FENCHEL-PLANET

Global Player Fenchel? Der Fotograf Sönke Tollkühn macht ihn für uns sichtbar. Und zeigt, wie die Knolle in Zeiten der Seuchen und Kriege ihre beruhigende Wirkung entfaltet. Bei der Vernissage zur Fotoausstellung führte Gerd Gdowiokin in die ausgestellten Fotos und die heute weltweit verbreitete Gemüse-, Gewürz- und Heilpflanze ein. Der Fenchel (Foeniculum vulgare) wirkt stimmungs-
aufhellend und lindert Antriebslosigkeit. Wie die anregenden Fotos. Vom 6. Oktober bis zum 15. November 2024 im Restaurant »Z«, Friesenstraße 12, 10965 Berlin, Bushaltestelle ›Jüterboger Straße‹ (Bus 248).

Fanfare für den Fenchel (Foto: Sönke Tollkühn).
Zdrowie. Gesundheit.

ICK oder ICKE?

Ick sitze hier und esse Klops,
Uff eenmal kloppt’s.
Ick kieke, staune, wundre mir,
Uff eenmal jeht se uff, die Tür.
Nanu, denk ick, ick denk: nanu,
Jetzt isse uff, erst war se zu.
Ick jehe raus und blicke,
Und wer steht draußen? – Icke!

PECHVOGEL

50. Berlin-Marathon (29.09.). Und ich habe eine schmerzhafte Fersensporn-Entzündung. So kann ich diesmal leider nicht teilnehmen (58.000 Läufer:innen sind angemeldet; die Startgebühr beträgt 205,00 Euro; nix für Arme). In den Märkischen Sand damit. Wenn am Marathon Arme teilnähmen, würden die Medien wohl kaum berichten. Was bleibt da für mich Selbstoptimierer? Nur ein schönet Bad. Gar in Espresso? Das wäre auch rekordverdächtig.

HA-LLE-LU-JA

Mit MESSIAS im HANGAR 4 des entwidmeten Flughafens Tempelhof eröffnete die Komische Oper
die Spielzeit 2024/ 25 (21.09.–06.10./ 13 Vorstellungen).

Dort, wo einst Flugzeugmotoren dröhnten, erklangen Engelschöre mit himmlischer Musik.

Zuvor ein paar Zahlen zu den technischen Gegebenheiten im Hangar 4 – nicht für Musikpuristen: 1.800 Zuschauer:innen finden Platz. Ausverkauft. Die Bühnenfläche misst 60x 20 Meter. 400 Mitwirkende. Die LED- Ellipse aus Teil 2 und 3 besteht aus zwölf 70-Kilo-
gramm-Teilen, die nur an sechs Hängepunkten gehalten werden.

Georg Friedrich Händel, MESSIAH, HWV 56. Oratorium in drei Teilen. Libretto von Charles Jennens. Nach Bibeltexten (1741/ 42).

»Why do the nations so furiously rage together, and why do the people imagine a vain thing?
The kings of the earth rise up, and the rulers take counsel together against the Lord, and against His anointed.«

Beim Halleluja stand niemand auf. Ob es an der steilen und (gefühlt) ›halsbrecherischen‹ Zuschauertribüne lag?

Georg Friedrich Händel (1685–1759) gilt als einer der bedeutendsten Komponisten der Barockmusik. Trotzdem wirkt die Musik
von Messiah zeitlos und zieht die Menschen bis heute in den Bann.

Das Oratorium besteht aus drei Teilen: 1. Verheißung und Geburt, 2. Passion, Auferstehung und Himmelfahrt, 3. Erlösungsbotschaft für die gesamte Menschheit.

Eigentlich ist Händels Oratorium Messiah eine Reflexion über die christliche Erlösungsidee. Doch Damiano Michielettos Inszenierung MESSIAS verlässt den religiösen Rahmen und erzählt eine ›menschlich, allzu menschliche‹ Geschichte. Im Mittelpunkt steht der Kampf der krebserkrankten Brittany Maynard, die im Angesicht des Todes um ihr selbstbestimmtes Leben bis zum selbst gewählten Ende kämpft. Nicht religiöse Auferstehung bestimmt Michielettos MESSIAS, sondern das Erleben von Freiheit auf einem persönlichen unabwendbaren Leidensweg. Stoff für bewegende Bilder und starke Chor-eografien.

Dramaturgie/ Einführung: Daniel Andrés Eberhard; Musikalische Leitung: George Petrou.

Abendbesetzung (22.09.): Sopran: Julia Grüter, Alt: Katarina Bradić, Tenor: Rupert Charlesworth, Bass: Tijl Faveyts, Die Frau: Anouk Elias.

Kurz vor Beginn des 2. Teils – Scheinwerfer an. »Worthy is the Lamb that was slain, and hath redeemed us to God by His blood, to receive power, and riches, and wisdom,/ and strength, and honour, and glory, and blessing./ Blessing and honour, glory and power, be unto Him that sitteth upon the throne, and unto the Lamb, for ever and ever./ Amen«//.

Schlussbild (Teil 3): Die Frau verbringt die letzten Augenblicke ihres Lebens im Kreis ihrer Familie. Eine Lorbeerpflanze beginnt nach und nach zu grünen und zu gedeihen, was der Familie neuen Halt gibt (»The trumpet shall sound«). Die Mutter spricht tröstende letzte Worte (»If god be for us«), woraufhin Die Frau friedlich stirbt. Am Ende schreitet Die Frau ins Licht, also in den Tod. Regen fällt. Aus der Lorbeerpflanze ist ein paradiesischer Garten geworden (»Worthy is the lamb. Amen«).

Halleluja. Amen.

WAWEL ● WISLA ● WIELICZKA

Fahrt mit dem Reisebus nach KRAKÓW (Krakau) an die obere WISLA (Weichsel) in die Woiwodschaft KLEINPOLEN (Województwo małopolskie/ 29.08.–01.09.). Die Millionenstadt Krakau ist die zweitgrößte Stadt Polens.

Die Rückfahrt am 1. September ging vorbei an Auschwitz (Oświęcim) und Gleiwitz (Gliwice). Stilles Gedenken an den 85. Jahres-
tag des deutschen Überfalls auf Polen und den Beginn des Zweiten Weltkrieges. Der Satz »Seit 5:45 Uhr wird zurückgeschossen«, den der ›Führer‹ vor 85 Jahren in das Mikrofon bellte, war gleich eine doppele Lüge. Bekanntlich wurde nicht »zurück«geschossen. Denn die Luftwaffe hatte bereits gut eine Stunde zuvor einen Bombenangriff auf Wieluń geflogen, einer Kleinstadt östlich von Breslau.
Das war der Start für den brutalen Vernichtungskrieg Deutschlands gegen die Völker Osteuropas.

Die deutschen Besatzer wollten bei ihrem Abzug Krakau – wie schon 1944 Warschau – dem Erdboden gleich machen. Zum Glück war die Rote Armee schneller. Sie befreite die Stadt am 18.01.1945.

Es folgen die sieben Beiträge: KRAKAU MOBIL; KÖNIGLICH; KRAK & SMOK; KULINARIK; Bereichernd: STRADOM & KAZIMIERZ; Schöner Wohnen: NOWA HUTA; KINGAS WUNDER: Wieliczka.

Notabene: Ursprünglich hatte ich eine Zugreise von Krakau über die Hohe Tatra und durch Galizien nach Lemberg (Liwiw) geplant. Da fiel Rußland in die Ukraine ein. Auch in der Westukraine treffen Raketen und Gleitbomben zivile Ziele und Kulturstätten. Auf Galizien wurde ich durch Joseph Roths Roman RADETZKYMARSCH aufmerksam.

Altpolnische Tracht mit Wollmantel und Kolpak, gesehen in der Tuchhalle am Rynek: 33 Grad Celsius ließen den Träger lächeln.

Grafitto am S-Bahnhof Podgórze. Es stellt den Sieg der polnisch-litauischen Armee über den Deutschen Ritterorden dar (Schlacht
bei Grunwald, 1410).

Karol Józef Wojtyła, der spätere Pabst Johannes Paul II. (1920–2005), war aufs Engste mit Krakau verbunden. Er wird dort besonders verehrt. Johannes Paul II. war der erste Pole auf dem Papstthron und der erste Nicht-Italiener seit 456 Jahren. Sein Pontifikat dauerte mehr als 26 Jahre. Im Turbo-Verfahren wurde er bereits 2014 heilig gesprochen.

Krakau MOBIL

Nach Krakau verkehren 16 Mal täglich Züge von Berlin über Posen oder Breslau. Man muss nicht mit der sterbenden Deutschen Bahn (DB) fahren. Auch die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) bedienen die Strecke. Zuvervlässig, pünktlich, mit Comfort, und preis-
günstig. Die Fahrtzeit für die 550 Kilometer beträgt in der Regel neuneinhalb Stunden. Während ein Reisebus trotz der vorgeschrie-
benen Lenkpausen und der erlaubten Höchstgeschwindigkeit etwa neun Stunden für die Strecke benötigt.

Das Krakauer NAHVERKEHRSNETZ ist sehr gut ausgebaut. Es gibt auch Tageskarten (24-Stunden-Tickets) zu 17,50 PLN
(= 4,40 Euro).

In Polen fahren alle Rentner:innen, die das 70. Lebensjahr erreicht haben, KOSTENFREI im öffentlichen Personennahverkehr. Undenkbar im ›Porscheland Deutschland‹. Dort haben die ›Eckrentner:innen‹ immer weniger in der Tasche und zu lachen.

Kraków Główny/ Hauptbahnhof. Das denkmalgeschützte ehemalige Bahnhofsgebäude von 1847.

Unterirdische Empfangshalle des neuen Bahnhofs.

Der oberirdische Bahnhofsteil mit fünf Bahnsteigen und insgesamt zwölf Gleisen (davon zwei als reine Durchfahr- und Rangiergleise ohne Bahnsteig) ist als Durchgangsbahnhof konzipiert. In unmittelbarer Nähe befindet sich der Zentrale Omnibusbahnhof. Am Bus-
bahnhof, der außer 32 Abfahrtsbahnsteigen über ein großes Wartegebäude verfügt, starten die Fernbusse.

SKA steht für Szybka Kolej Aglomeracyjna (Agglomerationsschnellbahn). In Betrieb ging sie zum Fahrplanwechsel 2014 mit der Linie SKA1 (Kraków Główny–Wieliczka Rynek Kopalnia). Das Schnellbahnsystem befindet sich noch im Aufbau, allerdings ging beim letzten Fahrplanwechsel mit der Linie SKA3 (Kraków Główny–Tarnów) die vorläufig letzte Linie in Betrieb.  Betrieben wird die SKA von den Koleje Małopolskie (Kleinpolnischen Eisenbahnen).

KÖNIGLICH

Die KÖNIGSSTADT Krakau ist eine Stadt mit tausendjähriger Geschichte. Davon zeugt nicht nur der WAWEL. Der Wawel ist
ein nationales Symbol Polens. Der Königsweg führt über die Gasse der Kanoniker zum RYNEK mit prächtigen Patrizierhäusern,
der Tuchhalle und der Marienkirche.

Die Bronzeskulptur des Bildhauers Bronisław Chromy steht zwischen der Grunwaldzkie-Brücke und dem Wawel. Sie stellt einen Hund dar. Der Besitzer des Mischlinghundes Dżok starb in der Nähe des Grunwaldzkie-Kreisverkehrs an Herzversagen. In den folgenden Wochen und Monaten wartete Dżok treu an dieser Stelle auf seinen Herrn. Erst nach etwa einem Jahr ließ er sich von
einer neuen Besitzerin mitnehmen. Als diese aber auch bald starb, lief das Tier weg und kam beim Herumstreunen auf einem Bahnhofsgelände unter den Rädern eines einfahrenden Zuges ums Leben. Selbstmord?
 
Die Inschrift auf dem Denkmal verkündet: »Der Hund Dżok. Treuester der Treuen. Symbol der Hundetreue. Ein Jahr lang/ 1990–1991/ wartete er am Grunwaldzkie-Kreisverkehr auf seinen an dieser Stelle verstorbenen Herrn.« Die inzwischen goldene Pfote konnte ich nicht mehr streicheln, um Glück zu erlangen. Denn ich musste hurtig der Reisegruppe folgen. Der Wawel rief.

Vom riesigen Rynek schaut man zu den ungleichen goldenen Türmen der MARIENKIRCHE hinauf. Dort ertönt zu jeder vollen Stunde – rund um die Uhr und das ganze Jahr hindurch – der HEJNAL. Ein Trompetensignal, das nach wenigen Takten abbricht. Der Hejnal wird seit 1927 um 12:00 Uhr im polnischen Rundfunk gesendet. Der Legende nach warnte ein Türmer mit dem Trompetensignal
vor einem Mongolenangriff, als er von einem Pfeil tödlich getroffen wurde. Das Signal verstummte abrupt. Die gewarnte Stadt-
gesellschaft konnte den Angriff aber erfolgreich abwehren. »Spiel mir das Lied vom Tod«. Das Alarmsignal wird von einem Feuerwehr-
angehörigen in alle Himmelsrichtungen geblasen. 239 Stufen führen hinauf in die Türmerstube. Bei 33 Grad Celsius verzichtete ich diesmal darauf, dem Feuerwehrkameraden einen Besuch abzustatten. Bin keine 20 mehr.

Notabene: Mongolen, oder doch TARTAREN? Der LAJKONIK, der einen Tartarenreiter darstellt, ist fester Bestandteil der Krakauer Folklore. Und er findet sich im Kunsthandwerk wieder.

KRAK & SMOK

Der Wawelhügel liegt an der Weichsel. Dort soll nach einer polnischen Volkssage in einer Höhle der Wawel-Drache (SMOK Wawelski) gelebt haben. Das zur Zeit des legendären Stadtgründers König KRAK. Der König versuchte alles, um die Bestie aufzuhalten. In seiner Verzweiflung bot der König demjenigen, der den Drachen besiegt, die Hand seiner Tochter an. Viele scheiterten und starben. Schließlich gelang es dem Schusterlehrling Dratewka den Drachen zu töten. Der Held Dratewka heiratete Wanda. Und alle lebten fortan ohne Angst und glücklich.

Im Jahr 1970 wurde eine Metallskulptur des Wawel-Drachen vor der vermuteten Drachenhöhle aufgestellt. Alle fünf Minuten spuckt die stilisierte Drachenfigur mittels einer Erdgasdüse eine Stichflamme aus ihren Nüstern.

Jedes Jahr findet im Juni in Krakau ein großes Drachenfest mit einer bunten Drachenparade statt.

KULINARIK

Die OBWARZANKI stammen aus Krakau und gehören zu den Backwerken mit jahrhundertealter Tradition. Obwarzanek krakowski sind ein wichtiger Bestandteil des kulinarischen Erbes Krakaus und werden seit mehr als 600 Jahren in der Stadt hergestellt und gegessen. 

Das Wichtigste: der Krakauer Obwarzanek ist weder ein Bagel noch eine Brezel, wie oft fälschlicherweise angenommen wird. Der Name dieser Delikatesse kommt von der Art der Herstellung, die auf Polnisch »obwarzać«, d. h. ›im Wasser abkochen‹, genannt wird. Das Gebäck wird nämlich vor dem Backen in heißes Wasser getaucht. Doch vorher muss es entsprechend zubereitet werden. Aus Salz, Zucker, Hefe, Wasser, Mehl und Fett werden zwei Teigrollen gemacht, die »Sulki« genannt werden. Anschließend werden sie miteinander verflochten und an ihren Enden so zusammengefügt, dass ein Ring mit einem Durchmesser von 12 bis 17 Zentimetern entsteht. Obwarzanki werden mit Sesam, Salz oder Mohn bestreut. Sie werden auf den Straßen von Kraków verkauft. 2010 wurde Obwarzanek in die Liste der geschützten Erzeugnisse der Europäischen Union aufgenommen.

Ebenfalls aus Krakau stammt der BAGEL, der seit dem 17. Jahrhundert bezeugt ist, und zur jüdischen Backtradition gehört.
Auch Bagels sind ringförmige Backwaren. Im Unterschied zu Obwarzanki sind sie jedoch nicht gedreht, haben einen kleineren Durchmesser und sind von weicherer Konsistenz.

Eine besondere Bratwurst (Kiełbasy Śląskiej) aus einem blauen Kleintransporter der Marke Nysa lockt seit 1991 Abend für Abend Menschenmassen vor den Marktplatz an der ul. Grzegórzecka. Die Imbissbetreiber stellen einen Grill auf, zünden Buchenholz an und beginnen ab 20:00 Uhr bis spät in die Nacht zu grillen. Smagnego.

Wunderbare Spaghetti Aglio e Olio mit frischen Kräutern (41,00 PLN), interpretiert vom »Hotel Grand Sal« im Park Królowej Kingi
in Wieliczka.

Jüdische (Żydowska kuchnia) und Polnische Küche (Polska kuchnia) habe ich im Restauracja »AWIW« genossen.

Koschere Pierogi z mięsem.