»PAPAGEIENSIEDLUNG«

Die »WALDSIEDLUNG ZEHLENDORF« entstand zwischen 1926 und 1932 tief im Südwesten Berlins. Bekannt ist sie auch
unter dem Namen »Onkel Toms Hütte«. So hieß damals ein nahegelegenes Ausflugslokal und so heißt bis heute der zentrale
U-Bahnhof der Linie U3. Am vergangenen Wochenende erhielt das Flächendenkmal den Welterbestatus (25.07.). Es handelt sich jedoch um keinen neuen Eintrag in die UNESCO-Welterbeliste, sondern um eine Erweiterung der bereits 2008 anerkannten Welterbestätte »Siedlungen der Berliner Moderne«. Damit umfasst die Welterbestätte künftig sieben Siedlungen in Berlin:
die »Gartenstadt Falkenberg« im Bezirk Treptow-Köpenick (Bohnsdorf, auch »Tuschkastensiedlung«), die Siedlung »Schillerpark«
im Bezirk Mitte (Wedding), die »Hufeisensiedlung« im Bezirk Neukölln (Britz), die »Wohnstadt Carl Legien« im Bezirk Pankow
(Prenzlauer Berg), die »Weiße Stadt« im Bezirk Reinickendorf, die »Großsiedlung Siemensstadt« zwischen Spandau und Charlottenburg-Wilmersdorf gelegen, und jetzt die »Waldsiedlung«. Die Wohnanlage beidseits der ›Argentinischen Allee‹
im Südwesten der Hauptstadt ist zugleich die flächenmäßig größte der sieben Berliner Welterbe-Siedlungen.

1920 schlioss sich Berlin mit den umliegenden Gemeinden und Städten zu Groß-Berlin zusammen. Über Nacht zählten auf einmal knapp vier Millionen Menschen zur Berliner Bevölkerung. Die wegweisende Wohnanlage entstand als innovative Antwort auf Wohnungsnot, soziale Herausforderungen und unzureichende hygienische Bedingungen in der schnell wachsenden Stadt jener Zeit. Die unter dem Leitmotiv »Licht, Luft und Sonne« errichtete »Waldsiedlung Zehlendorf« gilt als eines der Hauptwerke des Architekten BRUNO TAUT (1880−1938), der sie gemeinsam mit Hugo Häring und Otto Rudolf Salvisberg plante. Die drei Architekten achteten
in ihren Entwürfen darauf, den Baumbestand aus Kiefern einzubeziehen. Charakteristisch sind ihre farbigen Fassaden, die enge Ver-
bindung von Wohnraum und Natur sowie die großzügigen Grünflächen zwischen Reihen- und Mehrfamilienhäusern. Jede Wohnung verfügt über einen Balkon, eine Loggia oder einen Garten – Ausdruck des von Taut geprägten Konzepts des »Außenwohnraums«. Hinzu kommen die bunten Fassaden − intensive gelbe, blaue, grüne oder bordeauxrote Putze, dreifarbige Fensterrahmen, farben-
frohe Eingangstüren. In Berlin erhielt die Wohnanlage deshalb schon bald von Konservativen, Völkischen und Nazis den Spottnamen »PAPAGEIENSIEDLUNG«. Er sollte die Siedlung, ihre Architektur, ihre Planer und die Bewohner als flatterhaft, frivol, promiskuitiv, familien- und ›volksfeindlich‹ diskreditieren. Insgesamt umfasst »Onkel Toms Hütte« mehr als 1.900 Wohnungen, davon etwa
1.100 Geschosswohnungen und 800 Einfamilienhäuser. Platz genug für 15.000 Menschen. Die Wohnflächen der Einfamilienhäuser sind für damalige Verhältnisse großzügig bemessen: 562 von ihnen weisen eine Fläche von 85 Quadratmetern auf, 247 Häuser haben eine Fläche von je 104 Quadratmetern.


Doch die Wohnanlage sollte ihren Bewohnern nicht nur das ländliche Idyll einer Gartenstadt bieten. 1929 erfolgte mit der Eröffnung der U-Bahn-Station ›Onkel Toms Hütte‹ die Verkehrsanbindung an das Zentrum Berlins. Den ursprünglich von Alfred Grenander entworfenen Bahnhof erweiterte Otto Rudolf Salvisberg 1931 bis 1932 durch die markanten Ladenpassagen an den Längsseiten.
Das revolutionäre Konzept, ein Einkaufszentrum direkt an einen Bahnhof anzubinden, war damals weltweit einmalig. Durch einen Großbrand im November 2020 wurde mehr als die Hälfte der Geschäfte der Ladenstraße beschädigt, mehrere Läden waren komplett ausgebrannt.


Die ›neue‹ Siedlung ist ›Traditionalisten‹ seit jeher ein Dorn im Auge. Der AfD-Kulturpolitiker und Landtagsabgeordnete aus Sachsen-Anhalt, Hans Thomas Tillschneider, bemüht immer wieder Begriffe aus dem nationalsozialistischen Vokabular. Als er im Herbst 2024 im Magdeburger Landtag das Bauhaus als »Irrweg der Moderne« bezeichnete, griff er ein direktes Zitat des NS-Ideologen Paul Schultze-Naumburg auf. Dessen Buch »Kunst und Rasse« erlangte einen wesentlichen Einfluss auf die Kulturpolitik der National-
sozialisten. Hatte Paul Schultze-Naumburg einst das Flachdach als »undeutsch« kritisiert, so folgte Tillschneider der Argumentation zumindest indirekt. Die Ideen des Bauhauses würden »traditionellen und kulturell verankerten Vorstellungen von Wohn- und Lebensräumen« widersprechen. Ein »globaler Einheitsbrei« habe »lokale Identitäten« verdrängt (Quelle: Tagesschau, 06.09.2025).

NOTABENE: ›Gutes Wohnen‹ beinhaltete für die Architekten mehr als bunte Fassaden. Sie wollten für ›einfache‹ Menschen bauen; waren gegen Grund und Boden im Privatbesitz. Deshalb wurde die »Waldsiedlung« in Berlin errichtet. Anfang der 2000er-Jahre wurde die gemeinnützige Eigentümergesellschaft Gehag jedoch privatisiert. Genossenschaftsbesitz ging mehrheitlich an den börsennotierten Investmentkonzern »Deutsche Wohnen (DW)« über. Einfamilienhäuser an Ärzte und Anwälte.

HINWEIS: In der Zeit vom 27.−30. August begeht die Waldsiedlung ihr 100. Bestehen. Und lädt zu einem Festival. Höhepunkt und Abschluss bildet das WELTERBEFEST rund um den U-Bahnhof am Sonntag, 30.08., ab 10:00 Uhr. Tolles Programm! Fahr‘ mal hin!

Hinterlasse einen Kommentar