MAINOPOLY

Der 1. Mai ist in Berlin ein anregender Tag. Stadtweit wird dieser Tag mit Veranstaltungen begangen. Das Zentrum der Feierlichkeiten rund um den »Tag der Arbeit« bildet traditionell Friedrichshain-Kreuzberg. Jedes Jahr ziehen an dem Feiertag ab mittags Zehn-
tausende in den Bezirk. Viele kommen mit den S-Bahnen und Regionalzügen aus dem Speckgürtel und aus Brandenburg, aber auch aus dem Bundesgebiet.

An der traditionellen Demonstration und Kundgebung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) beteiligten sich in der Hauptstadt nach Gewerkschaftsangaben rund 12.000 Menschen. Sie gingen unter dem Motto »Erst unsere Jobs, dann eure Profite« auf die Straße. Während etwa 10.000 ›radikale und anarchistische‹ Linke mit dem Demonstrationszug »Revolutionärer 1. Mai – Freiheit, Frieden, Solidarität.« gegen Krise, Krieg und Kapital am Abend durch Kreuzberg und Neukölln zogen, setzte der Berliner Landes-
verband der Partei ›Die LINKE‹ bei einem Fest am Mariannenplatz einen anderen Ton. Zeitgleich zur ›Weltrevolution‹ trat Rapperin Ikkimel auf – und zog damit ähnlich viele Leute wie der Unmutsprotest an. Zur »Feministischen-1. Mai-Demonstration« am Henriettenplatz (Halensee) rückten zwei Hundertschaften Bereitschaftspolizei an. Wohl, um die wachsende Frauengewalt in der Gesellschaft im Keim zu ersticken? An dieser Kundgebung nahmen bald genauso viele Frauen wie Polizisten teil.

Noch deutlich mehr Menschen gingen am Tag der Arbeit zum Feiern und Chillen raus. Mehr als 60.000 Menschen hätten sich in Grünanlagen und Parks aufgehalten. Besonders voll war es im Görlitzer Park. Wegen Überfüllung wurde der Görlitzer Park am frühen Abend geschlossen, später jedoch wieder geöffnet. Zuvor protestierten Tausende Menschen bei der Techno-Demo »Free Görli − Rave against the Zaun« gegen die nächtliche Schließung der Parkanlage.


Heraus zum 1. Mai! Ich war draußen. Love Rave im Grunewald. Satirische Angebote rund um den Johannaplatz. Mit viel Bumm Bumm und guter Laune. Das ›Quartiersmanagement Grunewald‹ hatte wieder zu »MyGRUNI«, dem »Tag der sozialen Arbeit − den Problem-
kiez abholen« eingeladen. Die inzwischen etablierten ›Sozialarbeiter‹ engagieren sich seit 2018 im ›Problemkiez‹. Die Demons-
trationen waren in den vergangenen Jahren von satirisch-künstlerischen Aktionen, Figuren und Plakaten gekennzeichnet und liefen stets friedlich ab. In den ersten Aktions-Jahren wurden jedoch Konfetti-Würfe in Vorgärten als Landfriedensbruch geahndet. Trotz jahrelanger ›aufsuchender Sozialarbeit‹ gilt das Villenviertel immer noch als wohlstandsverwahrlost sowie als Brennpunkt von Finanzkriminalität und Kapitalextremismus. 

Die Veranstalter kritisieren eine explosive Mischung aus Verachtung von Geringverdienern, konservativem Fanatismus, Law-and-Order-Fantasien, Militarismus, Kürzungen, Sozialchauvinismus und Korruption. »In Berlin wird gezündelt: Kai kürzt und sorgt
für sozialen Sprengstoff!«, so die Analyse. Und die »MyGruni«-Organisator:innen versprachen, den sozialen Sprengstoff
zurück zu seinem Ursprung ins Villenviertel zu bringen: »wir. entschärfen. berlin.« Mit Altlasten wie großkalibrigen Kürzungsbazookas, Austeritätsblastern und Repressionsgranaten kennen sich die ›Sprengmeister‹ der ›Autonomen Kampfmittelbeseitigung‹ bestens aus, wie sie betonten. »Der Wille zur Yacht und die Villen der Macht sind verantwortlich
für die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen. Hier müssen wir ansetzen.«  

Mehr als 4.200 Teilnehmer:innen des »My GRUNI-Fahrradkorso« zog es unter dem Motto »Autoverbote verbieten verboten.« an den Johannaplatz. Zu Gesellschaftsspielen wie MAInopoly (»Wir entschärfen die Spielregeln des Kapitalismus auf Berliner Straßen«); »Mensch ärgere dich doch! Spiel, Spaß & Störaktion«; zu Wettkämpfen der intergalaktischen Sportbrigade (»Kai(n) Sport für Eliten«), ›Hobby Horsing‹ nennt sich das Reiten auf einem Steckenpferd; zu Techno-Musik vom »Adenauer SRP+«. Den »Adenauer SRP+« entwickelte das »Zentrum für politische Schönheit (ZPS)« zur Bundestagswahl 2025 als Einsatzfahrzeug der wehrhaften Demokratie. Der Name spielt auf das Parteiverbot der »Sozialistischen Reichspartei (SRP)«, einer direkten Nachfolgepartei der NSDAP, 1952 durch Kanzler Konrad Adenauer an. 

BILANZ
Die U-Bahnhöfe ›Kottbusser Tor‹, ›Hallesches Tor‹ und ›Görlitzer Bahnhof‹ wurden geschlossen, die Züge hielten dort nicht mehr;
21 Bus- und acht Metrolinien fuhren veränderte Routen sowie andere Haltestellen und Ziele an. Wegen der Menschenmassen in Kreuzberg waren auch zahlreiche Straßen für Autos gesperrt. Der 1. Mai war in diesem Jahr auch der Tag des Tankrabatts. Jede Menge junge Leute drängte es zur ›Tanke‹. Die dicht belagerten Tankstellen dienten jedoch als Nachschublager für trinkbaren Sprit. Nach der Party übersäten Scherben und Glassplitter Kreuzbergs Straßen, Müllberge türmten sich in Parks. Die Berliner Stadt-
reinigung (BSR) beseitigte mit Sonderschichten die Abfälle. Insgesamt kamen bereits am Samstag rund 350 Kubikmeter Müll zusammen – doppelt so viel wie im Vorjahr. 5.300 Polizisten waren im Einsatz, darunter mehr als 2.000 aus anderen Bundesländern und von der Bundespolizei. Der 1. Mai blieb friedlich. Das gefiel nicht allen Medien.

Ziemlich beste Freunde. Sie lieben sich und fossile Energieträger. Kann denn Liebe Sünde sein?

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