COUNTDOWN

Noch vier Wochen bis Weihnachten. Am Montag nach dem Totensonntag öffnen traditionell die Weihnachtsmärkte. Deshalb heißt es jetzt vielerorts »Attacke! Auf ins Weihnachtsgetümmel.« Mit Snoo-oo-oo-oo-oopy. Gesehen aktuell am Kreuzberger Rio-Reiser-Platz, der bis August 2022 noch Heinrich Platz hieß (23.11.).


Auf dem Berliner Gendarmenmarkt findet nach fünf Jahren wieder am originalen Standort der »WeihnachtsZauber« statt. Die deutschen Weihnachtsmärkte: ›(Fr)essen‹ und ›Saufen‹ zu hohen Preisen; so kosten Bratwurst und Glühwein bereits fünf Euro. Der ewig gleiche Kitsch wird angeboten. Vorher wird mit dem BLACK FRIDAY jedoch noch der ›höchste christliche Feiertag‹ zelebriert. Dann werden Ladenhüter und Überkapazitäten zu manipulierten Rabatten online als Schnäppchen angepriesen. 

LICHTBLICK
Für besinnliche und fröhliche Weihnachtsstimmung sorgten auf der Hauptbühne RACHELINA UND DIE MACCHERONIES zusammen mit dem Schalmeienspieler (zampognaro) ALBERICO LARATO (25.11.). Stimmungsvolle pastorale Melodien gehören in ganz Italien so selbstverständlich zum Weihnachtsfest wie die Figuren der Musikanten auf den Krippen. Rechtzeitig zum Weihnachtsfest hat der italienische Kinderchor »i BiRiCHiNi« unter der Leitung von Rachelina die neue CD »ABRACADABRA« eingespielt. Ein schönes Geschenk!


Schön gestaltetes informatives Booklet mit den Liedtexten.

Das Letzte: Security und Sicherheitskontrollen an den vier Eingängen. Und mitten im »WeihnachtsZauber« ein größerer Stand
mit Küchenmessern. Ein Schelm …

MANNA 

Das Volk murrte, und Gott sprach, wie im Exodus verzeichnet ist: »Ich will euch Brot vom Himmel regnen lassen.« Gott öffnete
die »Fenster des Himmels« und ließ dieses Himmelsbrot auf die Erde kommen, von dem das Volk sich sättigen konnte. »Und doch hatte er den Wolken oben geboten und die Türen des Himmels geöffnet und Manna auf sie regnen lassen, damit sie äßen, und ihnen Himmelsgetreide gegeben« (2. Mose/ Exodus 16, 13–36).

Der König und Friedensengel Donald Trump ließ aus seinem Kampfjet im »Shutdown« Manna auf seine Untertanen regnen.
Er erstellte hierzu ein KI-generiertes Fäkalien-Video. Das verbreitete er über sein »soziales Netzwerk Truth Social« (20.10.).
Trumps frommer Wählerschaft gefällt das.


Fast jeder in Deutschland kennt Alois Hingerl, den Münchner im Himmel. Dort soll der Münchner Grantler als Engel Aloisius täglich im Akkord frohlocken. Manna soll er trinken. »Des kennt’s selber saufa«, brummelt er sich in Rage. 

BRASIL EM CONCERTO

BRASIL EM CONCERTO 2025/ 26 – Lançamento do programma. Das Eröffnungskonzert der Reihe »Brasilianische Klänge« war
der brasilianischen Romantik gewidmet und umfasste Werke von Carlos Gomes, präsentiert von Pablo Rossi (Klavier) und Adriane Queiroz (Sopran). Aus dem Programm: Lieder von Carlos Gomes, darunter Ave Maria, Suspiro d’Alma, Noces d’Argent, Quem Sabe, u.a.

Antônio Carlos Gomes (1836–1896), geboren in Campinas, gilt als der bedeutendste brasilianische Opernkomponist und einer
der wenigen Lateinamerikaner, die sich im Europa des 19. Jahrhunderts behaupten konnten. Sein Werk, das durch die Verschmelzung
des italienischen Erbes mit einer ausdrucksstarken und dramatischen Lyrik gekennzeichnet ist, nahm Elemente des Verismo vorweg,
die Komponisten wie Puccini und Mascagni beeinflussen sollten. Gomes bereitete den Weg für die Etablierung der ernsten Musik
aus Brasilen.

Zum Jubiläum der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Nordamerika (The unanimous Declaration of the thirteen united States of America, 1776, ›Die einstimmige Erklärung der dreizehn vereinigten Staaten von Amerika‹) komponierte er die Hymne »Saudação do Brasil« (1876). Das Oratorium »Colombo« für Chor und Orchester zur Vierjahrhundertfeier der Entdeckung Amerikas durch Columbus gilt als ein Schlüsselwerk der brasilianischen Musikgeschichte. Außerdem komponierte Gomes eine Messe, Canzonetten, Männerchöre, Lieder und Klavierstücke.

Die in den Jahren 1868 bis 1870 entstandene Oper »Il Guarany« gilt als Meilenstein der brasilianischen Musikgeschichte. Sie
feierte ihre Uraufführung an der Mailänder Scala und wurde anschließend in ganz Europa gespielt. Giuseppe Verdi sagte nach der Uraufführung, Gomes beginne da, wo er selbst aufgehört habe (»Questo giovane comincia dove finisco io!«). Brasilianische Botschaft in Berlin/ 11.11., Eintritt frei.

SE Rodrigo de Lima Baena Soares. 

CHORO LIVRE

Konzert der Gruppe »Choro Livre« na Embaixada. Mit mehr als vier Jahrzehnten Erfahrung ist die Gruppe »Choro Livre« einer der wichtigsten Vertreter der brasilianischen Instrumentalmusik. Bekannt für ihre technische Rafinesse und ihre Fähigkeit, Virtuosität und Sensibilität zu verbinden, präsentiert die Gruppe ein Repertoire, das die Wege des Choro, Samba, Bossa Nova, Frevo und Baião beschreitet und die Vielfalt und Raffinesse der brasilianischen Musik offenbart.

»Choro Livre« wurde in Brasília gegründet und hat sich als internationale Referenz etabliert. Die Gruppe trat in mehr als 30 Ländern auf und bildete Generationen von Musikern durch die »Escola Brasileira de Choro« aus, die vom Mandolinisten Reco do Bandolim, dem Präsidenten des »Clube do Choro de Brasília«, gegründet wurde.

Die Gruppe (von links), bestehend aus Valério Xavier (Pandeiro), Márcio Marinho (Cavaquinho), RECO DO BANDOLIM (Mandoline), George Costa (6-saitige Gitarre) und Henrique Neto (7-saitige Gitarre), lud das Publikum zu einer Reise durch die Geschichte und
die Rhythmen Brasiliens ein, mit Interpretationen, die sich durch Authentizität und die ansteckende Freude des Choro auszeichnen.

Das Programm des Abends umfasste Klassiker des Genres und Eigenkompositionen, die die Seele der brasilianischen Musik widerspiegeln, Meister wie Pixinguinha, Ernesto Nazareth und Jacob do Bandolim würdigen und die Vitalität einer Tradition offenbaren, die sich in ständiger Erneuerung befindet. Brasilianische Botschaft in Berlin/ 14.11., Eintritt frei.

Hinweis: Pablo Rossi wurde bereits im Post REGENWALD (17.05.2025), Adriane Queiroz im Post CONCERTO DE NATAL (07.12.2024), Márcio Marinho im Post BRASILIDADES (14.12.2024), die »Gruppe Choro Livre« im Post CARINHOSO (16.09.2023) vorgestellt. 


PANTANAL

Die UN-Klimakonferenz 2025 (COP30/ 30. Weltklimakonferenz) findet in Belém – Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaates Pará – statt (10.−21.11.). Die gute Nachricht: Das 3-Grad-Ziel der Klimaerwärmung wird jetzt schneller erreicht. Auch die Klimakipp-Punkte im Erdklimasystem werden jetzt früher überschritten.

Die Ausstellung »Água Pantanal Fogo – Wasser Pantanal Feuer« (Brasilianische Botschaft in Berlin, 03.09.−28.10.). Ein künstlerisches Porträt des brasilianischen PANTANAL, dem größten Binnenfeuchtgebiet der Erde. 

SCHLANGENKNÄUEL

Fahrt mit dem Reisebus zum traditionellen Pfefferkuchenmarkt in die PFEFFERKUCHENSTADT PULSNITZ (Sachsen/ Oberlausitz/ Landkreisreis Bautzen). Pulsnitz ist mit seinen Pfefferkuchen in ganz Sachsen und Deutschland bekannt. Am 1. Januar 1558 erhielten die Pulsnitzer Bäcker erstmals das Recht, auch Pfefferkuchen zu backen. In Pulsnitz werden somit seit mehr als 450 Jahren Pfeffer-
kuchen hergestellt – nach überlieferten Rezepten, mit Sorgfalt und einem ausgeprägten Sinn für Qualität.
Acht PFEFFERKÜCHLEREIEN und eine Lebkuchenfabrik führen das Erbe bis heute fort. 

Die Kleinstadt zählt etwa 7.500 Einwohner. Der bundesweit einzigartige Pfefferkuchenmarkt zieht seit mehr als zwanzig Jahren an den dreitägigen Markttagen zehntausende Besucher:innen aus nah und fern an. Wer Menschenmassen nicht mag, sollte dieses Markt-Wochenende meiden. Und man muss sich für (fast) alles in langen Schlangen anstellen. 

In der gesamten Altstadt waren Stände mit − Achtung ›sächsisch‹ − Gunstgewerbe und Spezialitäten aufgebaut (08.11.). Beispielsweise mit FETTBEMMCHEN. Am Marktplatz waren alle neun örtlichen Pfefferküchlereien vertreten. Davor Schlangen.
Ich reihte mich in der kürzeste ein (»Keine Kartenzahlung möglich«). Walnuss-Pfefferkuchen, Haselnuss-Pfefferkuchen, Gewürzpfefferkuchen, ungefüllte rechteckige Pfefferkuchen mit Zartbitter-Schokolade überzogen und mit Mandeln belegt, Lebkuchenmänner. Lecker, lecker, lecker. Aber auch vor den Stammhäusern der Pfefferküchlereien: lange Schlangen. Vieles steht
im Zeichen des Pfefferkuchens: Pfefferkuchenbier, Pfefferkuchensenf, Pfefferkuchen-Klopse, Pfefferkuchen-Leberwurst und PFEFFERKUCHEN-BRATWURST (Bild). Die Eingeborenen sind sehr freundlich und hilfsbereit, nu. Sehr gut beraten wurde ich in
der Metzgerei Dürrröhrsdorfer. Interessant war der Besuch des Pfefferkuchen-Museums.

Und hier ein Hinweis für Leute mit Schlangenphobie: die Pfefferkuchen werden das ganze Jahr über in den Ladenlokalen verkauft.

Kursächsische Postdistanzsäule aus dem Jahr 1731 vor dem Schützenhaus, Nachbildung.
Die spätgotische St.-Nikolai-Kirche mit der Pfützner-Orgel. Turmbesteigung. Wegen der Schlange war ich nicht im Kirchenschiff.
Bildhauer Ernst Rietschel (1804−1861). Bekannt ist er durch von ihm geschaffenen Skulpturen wie das Goethe-Schiller-Denkmal
in Weimar oder das Lessing-Denkmal in Braunschweig. 
Pulsnitz hat seit diesem Jahr ein offizielles Maskottchen: das PFEFFERLE.

FABELHAFT 

Fahrt mit dem Deutschlandticket nach POTSDAM (05.11.). Dort Besuch dreier Ausstellungen.


FABELWESEN 

»Einhorn. Das Fabeltier in der Kunst« lautet der Titel der Ausstellung im ›Museum Barberini‹. 4.000 Jahre Einhorn-Geschichte:
Die Bandbreite der Exponate bildet eine Zeitspanne vom zweiten Jahrtausend vor Christus bis in die Gegenwart ab und umfasst
außer Gemälden und Grafiken auch Skulpturen, Manuskripte, Tapisserien, Videoarbeiten und Kunstkammerobjekte.  

Dem mythischen Fabeltier nähert sich die sehenswerte Ausstellung in 150 Exponaten. Ein traumhafter Ritt durch die Kunst-
geschichte. 

»So sieht doch kein Einhorn aus!«, monierte ein Atelierbesucher 1885 beim Anblick von Arnold Böcklins Gemälde »Das Schweigen des Waldes«. »Ach«, entgegnete der Künstler, »haben Sie eins gesehen?« Womit der Schweizer Maler im Entstehungsjahr seines dunkel gestimmten Ölbildes nicht nur ironisch auf die zeitgemäße Skepsis dem Fabeltier gegenüber zielte, sondern ebenso auf die Freiheit der Kunst. Die Anekdote umreißt aber auch die ambivalente Geschichte des Einhorns als bestens in Wort und Bild, in Kunst und Kunsthandwerk dokumentiertes Wesen, das eben doch nur ein Fabeltier ist. Dennoch ist es bis heute in unserem Bildgedächtnis omnipräsent: taucht in Literatur und Pop-Kultur auf, dient der Spielzeugindustrie als Goldesel (Aus dem Tagesspiegel, 24.10.).

Als Spielverderber betätigte sich − mal wieder − die Wissenschaft.  Denn sie hatte festgestellt, dass es sich beim vermeintlichen Einhorn-Horn um den ›Zahn‹ des Narwals handelte. Im Kupferstich eines Kompendiums zur Naturkunde spricht Michael Bernhard Valentini 1704 vom Unicornu fictitium – der schlichten Erfindung.

Einhörner können der Legende nach nur von Jungfrauen eingefangen werden. Kreischende Mädchen tummeln sich meist am Wochenende im gut sortierten Museumsshop Und fangen dort mit viel Geld Einhörner.

Die Ausstellung ist bis zum 1. Februar 2026 zu sehen. Es empfiehlt sich das »Kombiticket« mit dem ›Kunsthaus Minsk‹, ermäßigt
12,00 Euro.

Arnold Böcklin (1827−1901), »Das Schweigen des Waldes«, 1885 (Leihgabe des Muzeum Narodowe w Poznaniu, MNP).

AFFENLIEBE

Wolfgang Joop wird 80. Aufgewachsen war er in Potsdam-Bornstedt bei der Oma. Eine Werkschau würdigt ihn und stellt Joops »Affenliebe« zur Schau. Im ›Kunstraum Potsdam‹ (Schinkelhalle) widmet sich die Sonderausstellung mit 225 Exponaten den Leidenschaften von Multitalent Wolfgang Joop: Malerei, Mode, Fotografie. Erstmals werden alle Werke gleichzeitig gezeigt. Es gibt Gemälde, Zeichnungen, Fotografien, Skulpturen und natürlich Modedesigns zu sehen. Best of Joop: Affen und Engel, Joop und Wunderkind, Bornstedt und New York. 

Damit schließt sich der Kreis nach Bornstedt. Wolfgang Joop: »Als Kind war ich etwas schüchtern und flüchtete mich ganz schnell auf den Schoß meiner Großmutter mit der großen Kittelschürze. Und dann sagte sie: ›Ach Wölfi, was willst du denn von mir? Das ist doch schon Affenliebe.‹ So hatten wir auch die Idee, die Ausstellung ›Affenliebe‹ zu nennen.« (zitiert nach rbb24). 

Der Eintritt ist frei. Es wird aber empfohlen, online Zeitfenster-Tickets zu buchen. Bis 18.11./ Tram 93, Haltestelle ›Schiffbauergasse/ Berliner Tor‹ oder ›Holzmarktstraße‹. 


WOHNBLOCK

Die Ausstellung »Wohnkomplex« im Potsdamer ›Kunsthaus Minsk‹ entdeckt die künstlerischen Aspekte des seriellen Wohnbaus
der DDR. Nach der Wende wurde der industrielle Wohnungsbau umgangssprachlich als »Plattenbau« bezeichnet.

Über die Einheitlichkeit ›der Platte‹ kusierten Witze. Wie über die komplett identischen Grundrisse von Rostock (Mecklenburg-Vorpommern) bis nach Suhl (Thüringen), in denen Elektriker die Steckdosen selbst mit verbundenen Augen fänden und Gäste nie
den Weg zur Toilette erfragen müssten.

Manche DDR-Bürger:innen schätzten die Modernität und zogen gerne in Modelle wie den WBS 70 (Wohnungsbauserie 70) ein. Doch nach dem Mauerfall änderte sich die Perspektive auf die in die Jahre gekommenen Neubausiedlungen: Das frühere Privileg wurde zum sozialen Stigma, das einstige Prestigeprojekt des Sozialismus zu einem Symbol des Scheiterns.

Die Ausstellung ist bis zum 8. Februar 2026 zu sehen. Es empfiehlt sich das »Kombiticket« mit dem ›Museum Barberini‹, ermäßigt 12,00 Euro.

Uwe Pfeifer (*1947), »Kinderfasching«.
Christian Thoelke (*1973), »Kaufhalle«, 2020.

NO FUTURE & NULL BOCK

Fahrtziel Abstellgleis/ Prellbock.
Wachstum. Das Drei-Grad-Ziel bei der Klimaerwärmung wird immer realistischer. Wir schaffen das! Gesehen auf der Langen Brücke.

NETZWERK

Warum ist ein riesiges Tarnnetz vor Mies van der Rohes Nationalgalerie aufgespannt? Neugierig geworden, unterbrach ich meine Busfahrt im M29.

Das »Festival of Future Nows 2025« (etwa: ›Feier von Gegenwarten, die in der Zukunft liegen‹) startete in und um die ›Neue Nationalgalerie‹. Unter der Leitung des dänisch-isländischen Künstlers Ólafur Elíasson bespielen derzeit mehr als hundert Künstler:innen − Kollektive, Performer, Musiker − den Bau (31.10.).

Ólafur Elíasson steht für seine Inszenierung von Naturphänomenen. 2009 gründete er an der Berliner Universität der Künste sein temporäres »Institut für Raumexperimente«. Bei der zehnten Ausgabe des »Festival of Future Nows« geht es immer noch um Zukünfte. Alles greift ineinander: Stadt und Natur, Mensch und Pflanzenwelt, Regenwald und Nationalgalerie. Drei Tage lang hat
das Museum bis spät geöffnet (Event, bis 02.11., Eintritt frei).

Die Tarnnetze sind ukrainische Behelfsnetze aus Stoffresten. FABIAN KNECHT hat sie aus dem täglich durch Drohnen angegriffenen Land bezogen. Im Tausch ließ er professionelle Tarnnetze in die Ukraine schicken.
RICA MOSCO ist eine multidisziplinäre Künstlerin, Performerin und Kunstvermittlerin mit Schwerpunkt auf Textilkunst und Upcycling. Sie untersucht Schnittstellen zwischen Natur, Gesellschaft und Materialität. Moscos »Xxylem art« entsteht aus
der Auseinandersetzung mit ökologischen Fragestellungen.
Eine scheinbar kaputte Scheibe in der Neuen Nationalgalerie: »Sorrow Window« von NINA SCHULKI. Die Künstlerin simuliert
die Sprünge in der Glasfront mit einer Folie. Das beschädigte Glas bietet jetzt Angriffsfläche für einen fragilen Kunstraum.
Schuiki hat im Inneren der Nationalgalerie außerdem einen glitzernden Teppich aus Glassteinchen auslegt, der sich auf der Terrasse scheinbar fortsetzt. Vandalismus! Die Glasstückchen stammen von zerstörten Scheiben im Berliner Stadtraum.
Gesehen am 03.11. in Schöneberg.

DIE SCHEUNE

Mit «berlin modern» entsteht in der deutschen Hauptstadt unweit des Potsdamer Platzes und des Tiergartens – in direkter Nachbarschaft der ›Neuen Nationalgalerie‹ von Mies van der Rohe, der Philharmonie und der Staatsbibliothek von Hans Scharoun – ein Prestigeprojekt der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK): das Museum für die Kunst des 20. Jahrhunderts.

Die Nutzfläche wird zirka 16.000 Quadratmeter umfassen. Davon sind etwa 9.000 Quadratmeter als Ausstellungsflächen vorgesehen.

Der Neubau und die benachbarte ›Neue Nationalgalerie‹ werden unterirdisch verbunden sein und zeigen dann künftig umfangreichere Kunstbestände aus der Sammlung der Nationalgalerie aus dem 20. Jahrhundert – rund 5.000 Werke. Seit Jahrzehnten konnte die ›Neue Nationalgalerie‹ ihre Bestände nur in Ausschnitten präsentieren. In der aktuellen Präsentation sind etwa nur drei Prozent der Sammlung zu sehen. Der gewaltige Baukörper entstand nach Plänen des Schweizer Architekturbüros Herzog & de Meuron. Seit der Entwurfsplanung wurde die Bauausführung weiterentwickelt, um das Haus sozial, ökologisch nachhaltiger und teilhabegerechter zu gestalten. Das Museum ist der größte und teuerste Museumsbau Deutschlands. Es soll
mehr als eine halbe Milliarde Euro kosten und 2029 fertiggestellt sein. Am vergangenen Freitag war Richtfest für die ›big wigs‹.
Der Rohbau, der bereits zu großen Teilen errichtet ist, öffnete erstmals seine Türen für die Öffentlichkeit (18./ 19.10.).
Die Besucher:innen erhielten Einblicke in die künftigen Ausstellungsräume. Die Berliner Schnauze taufte das Gebäude bereits
im Wettbewerbsverfahren 2016 SCHEUNE.

L’CHAIM 

Die Hamas hatte das Nova-Festival am 7. Oktober 2023 überfallen. Die Ausstellung mit dem Titel »October 7, 06:29 AM – The Moment Music Stood Still« rekonstruiert das Festival-Gelände. Von den 3.000 Besuchern wurden 411 ermordet, Hunderte verletzt und 43 nach Gaza verschleppt. Die Hamas hat die Geiseln zwei Jahre lang gefangenen gehalten, grausam gefoltert, vergewaltigt oder verhungern lassen.

Hinter dem Projekt steht die »Tribe of Nova Foundation«, nach Berlin wurde es in Zusammenarbeit mit Vertretern der hiesigen Musik- und Kulturszene geholt.

Zu sehen sind originale Zelte, Campingutensilien und ausgebrannte zerschossene Autos. Gezeigt werden auch zurückgelassene persönliche Gegenstände der Besucher, die Fotos der Opfer, Videos vom Angriff der Hamas, Installationen und persönliche Berichte von Überlebenden und Angehörigen der Opfer. Im Loop sind die Stimmen und Geräusche zu hören.


Der mörderische Angriff war der schlimmste auf Juden seit dem Holocaust. Es folgte täglicher Dauerbeschuss mit hunderten Raketen aus Gaza sowie dem Libanon − und der GAZA-KRIEG, den Israel mit dem erklärten Ziel führt(e?), die Geiseln zu befreien und die Hamas zu vernichten. Zuletzt wuchs die internationale Kritik am Vorgehen der rechtskonservativen Netanjahu-Regierung im Gazastreifen und am unsäglichen Leid der palästinensischen Zivilbevölkerung. Seit Kriegsbeginn wurden in Gaza mehr als 67.000 Palästinenser:innen getötet. Durch den Domizid und Demozid in Gaza liegen noch Hunderte verschüttete Leichen in und unter den Trümmern.



Der Nahostkrieg wird inzwischen auch in Berlin verbissen ausgetragen.

Seit dem 7. Oktober 2023 erleben wir in Deutschland eine neue Welle des Antisemitismus. Er zeigt sich in altem und neuem Gewand – immer lauter, immer unverschämter und immer öfter auch in Form von Gewalt. Aktuell wurden Menschen jüdischen Glaubens in einer queeren (!) Neuköllner Szene-Kneipe nicht bedient und des Lokals verwiesen (18.10.). Teilnehmende hatten kürzlich auf der verbotenen Gaza-Demonstration am Berliner Alexanderplatz auf Arabisch eine »Wiederholung des 7. Oktober« gefordert. Der Berliner Musiker Andrej Hermlin, der bis 2023 Mitglied der Linkspartei war, kritisiert eine zunehmende Cancel-Culture und Boykott-Aktionen in der Kulturszene gegen Künstler, die mit den Geiseln der Hamas solidarisch sind. Hermlin spricht von ›Kultur-Stalinisten‹.

Als ich die Ausstellung verließ, drang die haTiqwah/ הַתִּקְוָה in meine Ohren: »Solang noch im Herzen eine jüdische Seele wohnt und nach Osten hin, vorwärts, das Auge nach Zion blickt, solange ist unsere Hoffnung nicht verloren, …« (Naphtali Herz Imber, 1856–1909). Seit dem 7. Oktober 2025 herrscht eine fragile Waffenruhe. Die überlebenden Geiseln konnten zu ihren Familien zurückkehren.

Die Ausstellung ist in der ehemaligen Abflughalle (Zenralflughafen) des entwidmeten Tempelhofer Flughafens bis zum 16.11. zu sehen. Die Ausstellungs-Site wird von von der Firma Eventim betrieben und bietet wenig Informationen. Es können auch Karten vor Ort gekauft werden. Die Altersbeschränkung beachten.