MEILENSTEIN

In Berlin gibt es inzwischen Gedenkstätten für die Opfer des Holocaust, für Sinti und Roma, für LGBTQ+-Menschen und für Menschen mit Behinderungen. Nun ist endlich die Zeit auch für die Opfer von Krieg und Besatzung in Polen gekommen. 

Polen war das Land, das 1939 von Hitler-Deutschland als erstes überfallen wurde und für immer von der Weltkarte verschwinden sollte. Es hatte bis 1945 rund sechs Millionen Opfer zu beklagen. Das waren etwa 17 Prozent der damaligen Bevölkerung. Das Ausmaß der deutschen Zerstörungswut war nicht nur in direkten Kampfhandlungen zu sehen, sondern in der brutalen Besatzungs-
herrschaft und planmäßigen Massenmorden an Zivilisten. Heute, 80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, gibt es in Polen kaum eine Familie, die dieses Trauma nicht kennt. Im Nachkriegs-Deutschland (in der Bundesrepublik) blieben die Täter und Kriegs-
verbrecher in der Regel unbehelligt. Sie konnten sogar lukrative Karrieren begründen. 

Im Jahr 2012 fragte deshalb Władysław Bartoszewski, zweimaliger polnischer Außenminister (1995 und 2000−2001), Auschwitz-Überlebender und langjähriger deutsch-polnischer Brückenbauer, warum es in Berlin eigentlich kein Denkmal für die polnischen Opfer der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg gibt. 


Am Montag wurde mit einem knapp 30 Tonnen schweren Findling der Gedenkort des Überfalls von Nazi-Deutschland auf seinen Nachbarn Polen eingeweiht (16.06.). Mitten in Berlin zwischen Reichstagsgebäude und Bundeskanzleramt. Hier stand einst die KROLL-OPER. In der Kroll-Oper tagte seit dem Brand des gegenüberliegenden Reichstagsgebäudes das Scheinparlament der Nationalsozialisten. Hier verkündete Adolf Hitler am 1. September 1939 den deutschen Überfall auf Polen, mit dem der Zweite Weltkrieg begann. Die Inschrift auf der Bodenplatte lautet:

»Polskim ofiarom nazizmu i ofiarom niemieckiej okupacji i terroru w Polsce 1939−1945«
»Den polnischen Opfern des Nationalsozialismus und den Opfern der deutschen Gewaltherrschaft in Polen 1939−1945«.


Der Gedenkstein sei auch Symbol für das Gewicht der Geschichte. Seine Inschrift auf Deutsch und Polnisch sei »gewissermaßen
ein Schwur«, stellte Wolfram Weimer, Staatsminister für Kultur und Medien, fest. »Nie soll Leid der Polinnen und Polen, das von deutschem Boden ausging, in Vergessenheit geraten.« Es solle kein Schlussstein sein, sondern ein Zeichen für den Weg der Auf-
arbeitung. Ein MEILENSTEIN im deutsch-polnischen Verhältnis! »Gedenken funktioniert nicht ohne Wissen«, so Heiko Maas,
Ex-Bundesminister (2013−2021) und Präsident des Deutschen Polen-Instituts (seit dem 1. Januar 2024). »Vielen Deutschen ist
das Ausmaß der deutschen Verbrechen in Polen nicht bekannt«, so Maas. 


In den ›Sozialen Medien‹ in Polen laufen Rechtskonservative seit Tagen Sturm gegen den Gedenkstein. In einem regelrechten Shitstorm ist die Rede von einem »Stein der Schande«, gar von »deutscher Frechheit«. Der PiS-Politiker und Ex-Regierungschef Mateusz Morawiecki schreibt auf ›X‹: »Statt echter Wiedergutmachung − Blumen unter einem Felsen«. Der 57-jährige Ex-Banker Morawiecki leitete als Ministerpräsident die PiS-Regierung (2017−2023). Polens neuer Präsident Karol Nawrocki, der am 6. August 2025 sein Amt antreten wird, hatte bereits vor seiner Wahl angekündigt, dass er die Bemühungen um Kriegsreparationen fortsetzen wolle. 

Nach polnischen Schätzungen schuldet Deutschland Polen Reparationen in Höhe von 1,3 Billionen Euro. Das sollen die deutschen Urenkel bezahlen. Im Windschatten der deutschen Verbrechen, geschahen weitere Gewaltakte. Das hatte Deutschland erst ermöglicht. Die sowjetische Okkupation nach dem »Hitler-Stalin-Pakt«/ auch »Molotow-von-Ribbentrop-Pakt« (1939−1941) und endgültige Annexion von Ost-Polen (1944−1948). Die Sowjetunion gewann damals ungefähr 52 Prozent des gesamten polnischen Staatsgebiets.

Der Stein ist ein Provisorium. An dieser Stelle ist der Bau eines deutsch-polnischen Hauses geplant. Ein endgültiger Beschluss
des Bundestags über ein Mahnmal steht bislang noch aus. Provisorien bestehen oft lange. Sehr lange. Zu lange.

Liebe Landsleute, beschäftigt euch endlich mit unserem Nachbarn im Osten. Interessiert Euch für die polnische Geschichte und Kultur. In Polen heißen die Deutschen NIEMCY, das bedeutet »STUMM« (niemy). Interessiert euch für die polnische Sprache. Wir brauchen »Brückenbauer«.

LORE 2  

Auf dem Gelände der ehemaligen Bockbierbrauerei befand sich bis 2016 in den erhaltenen Gebäuden und den neu erstellten Flachbauten eine bunte Gewerbe- und Kulturszene mit Kleinhandwerk, Weinhandel und Kultureinrichtungen. Dann wurde das Gelände an den Investor Bauwert AG verkauft. Der Gewerbehof wurde entmietet und zerstört. Nun sind hochpreisige Luxus-
wohnungen und Bürogebäude siebengeschossig in die Höhe gewachsen. In den historischen Kellern hatte der Käufer den Bau
von Tiefgaragen geplant.

Luxuswohnen über Nazi-Waffenfabrik. Das überzeugt. Beworben werden die dringend benötigten 130 Luxuswohnungen in Anzeigen auf Immobilienscout24: »Neue Bockbrauerei – Urban leben mit Flair – Kaufpreis 398.000–5.988.000 Euro.« Schnapper! Die Bauwert AG sorgt zusammen mit der Politik dafür, dass die Reichen und Schönen von der Straße kommen. Von der alten Brauerei ist nur das Schwankhaus geblieben. Dort wurden einmal die Bierfässer gereinigt (»geschwenkt«). Die vorderen zur Schwiebusser Straße gelegenen Keller durften abgerissen werden. Sie waren baulich von den anderen Kellern getrennt.


Zweiter Weltkrieg. Im Berliner Stadtgebiet baute TELEFUNKEN vier Kelleranlagen unter den Tarnnamen »Lore 1« bis »Lore 4«.
Von Lore 1, 3 und 4 ist heute kaum noch etwas erhalten. Die Keller wurden umgebaut oder abgerissen. Anders verhält sich dies bei »LORE 2« in der ehemaligen Kreuzberger Bockbierbrauerei: Sämtliche Keller sind im Originalzustand vollständig erhalten. Ab 1943 richteten sich die Luftangriffe der Alliierten in Berlin gezielt gegen kriegswichtige Großbetriebe. Die Rüstungsindustrie versuchte
als Reaktion darauf, ihre kriegswichtige Produktion unter die Erde zu verlagern. Die Telefunken-Röhren waren in Funkgeräten, Radareinrichtungen und in der Raketennavigation verbaut. Im heutigen Chamisso-Kiez nutzte Telefunken in den Jahren 1944/ 45
die Kellergewölbe der Bockbierbrauerei, wo sie unter dem Tarnnamen »Lore 2« eine unterirdische Rüstungsfabrik einrichtete. Bei Bau und Inbetriebnahme waren KZ-Häftlinge sowie Zwangsarbeiter:innen eingesetzt worden. Rund 300 Menschen arbeiteten hier
in Zwölf-Stunden-Schichten − ohne Tageslicht. »Lore 2« war nur wenige Monate in Betrieb.

Das Berliner Landesdenkmalamt stellte 2017 Teile der Brauereikeller auf Grundlage des »Irmer-Gutachtens« unter Denkmalschutz. Hierfür hatte sich »Kiez aktiv: Bockbrauerei« jahrelang eingesetzt. Das Denkmalamt hebt die große Bedeutung des Ortes hervor und nennt sie die »am besten erhaltene unterirdische Verlagerung in Berlin«. Das historische Schwankhaus samt Keller wurden 2025 an die (»eigentumsorientierte Genossenschaft«) »Ostseeplatzgenossenschaft eG« verkauft. Dank der neuen Eigentümerin durfte die Initiative »Kiez aktiv: Bockbrauerei« nun erstmalig eine öffentliche Führung durch die unterirdischen Gewölbe anbieten. Die Be-
gehung leiteten der Historiker THOMAS IRMER und der ehemalige Denkmalschützer Dr. BERNHARD KOHLENBACH (14.06.). 

Zwei Betonbunker führen in die unterirdischen Rüstungskeller. Einer steht an der Fidicinstraße 3, der andere an der Schwiebusser Straße.
Dr. BERNHARD KOHLENBACH.
In Berlin gab es rund 500.000 Zwangarbeiter:innen. Im gesamten Deutschen Reich 20.000.000.
THOMAS IRMER.
Im alten Gärkeller.

Dass die Keller auch künftig öffentlich zugänglich sein sollen, hat die Genossenschaft Ostseeplatz eG zugesagt. Vielleicht die nächste Begehung zum Denkmaltag im September (am Wochenende 13./ 14.09.)? Die Diskussion über die künftige Gestaltung dieses »authentischen Ortes« beginnt jedoch erst. Die Konzeptentwicklung soll gemeinsam von Denkmalschützern, Historikern und der Zivilgesellschaft getragen werden. So der Wunsch. Jetzt wird noch um die Finanzierung gerungen.

AMAZONSTRASSE


Der AMAZON-TOWER mit markanter Fassade am Bahnhof ›Warschauer Straße‹. Mit 142 Metern Höhe und 36 Geschossen ist
das »EDGE East Side Berlin« (Eigenschreibweise) janz schön jroß − für Berliner Verhältnisse. In Berlin ist der Tower vorübergehend
das zweithöchste Bürogebäude. Wolkenkratzer beginnen aber erst ab 150 Meter Höhe. Berlins erster Wolkenkratzer wird mit
176 Metern Höhe der »Estrel-Tower« in Neukölln. Am Montag war der Umzug der ersten 700 Beschäftigten in das neue Forschungs- und Entwicklungszentrum abgeschlossen (16.06.). Amazon beschäftigt dort 2.500 Menschen, 3.000 haben Platz. First we take Friedrichshain, then we take the world! »Berlin vs Amazon« stellt fest: der Konzern löst weitere Verdrängung im Kiez aus.

›Scherzkekse‹ benannten den Bahnhof in der Nachbarschaft schon mal in AMAZONSTRASSE um. Und überklebten Bahnsteig-
schilder. Wenn auch falsch auseinander geschrieben.


FLAMMENTORE 

Im Berliner Stadtbezirk Friedrichshain-Kreuzberg befindet sich an der Wiener Straße 64 die FEUERWACHE KREUZBERG. Sie trägt die Wachnummer 1600. Die Wache ist am Tag mit 11 und in der Nacht mit 10 Einsatzkräften besetzt. Die Wache 1600 ist auch Betreuungswache der Freiwilligen Feuerwehr Kreuzberg (1601). Die ›flammenden Graffiti‹ sind stadtbekannt.


GRAFFITI GEGEN GRAFFITI
Immer wieder war die Straßenseite der Feuerwache durch ›Schmierereien‹ verunziert und beschädigt. Bis dato war es die ungeliebte Aufgabe der Feuerwehrleute, die »writings« oder »tags« (Sprühereien eines Schriftzugs) zu beseitigen. Im Jahr 2001 schließlich hatten Brandoberinspektor Reimar Dölitzsch und Hauptbrandmeister Robert Munschkowski aus Kreuzberg eine zündende Idee.
Sie schlugen vor, die Fassade gezielt mit Graffiti besprühen zu lassen.

Bei einem Jugend-Aktionstag in Berlin-Marzahn traf man die Sprayer-Gruppe »Graffitnix«. Die konnte den Kontakt zu professionellen »writers« (Sprühern/ Sprayern) vermitteln. Zur 150-Jahr-Feier der Berliner Feuerwehr im Jahre 2001 wurde schließlich die Idee realisiert. Fast 25 Jahre zierten einsatzbezogene Graffiti das Gebäude. Unbehelligt von unbegabten ›Schmierfinken‹. Jetzt sind die Bilder durch neue moderne Motive ersetzt worden. Inzwischen stehen auch Frauen im herausfordernden Einsatzalltag ihren Mann.


STIEFELLETTCHEN
Auch hängenden Kinderschuhen begegnet man an dieser Feuerwache. Was aber hat es bloß mit den Schuhpaaren auf sich, die an der bunten Feuerwachen-Fassade hängen? Rund 30 Paare baumeln dort schon seit Jahren über den Köpfen der Passanten an den Nägeln der Dachschindelfläche. Die Schuhe stammen von Kindern aus Kitas und Grundschulen, die bei den Feuerwehrleuten richtiges Verhalten bei Bränden erlernen. Zum Abschluss der Schulungen wird den Kindern die Feuerwehrtechnik vorgeführt. Dazu gehört auch die Drehleiter. Und als eine kleine Tradition gilt es inzwischen, dass ein von den Kindern mitgebrachtes Schuhpaar per Drehleiter an die Fassade der Wache gehängt wird. 


Dieser Post ist IRENE KÖLBL (11.08.1961−22.07.2013) gewidmet. In liebevoller Erinnerung. An einen tollen solidarischen Menschen mit Rückgrat.

CHRISTO-BESCHWÖRUNG

Im Juni 1995 verhüllten das Künstlerehepaar CHRISTO (1935−2020) und Jeanne-Claude (1935−2009) nach jahrelanger Vor-
bereitung das Gebäude des Berliner Reichstags. Zum 30. Jahrestag dieser Aktion kehrt nun eine ›Neuinterpretation‹ der Ver-
hüllung als Lichtinstallation jeweils von 21:30 bis 1:00 Uhr nachts zurück. From dusk till dawn − von der Abenddämmerung
bis zum Morgengrauen. Alle 20 MIN wiederholt sich das Programm (bis zum 20. Juni).

Gegen 22:00 Uhr war es noch nicht dunkel genug.

REICHSTAG-WRAP

Die Verhüllung des Reichstags gilt als eines der bedeutendsten Kunstwerke im öffentlichen Raum der Nachkriegszeit. Damals wurde das Gebäude mit silbrig glänzendem Stoff eingehüllt, ein Projekt, das mehr als zwei Jahrzehnte geplant und politisch verhandelt werden musste. Christo fertigte bereits 1971 erste Skizzen an. Erst 1994 erhielt das Projekt nach langem politischem Ringen grünes Licht vom Deutschen Bundestag. Am 24. Juni 1995 war es dann endlich so weit.

Damals wurden 100.000 Quadratmeter Polypropylen-Gewebe, 15.600 Meter blaues Polypropylen-Seil und 200 Tonnen Stahl für
die Unterkonstruktion benötigt. Christo und Jeanne-Claude verzichteten bewusst auf den Einsatz von Kränen. Stattdessen wurden
80 Kletterer für die Anbringung des Materials eingesetzt. Die Aktion sorgte für eine unglaubliche magische Stimmung und freund-
liche Atmosphäre. Die Bilder vom »Wrapped Reichstag« (so der englische Originaltitel) gingen damals um die Welt. Bis zum 7. Juli zog damals die Verhüllung Millionen von Besuchern an. 

Auch ich war damals im Juli vor Ort und durfte die Magie der Christoschen Verhüllung erleben. Damals stand der Reichstag noch als einsamer Solitär auf weitem Feld. Der Umbau durch Sir Norman (Foster) hatte noch nicht begonnen. Hinter dem Gebäude verlief ehemals die Mauer. Die Schweizer Botschaft in der Nachbarschaft befand sich noch im Dornröschenschlaf. Damals gab es auch noch den Lehrter Bahnhof. Während man mit der S-Bahn vorbeifuhr, erzielte die Verhüllung durch den Stoff ganz überraschend von einer Sekunde zur anderen einen völlig anderen Eindruck − je nach Lichteinfall. Es war aufregend zum Gebäude zu laufen und den festen Stoff anzufassen. Auf dem Gelände herrschte eine feierliche entspannte Stimmung. Trotz der vielen Menschen.


Reichstagsverhüllung 2.0 

Eine Beschwörung des Geistes von Damals. Monsterprojektion. Mithilfe von 24 Hochleistungsprojektoren und KI hüllt sich
die Westfassade des Reichstages in eine Illusion aus Stoff. Doch selbst mit ausgefuchster Digitaltechnik lässt sich das raffinierte Original − dieses sinnliche Spiel mit Faltenwürfen, Plissees und Stauungen − nicht nachformen.

Die Verhüllung durch Jeanne-Claude und Christo hatte die Architektur komplett zum Verschwinden gebracht. Ganz anders
die Lichtprojektion. Säulen, Gesimse, Fenster − das alles bleibt sichtbar. Die immer gleiche Emotionslosigkeit in der Dauerschleife.

Das Projekt kostet etwa eine halbe Million Euro. Die temporäre Licht-Verhüllung wird privat finanziert. Die Veranstalter betonen,
es handle sich nicht um eine museale Rückschau, sondern um ein öffentliches, kostenfreies ›Kunstereignis‹ mit demokratischem Anspruch.

Der Zauber des ikonischen Kunstprojekts kehrt meines Erachtens nicht zurück. Die Wochenzeitung »Die Zeit« urteilte und sprach vom »Kunstflop des Jahres«. Doch man soll die Kirche im Dorf lassen. Ganz nett. Ein Fast-Food-Event. Quasi ein Kunst-Quickie.
Was fehlte mir: der ERDBEERMOND war trotz wolkenlosem Himmel auch nach 23:15 Uhr nicht zu sehen (11.06.).

Handies klar zum Gefecht! Hintergründig; beliebt auch Selfies: ICH und der Reichstag.
Links eine Großbaustelle, rechts das Besucher-Zentrum des Bundestages, im Rücken ebenfalls eine Großbaustelle.

Christo parkt ein − er hat noch einen Käfer in Berlin

Christo in der NEUEN NATIONALGALERIE. Parallel zur Lichtinstallation zeigt die Neue Nationalgalerie jetzt ein weiteres Werk
von Christo und Jeanne-Claude: »Verpackter Volkswagen Käfer Saloon« (seit 11.06.).  

Das Künstler-Ehepaar hatte 1963 anlässlich einer Ausstellung in Düsseldorf erstmals einen VW-Käfer verpackt. Die Arbeit mit
dem Titel »Verpacktes Auto« existierte jedoch nur für kurze Zeit − die Hülle musste auf Wunsch des Besitzers wieder entfernt werden. Er wollte Autofahren.

Mehr als 50 Jahre später, im Jahr 2014, verpackte Christo erneut ein solches Modell − Baujahr 1961 in mintgrün. Seine Frau war da bereits verstorben. So entstand das Werk mit dem Namen als Hommage an die frühere Aktion.

Das Kunstwerk ist Teil der Ausstellung »Zerreißprobe. Kunst zwischen Politik und Gesellschaft«.

Dit is Christo!

BLÜMCHENSEX

Die trauen sich was! Trotz Kälte im Mai (ja) und anhaltender Trockenheit. Blüten im Frühsommer. Aber: sie finden mich
im Vorübergehen, die urbanen Blümchen. Sexy.

Schwertlilie.
Blaue (na ja) Waldrebe.
Kugellauch.
Dahlie.
Akelei.
Noch ’ne Akelei.
Garten-Dreimasterblume.
Kornblumen und Ringelblume.
»Weiß wie Schnee, das ist die SGE« – Nein, Hagelunwetter am Freitag (16.05.).

Das HAGELUNWETTER am 16. Mai hat Berlin knapp über die Marke von 100 Litern Niederschlägen pro Quadratmeter seit Jahres-
beginn gehievt. Fünf Monate sind nun vorbei. Das statistische Jahressoll liegt bei knapp 600 Litern. DAS illustriert die Dramatik
des Brandenburger Dürreproblems. Verschärft wird es durch die erwärmungsbedingt höhere Verdunstung und den wegen
des Braunkohleausstiegs in der Lausitz bald noch spärlicheren Nachschub durch die Spree. Die Berliner Wasserversorgung dürfte
das Großthema der nächsten Jahre werden. Da freut man sich über die weitsichtige Tesla-Ansiedlung im Wasserschutzgebiet bei Grünheide.

»SPARGEL, HEPP«.

Sonntägliche Fahrt in die Mittelmark zum Spargelfest nach BEELITZ (01.06.). 

Mitten in Beelitz gibt es eine Perle, die sich erhalten hat. Die WUNDERBLUTKAPELLE. Doch, was bedeutet das: Wunderblut? Die mittelalterliche Volksfrömmigkeit bildet den geistlichen Rahmen für die Wunderblutverehrung. Bis heute wird in jeder katholischen Kirche die auf dem Altar im verschlossenen Gefäß verwahrte Hostie als Allerheiligstes − sanctissimum − verehrt. Bei Betreten und Verlassen des Kirchenraums knieen Gläubige davor und bekreuzigen sich. Im 13. Jahrhundert gewann das Abendmahlssakrament zunehmend an Bedeutung. Die Verehrung des Sakraments nahm nie da gewesene Formen an. Hostienwunder ergaben sich allgemein bei ›ritueller Nachlässigkeit‹, bei ›Glaubenszweifeln‹ und bei ›Hostienschändungen‹. Lokale Blut- und Hostienwunder bildeten die Grundlage für Wallfahrten. An der Stelle der Beelitzer Wunderblutkapelle soll sich anlässlich einer Fronleichnamsprozession im Mai 1235 ein Blutwunder ereignet haben. Durch das Blutwunder gewann das eher abseits der großen Handelswege gelegene Beelitz eine – für damalige Verhältnisse – überregionale Aufmerksamkeit. Der Ort wurde profitabel. Vermutlich versiegte in den 1390er-Jahren der Pilgerstrom nach Beelitz, weil die Büßer sich zunehmend vom aufblühenden Wunderblut-Standort WILSNACK (heute Bad Wilsnack/ Prignitz) angezogen fühlten. Der Begriff der ›jüdischen Hostienschändung‹ gelangte erst zum Ende des Jahrhunderts
in die Vorstellungswelt der Abendmahlsfrömmigkeit. 1290 fand in Paris der erste Prozess wegen einer angeblichen jüdischen Hostienschändung statt. Damit war das Thema in der Welt, um für Jahrhunderte nicht mehr zu verschwinden. 

Das Bodenniveau der Stadtpfarrkirche »Sankt Marien und Sankt Nikolai« war im Laufe der Zeit höher gelegt worden, da rings um die Kirche herum Bauschutt aus mehreren Stadtbränden angehäuft wurde. Die Wunderblutkapelle befand sich ursprünglich als ein frei Stehendes, eigenständiges Gebäude neben der Kirche. Sie kann heute von der Kirche aus betreten werden. Die achteckige Bauform der Wunderblutkapelle erinnert an frühchristliche Taufkapellen. Durch Restaurierungen passte man sie dem Zeitgeschmack des
19. Jahrhunderts an. Heute wirkt sie unspektakulär. Heute pilgern die Menschen zum BEELITZER SPARGEL.

Spargel gehört zu den kleinen Freuden des Lebens. In Brandenburg hat der Anbau eine lange Tradition. Brandenburg ist Spargelland Nummer 3 in Deutschland. Berühmt ist der Beelitzer Spargel, seit März 2018 ist er EU-weit geschützt. Der Beelitzer Spargel ist
für seinen besonders zarten und geschmacksintensiven Charakter bekannt und gilt als eine der hochwertigsten Spargelsorten Deutschlands. Besonders gut bereitet man den Spargel im Gasthaus »ALTE BRAUEREI« zu. Der imposante geschlossene Vierseiten-
hof ist seit 1650 in Familienhand. Und überlebte die TäTäRä. Der Brauerei-Betrieb musste jedoch 1925 aus Alterstgründen eingestellt werden. In Beelitz locken auch die alte Posthalterei, das Spargelmuseum und der Stadtpark.

Die Spargelsaison endet stets am JOHANNISTAG, dem 24. Juni. Damit der Spargel noch ausreichend Zeit hat, durchzuwachsen und einen grünen Busch zu bilden. Vom 24. Juni bis zum ersten Frost sind es mindestens 100 Tage. Durch die langanhaltende Trockenheit wird der Spargel im kommenden Jahr nicht mehr so dicke Stangen ausbilden können. Auch wird es Ernteeinbrüche geben. 

Eine unschöne und unvernünftige Entwicklung hat der Einsatz von Plastik und Kunststoff im Spargelanbau genommen. Der Anbau unter Folie soll immer frühzeitigere Marktreife garantieren. Der Spargel geht in den Magen. Plastik geht ins Gehirn. Aber auch in Leber und Nieren. Das wurde in diesem Jahr erstmals nachgewiesen. In Gehirnen von Demenzkranken fanden Wissenschaftler eine deutlich höhere Konzentration von Mikroplastik (etwa zehnmal soviel). Nix mit Auspinkeln!

Wunderblutkapelle.
Spargel mit paniertem Schweineschnitzel als Sättigungsbeilage und Salzkartoffeln an Spargelsoße. Top Qualität und Zubereitung! Köstlich. Keine ›getürkte‹ (Convenience) Sauce Hollandaise wie sonst leider zu häufig serviert.
Die Spargelfrauen. Auf den Feldern arbeiten in diesem Jahr Rumän:innen. »Spargel-Hepp-Rufe« beim Umzug.
Ehemalige Spargelköniginnen.
Ohne Stechschritt. Bei dieser Zugnummer brachen die Zuschauer:innen in Jubel aus. Das Preußen-Gen? »Wenn die Soldaten/ durch die Stadt marschieren,/ Öffnen die Mädchen/ die Fenster und die Türen.// Ei warum? Ei darum! Ei warum? Ei darum!/ Ei bloß wegen dem Schingderassa, Bumderassa, Schingdara!/ Ei bloß wegen dem Schingderassa, Bumderassasa!// …«.

RUMGURKEN

Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) werben mit neuen Motiven für das Deutschlandticket. Die Kampagne macht Lust auf Ausflüge und Kurzreisen. Bevor die Politik diese schöne Möglichkeit wieder einstampft.

Im Sommer 2022 begann alles mit dem befristeten 9-EURO-TICKET. Damals reiste ich nach Dessau, Görlitz, Havelberg, Ludwigslust, Magdeburg, Schwerin und ins Wörlitzer Gartenreich. Alle besuchten Orte sind hier im Fotoblog dokumentiert. 

Im Mai 2023 startete dann das DEUTSCHLANDTICKET. Das nutze ich seitdem exzessiv für Fahrten im Rhein-Main-Neckar Raum: Darmstadt, Frankfurt/ Main, Hessische Bergstraße und Heidelberg. Und im Harz. Ferner besuchte ich 2023 Bodenwerder, Bruchsal, Bückeburg, Einbeck, Frankfurt/ Oder, Gardelegen, Halle/ Saale, Hameln, Karlsruhe, Ladenburg, Merseburg, Nordstemmen (Marienburg), Salzwedel, Stendal, Stuttgart, Tangermünde, Wolfenbüttel, Ziesar. Auch diese Fotos sind alle chronologisch hier eingestellt. 

Im vergangenen Jahr 2024 reiste ich mit dem Deutschlandticket nach Gießen, Greifswald, Rostock, Schwetzingen, Warnemünde und Wetzlar. 

In diesem Jahr nach Göttingen, Sinsheim und Wolfsburg. Aber jetzt ab Juni locken wieder schöne Ziele. Und: »Fahr‘ mal wieder U-Bahn«. Denn dort kann man pfiffige Plakate entdecken.

ÜBERALL IST BIELEFELD

Fußballwahn. Ganz Berlin in Schwarz-Weiß-Blau. DFB-Pokalfinale. Der Drittligist Arminia Bielefeld im Endspiel gegen den VfB Stuttgart. David gegen Goliath. 100.000 euphorisierte Fans von Arminia Bielefeld in der Metropole − bei rund 300.000 Einwohnern und einer Stadt, die es gar nicht geben soll. Eine beachtliche Quote. Vom VfB waren ›nur‹ rund 25.000 Fans in Berlin (bei gut
600.000 Einwohnern). Aber Schwaben stellen in Berlin die zweitstärkste Migrantengruppe (so heißt der Prenzlauer Berg
im Volksmund auch ›Schwabylon‹). Während sich die Bielefelder Fans am Alex zum Fanfest trafen, sammelten sich die Stuttgarter
am Breitscheidplatz. Die Ostwestfalen zeigten bereits im Vorfeld Humor: Großplakate am S-Bahnhof ›Messe Nord‹. Strotzend
vor Selbstbewusstsein: »Europa League, wir kommen. Bielefeld grüßt die besten Fans der Welt«.

Titelseite des KICKER (23.05.).
»Mit’m Pokal wiedr Hoim«.

Der Pokalschreck patzte. Im Finale Arminia Bielefeld : VfB Stuttgart gewinnt Stuttgart mit 2 : 4 (0 : 3). Damit spielen die Stuttgarter
in der kommenden Spielzeit in der Europa League.

REGENWALD

Das Konzert »A Voz da Floresta« (Die Stimme des Regenwaldes) des renommierten brasilianischen Pianisten Pablo Rossi ist Teil des internationalen Projekts »Music of Climate Change«. Es fußt auf der Initiative und steht unter der Leitung von Pablo Rossi und dem Philharmonischen Orchester von Santa Catarina. Ziel des Projekts ist es, die Öffentlichkeit für Umweltfragen zu sensibilisieren und das Klimabewusstsein durch Musik zu fördern. Es wird einen wichtigen Platz im offiziellen Programm der COP30 in Belém do Pará einnehmen.

Pablo Rossi zählt zu den führenden brasilianischen Pianisten der Gegenwart. Seine Aufnahmen werden weltweit hochgeschätzt.
Ein Höhepunkt ist die jüngste Gesamtaufnahme der Sonaten für Violine und Klavier von Heitor Villa-Lobos für das Label Naxos (Brasilianische Botschaft, 14.05., Eintritt frei).


Die Titel des Programms zum Nachhören:
Antônio Carlos Gomes − Ouvertüre zur Oper »Il Guarany«.
Eine Transkription der Ouvertüre zu der Oper, die vom gleichnamigen Roman von José de Alencar inspiriert wurde. Es war die erste Oper eines brasilianischen Komponisten, die in großen europäischen Theatern aufgeführt wurde, und ist bis heute die bekannteste Oper des brasilianischen Repertoires.

Heitor Villa-Lobos − »Saudades das Selvas Brasileiras« Nr. 1 & 2 und »Dança do Índio Branco« (aus dem Ciclo Brasileiro).
Ein musikalisches Abenteuer, das verschiedene indigene Themen präsentiert, die auf raffinierte Weise in die musikalische Textur integriert und in innovative rhythmische und harmonische Experimente umgesetzt werden.

Francisco Mignone – »Drei transzendentale Studien« und »Congada«.
In »Estudos Transcendentais« greift der brasilianische Komponist verschiedene Elemente auf, die für die europäische Musik
des frühen 20. Jahrhunderts charakteristisch sind. So verwendet er beispielsweise in »A Voz da Floresta« pentatonische Skalen,
die eine Klanglandschaft schaffen, die auf die Natur anspielt. Diese Klanglandschaft umfasst Elemente wie Wasser, Vögel und
die geheimnisvolle Atmosphäre des dichten Waldes.

Gábri Mesquita − »Choro do Besouro« und Eduardo Frigatti − »Fuga e Tocata ‚Epekumã‘«.
Diese speziell für das Projekt »Music of Climate Change« in Auftrag gegebenen Werke thematisieren Umweltfragen und die Dring-
lichkeit des Klimawandels auf zeitgenössische und sensible Weise.

Franz Schubert – Wanderer-Fantasie C-Dur, D. 760.
Dieses klassische Klavierstück reflektiert auf poetische Weise die Reise des Menschen auf der Suche nach Verbindung mit der Welt um ihn herum.