheit der DDR-Staatsführung alles vorhanden: eine separate Reihe mit extra Beinfreiheit, ein Repräsentationsraum für Empfänge, und sogar ein eigener Atomschutzbunker.

Seit 1992 gehört das ›International‹ zur Yorck-Kinogruppe. Nach wie vor ist das Kino International eines der wichtigsten Premierenkinos Deutschlands und empfängt nationale wie internationale Filmschaffende zu Erstaufführungen. Heute, 60 Jahre später, ist das Kino ein wichtiger kultureller Ort der Offenheit und des Aus­tauschs. Am kommenden Sonntag, 19. November, lädt das Kino zu einem ›Tag der offenen Tür‹ mit Aus­stellung, Filmposter­-Basar und Filmprogramm ein. Die Backstage-Führungen sind leider schon alle ausgebucht. Zwischen November 2023 und Februar 2024 wird es im Rahmen des Jubiläums weitere Veranstaltungen geben. Dazu werden jeden Sonntag deutsche Kinoklassiker gezeigt (U5: U-Bahnhof ›Schillingstraße‹). Zwei Monate nach der kommenden BERLINALE (die 74. Internationalen Filmfestspiele Berlin finden vom 15.–25.02.2024 statt) schließt dann das Haus für zirka 15 Monate wegen einer denkmalgerechten Generalsanierung. Dann heißt es: Auf die nächsten 60 Jahre!